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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-04-10 · 15 (10.4.1914) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 246 Dr. Bkvchs Wochenschrift. Nr. 1b Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelit. Kultusgcmeinde vom 29. März 1914 unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Präsident Dr. Alfred Stern bringt eine Zuschrift des Herrn Obcrrabbiners Dr. G ü d e m a n n zur Verlesung. Das Plenum beschließt einhellig, dem in dieser Zuschrift gestellten Ansuchen des Herrn Oberrabbiners um Pensionierung keine Folge zu geben und von diesem Beschlüsse den Herrn Oberrabbiner mit dem Ausdrucke des tiefsten Bedauerns über die Ursachen, welche in ihm diesen Beschluß reifen ließen, sowie mit dem Ausdrucke der Wertschätzung für seine Person und der uneingeschränktesten Anerkennung für seine bisherige Tätigkeit in Kenntnis zu setzen. Gleichzeitig wird beschlossen, Herrn Oberrabbincr Dr. Güdemanu, insolange er dies wünschen sollte, von allen Verpflichtungen bezüglich Vornahme von Predigten bei Gottesdiensten, Ansprachen bei Trauungen und Leichenbegängnissen zu entheben, wobei es ihm unbenommen bleiben soll, bei besonderen Anlässen nach seinem Wunsch? Fuuitiouen auszuüben. Präsident Dr. Stern stellt uns eine Abschrift des in dieser Angelegenheit zwischen dem Präsidium und dem Herrn Oberrabbiner gepflogenen Briefwechsels, dem zweifellos die Bedeutung historischer Dokument-? zu i’omnit, zur Verfügung. Diese Zuschriften haben folgenden Wortlaut: jUcrfißBb btr ilrae!. kinltttEMttnde lüfnt ZQ! riß . x l'.fU. Wien, 27. Februar 11)11. Euer Ehrwürden! Hochgeehrter Herr Oberrabbineri In innigster Teilnahme wenden sich die Herzen der ganzen Gemeinde ihrem geistlichen Oberhaupte und seiner hochverehrten Gattin zu, denen das schwerste Geschick widerfahren ist, das Eltern treffen kann: ein blühendes, mit den treiflichsten Gaben des Geistes und des Herzens ausgestattetes Kind zu verlieren, ein Kind, das nicht nur seinen nächsten Angehörigen, sondern allen, die es kamilen, lieb und teuer war. Die Dahingeschiedene ist nun al ein Erdenleide entrückt, für die Hinterbliebenen aber versagen fast für solchen Schmerz die Worte des Trostes und des Mitgefühles; sie dürfen aber nicht versagen bei einem Manne, den sein Beruf dazu bestimmt hat, anderen ein Tröster zu sein, der die Kraft und die Gabe besessen hat, in nahezu fünfzigjähriger segensreicher Wirksamkeit Tausenden und Abertausende n beizustehen. ihnen angesichts des Todes Trost und Erhebung zu spenden, neue Kraft und ungemiudertes Gott-Vertrauen einzuflößen. Und wenn Ihr Herz, bedrück! durch die Wucht des Geschickes, in diesem Gedanken allein jetzt noch nicht Trost zu finden vermag, dem Appell an ein Gefühl werden >Sie sich nicht verschließen können: au Ihr Pi lichtgef uh', das Ihrem ganzen Wirken das Gepräge gibt, das Ihnen bis zum heutigen Tage die Kraft gab, Vieles und Schweres zu überwinden, und das limen auch die Kraft geben wird, diesen schwersten Schlag Ihres Lebens in Ergebung zu tragen. Es ist Ihre heilige Pflicht, der ganzen Gemeinde gegenübei zu erweisen, daß Gottvertrauen und starker Glaube bei Ihnen das vermögen, was Sie durch Ihr Wort bei anderen so oft bewirkt: sieh in Ergebung zu finden: es ist Ihre Pflicht aber auch gegenüber Ihrer Gattin, die in fast übermenschlicher Kraft die Gefühle des Mutteiherzens überwand, um Ihnen Stütze und Beistand sein zu können. In diesem Gedanken werden Sie, hochverehrter Herr Oberrabbincr, Trost linden. Die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde, das aus tiefstem Herzen quellende Mitgefühl aller wird Ihnen uyd Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin und allen Ihren Angehörigen beistehen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Präsident: Dr. Alfred Stern in. p. Dr. Theodor Lieben m. p. Erster Sekretär. Wien, 10. März 191-1. Hochgeehrter Vorstand! Die geschätzte Zuschrift vom 27, Februar 1. J., die Sie an mich und meine Frau gerichtet haben, und in der Sie nicht bloß die innigste Teilnahme des Vorstandes, sondern auch die der ganzen Gemeinde 'zu dem unersetzlichen Verlust bekunden, von dem wir durch das Hinseheiden unserer geliebten Tochter nach Gottes unerforschlichem Ratschluß heimgesucht worden sind, hat uns tief gerührt. Jede Zeile, ja jedes Wort in Ihrer Zuschrift atmet -das wärmste Mitgefühl, und wenn Sie schon durch diese außerordentliche Teilnahme an unserem Schmerz mich zu innigstem Danke verpflichten, so wird diese Dankespflicht noch vergrößert’ durch die anerkennenden Worte, die Sie meiner, wie Sie sagen, nahezu fünfzigjährigen Tätigkeit in unserer Gemeinde widmen und worin ich den schönsten Lohn für mein Wirken finde. Sie richten einen warmen Appell an mein Pflichtgefühl, das mir die Aufgabe auferlegt, vor der ganzen Gemeinde die siegreiche Kraft des Gottvertrauens und des Glaubens zu bekunden. Ich werde diesem Appel], der von so berufener Seite an mich ergeht, mein Ohr nicht verschließen; aber es ist auch ein anderer Appell, der in diesem großen Unglück an mich herantritt, dem ich mich nicht entziehen kann und dem auch Sie sich nicht verschließen werden. Hochgeehrter Vorstand! Ich befinde mich im SO. Lebensjahre. Wenn mir auch Gott bis jetzt die Gabe, mich weithin vernehmlich zu machen, erhalten und mich davor bewahrt hat, auf der Kanzel den Eindruck der Gebrechlichkeit zu machen, so muß doch auch ich den Einflüssen und Gefahren des hohen Alters Rechnung tragen. Der graue Star, au dem ich leide vermindert meine Sicherheit auf der Estrade. Ich gehe jedesmal, besonders mit der Thora im Arme, voll Angst die wenigen Stufen hinunter. Ich habe deshalb in den letzten Zeiten wiederholt mit meiner Frau die -Notwendigkeit erwogen, das Predigen auf zugebe-n. Nun hat Gott in seinem unerforschlichen Ratschlüsse, vor dem ich mich beuge, mir mein Kind genommen und mich dadurch der Herzensheiterkeit beraubt, die bei' mir von jeher der Quell des rednerischen Impulses und Aufschwungs gewesen ist. Vermag ich bei allem Gottvertrauen und Pflichtgefühl in meinem Alter einen dahingesch wunderten Zustand zu erneuern, von dem ich sagen muß, daß es ein Wunder ist, wenn er mir überhaupt bis in mein Alter treu geblieben ist? Hochgeehrter Vorstand! Ich bin in diesen schweren Tagen ernstlich mit mir zu Rate gegangen und zu der Erkenntnis gekommen, daß ich das Predigtamt in seinem ganzen Umfange auf der Kanzel, bei Trauungen und Leichenbegängnissen aufgeben muß. Es wird mir schwer, dieses Bekenntnis abzulegen, aber sunt certi denique fines! Diese Gewißheit wird mir von dem großen Unglück, das mich betroffen hat, nur zu nahe gelegt, und dieser Appell über tönt jeden anderen. Ich gewinne es einfach nicht mehr über mich, wie früher mit heiterem Geist und Sinn zu predigen, ich sehne mich nach Ruhe und Zurückgezogenheit, worauf ich gewiß Anspruch habe, und ich muß mich mit dem Gedanken trösten: Es ist besser, daß ich sage: „Genug!“, als daß ich abwarte, bis es die Gemeinde sagt. Unter diesen Umständen sehe ich mich genötigt, um meine Pensionierung anzusueheu, damit ich von allen Verpflichtungen, die mit dem Predigtamt verbunden sind, befreit werde. Ich lege meine materielle Zukunft in Ihre Hände und darf wohl voraus-etzen, daß mir und meiner Frau unsere bisherigen Sitze im Tempel zur Verfügung bleiben. Was den Vorsitz im Rabbinat betrifft, so bin ich bereit, du er keine Aufregung verursacht, ihn bis auf weiteres beizubehalten. und stehe überhaupt für die Abfassung von Gutachten u. dergl. zu Diensten. Ich bitte hie-nach, für Pessach und die folgende Zeit für gefällige abwechselnde Vertretung bei allenTempelfunktionen bis zur Wahl eines Nachfolgers Sorge tragen zu wollen. Durch eine möglichst rasche Erledigung dieses Ansuchens, am liebsten ohne meine persönliche Einvernahme, die mich nur auf regen könnte, würden Sie mich besonders verpflichten. Ich verbleibe nut außerordentlicher Hochachtung und Dankbarkeit Ihr ganz ergebener Dr. Güdem a n n -m. p.

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