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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-04-10 · 15 (10.4.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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sr-. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 245 schienenes Werk*) des Dr. G. H. Heron, eines berühmten englischen nichtjüdischen Arztes, hinzuweisen. In diesem Buche findet sich ein Kapitel über die angebliche Freiheit der Juden von tuberkulösen Krankheiten. Der Verfasser untersucht auf Grund ihm vorliegenden Materials die Ursache der Unempfindlichkeit des jüdischen Volkes und benützt hierbei auch die ihm von anderen hervorragenden Aerzten gewordenen Mitteilungen und führt aus, wenn sich auch die Tatsache herausstellt, daß die Juden nicht geradezu als ganz unempfänglich für die Schwindsucht bezeichnet werden können, so glaubt der Verfasser, soweit die Juden in London in Betracht kommen, einen triftigen Grund gefunden zu haben, der mntntis mutanciis auch wohl im allgemeinen stichhältig sein dürfte. Die angeborene Immunität der Juden in der Gegenwart wurde dadurch beeinträchtigt, daß sie — Dr. Heron spricht von den aus Rußland nach England eingewanderten Juden —, was Wohnung und Nahrung betrifft, unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen ihr Leben fristen, dadurch an ihrer Widerstandsfähigkeit Einbuße erleiden und auch inanche aus ihrer Mitte dem Tuberkelbazillus zum Opfer fallen. Wenn nun schließlich trotz alledem konstatiert werden kann, daß jene Immunität in gewissem Grade vorhanden ist, so kommt Dr. Heron zu der Schlußfolgerung : „Es ist von großer Wichtigkeit, festzustellen, warum diese Immunität vorhanden ist. Die für die Entscheidung dieser Fragen wichtigen Tatsachen scheinen folgende zu sein: einmal und in ganz hervorragendem Maße die weisen Gesetze, welche bis zu einem beträchtlichen Grade die Qualität der Speisen der Juden regulieren, dann die erbliche Widerstandsfähigkeit des Volkes und schließlich die Peinlichkeit, mit welcher die Hausreinigung untere einer großen Anzahl von jüdischen Familien ausgeführt wird." Letzterem Punkt legt Dr. Heron aus sanitären Gründen hohen Wert bei, und er hat vom Standpunkt des Hygienikers besonders lobende Worte für die alljährlich sich anläßlich des Pessachfestes wiederholende, bis ins kleinste Detail gehende gründliche Reinigung von Hans und Hausgerät. Dies der Standpunkt eines nichtiüdischen Gelehrten, dessen Werk die wissenschaftliche Welt mit Freude begrüßte, und wir zweifeln nicht, daß bei fernerem Studium auf diesem Gebiet sich noch so manche wissenschaftliche Wahrheit ergeben wird, welche zwar für den gläubigen Inden ein nicht erst erforderlicher Beweis für den Wert unserer Vorschriften ist, der Beweis ihres göttlichen Ursprunaes ist uns Beweis genug, wohl aber dürfte weiteren Kreisen unseres eigenen Bekenntnisses die Wahrnehmung zu-iute kommen, daß den zum Besten des jüdischen Menschen geschaffenen Gesetzen von nichtiüdisthen Gelehrten, wenn auch zunächst nur vom Standpunkt der Hygiene und Sanität. Anerkennung gezollt und sie zur Nachahmung empfohlen werden. Korrespondenzen. Oberrabbiner Dr. Güdemann. Als im rauhen Sturme des verflossenen Herbstes Rabbiner Dr. Ad. Schmie dl zur Ruhe gebettet wurde, Trauer und Trübsal die Gemeinde erfüllte, da mochte sich in den Schmerz der Gedanke mengen: Die Natur, die allgütig ist und doch unerbittlich zugleich, hat ihr Recht gefordert. Mn köstliches und langbetagtes Leben "war zur Rüste gegangen, es war vollendet. Heute steht die Gemeinde vor einem neuen, ebenso unersetzlichen Verluste, dessen Schmerzlichkeit jedoch sich tiefer bohrt, weil ein Mann, der strotz seiner achtzig Jahre) froh und arbeitsfreudig war, den die Fülle seiner Jahre zur Größe gereist, zu überragender Bedeutung emporgetragen hat, von seelischem Leide getroffen in sich zusannnengesunken ist. Dr. Moriz Güdemann, der Oberrabbiner der Wiener Kultusgemeinde, will sich aus der strahlenden Helle seiner Kanzel in dunkle Zurückgezogenheit flüchten, will, gebeugt durch ein böses Geschick, das ihm ein teures Kind entrissen, das heilige Amt. das er zum Segen der Gemeinde fast durch ein halbes Jahrhundert versehen hat, für immer niederlegen. Der Name Güdemann ward zum Programm: Lehrer und Meister, Führer und Kämpfer. Nach Wissen und Bildung durch und durch modern, weltmännisch gewandt und voll Einsicht für die Erfordernisse der Zeit, blieb er unnachgiebig und konservativ, sowie es galt, Religion und Tradition zu wahren und zu verteidigen. Er hat mit der gewaltigen Entwicklung der Großstadt auch die Entfaltung unserer Gemeinde und ihres Lebens und Webens werktätig mitgemacht: er hat an allen Fragen und Kämpfen, die der Tag gebracht, die der Wandel der Zeiten im Wechsel der politischen Programme entfacht, die Anfeindungen und Hintansetzungen, Scheelsucht und Mißgunst wider uns gezeitigt hatten, aber auch an dem inneren Zwiespalt im eigenen Lager lebendig und leidenschaftlich teilgenommen und sich für alle zeitgenössischen Ereignisse sein offenes Auge bewahrt. Er ist mit der Schürfe seines geschulten, historischkundigen Geistes in die Tiefe der gesellschaftlichen und sozialen Probleme gedrungen und hat allerwärts laut seine Stimme dazu erhoben. Sein beredter Mund wußte nicht bloß zu erbauen und zu erheben, nicht vloß zu preisen und zu trösten, erschöpfte in Liebe und Ergebung sich nicht allein. Er fand auch Worte bebender Entrüstung und flammenden Zornes gegen Unrecht, Verfolgung und Verrohung, die über unsere Glaubensgenossen hier und anderwärts so überreich sich entluden. Da kannte er keine schwankende Schwächlichkeit des Gemütes. Da erschien es, als ob er just daran zu seiner wahren Größe sich emporhob. Sein weiches und Pastorales Organ schwoll zu dröhnender Stärke, die sonst sparsame Geste wuchs und mehrte sich, um die Stoßkraft seines Rufes zu verstärken und mit seinen Worten und seinem Gehaben alle fortzureißen, die an seinen Livven hingen, um die lockende verführerische Labsal der Aufrichtung und Ermutigung in sich einzusangen. Und nun? Jetzt fühlt sich d'wer starke, mutige Mann inüde and gebrochen, fühlt seine tapfere Willensstärke und seine Spannkraft schwinden. Er, der so viele Generationen gelenkt und gelehrt, sie in freudiger Stunde geleitet, in Leiden getröstet hat, er, der so oft beflissen war, die Last, die fremde Schultern drückte, zu lindern, gibt tränenschweren, trüben Blickes sich mutloser, zaghafter Verlassenheit gefangen: nicht etwa in verdrossener Aufwallung, sondern in Demut und gottergebenem Sinne ob der harten Prüfung, die ihm die Vorsehung aufgeladen. Der Tod seines Kindes hat ihm den Willen zur Tat geraubt, ihm die Lust zur Arbeit genommen. Er aber weiß: die Gemeinde und ihr religiöses Leben brauchen unermüdliche, schaffende Werkleute: sie brauchen kräftige Hände und starke Herzen. Die seinen sind schwach und unsicher geworden. Das kündet der Oberrabbiner seiner Gemeinde und ihren Vorstebern und diese horchen voll Wehmut und dankbarer Anhänglichkeit auf die Worte seines unvergänglichen Bekenntnisses.

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