Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 241 den zu verbergen, Wir wüßten wahrlich auch nicht, aus welchem Grunde wir dasselbe denn eigentlich verbergen müßten! Lehrt doch das Judentum eine Weltanschauung und eine religiöse Ueberzeugung, die auf höchster sittlicher und moralischer Stufe steht und ohne das es auch nie ein Christentum gegeben hätte, das wie Venetianer, Jüdisches im Christentum (Volksschriften über die jüdische Religion, herausgegeben von Dr. I. Ziegler, Karlsbad, Frankfurt a. M. 1913, 8. 82), mit vollem Recht behauptet: Wenn wir nun neu ganzen Komplex der jüdischen demente, die im Christentum zu finden sind, überschauen, könnte die Frage, was dem Christentum bleiben würde, wollte es alles Jüdische ausscheiden, unschwer beantwortet werden. Der Apostel Paulus hatte mit seinem Gleichnis vollkommen recht: er wollte den wilden Oelbaum durch Aufpropfen edler Zweige veredeln, hatte aber Zweige des wilden Oelbaumes dem edlen Oelbaum aufgepropft. ine Zweige werden von den Wurzeln und vom Stamme getragen und :— erhalten. Müßten aber wir trotzdem unser Judentum verbergen, wäre ja diese Verbergung eigentlich eine viel größere Schmach und Schande für diejenigen, die statt Nächstenliebe zu üben und Achtung auch vor einer anderen religiösen Ueberzeugung zu hegen, so haßerfüllt, intolerant und fanatisch sind, daß man selbst seine ererbte heiligste Ueberzeugung vor ihnen verbergen müßte! Aber die Wahl eines landesüblichen Namen — Ihre Bezeichnung der bei den Juden gebräuchlichen Namen mit „bürgerlichen“ ist übrigens eine falsche und nichtsbesagende — ist bei den Juden sehr alt und hat schon zu einer Zeit und in Gegenden stattgefunden, die durchaus nicht von jenem krankhaften, jeder gesunden Moral und dem Gebote der Nächstenliebe ins Gesicht schlagenden Judenfeindlichkeit erfüllt waren. Schon als die Juden unter Heiden wohnten, heißt es von ihnen (vgl. Jer. Gitin 1,1 Jisräel bechüz lääres Semöth ehern kesehemöth haaküm): Die Juden außerhalb Palästinas führen die Namen von Heiden. (Vgl. auch Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, Leipzig 1911, B. 1!, 8. 83.) Ich empfehle aber Ew. Hochwürden diesbezüglich ganz besonders zum Studium einen auch sonst sehr lesenswerten, diesen Gegenstand erschöpfenden Aufsatz von Zunz, Namen der Juden, Lpz 1837 (wiederabgedruckt in Gesammelte Schriften, Berlin 1876, B. II, 8. 1 ff). (Vgl. auch das gelehrte Werk Sefer -Tibh Gitin des Samuel ben Phoebus, Ed. Warschau 1884; Sefer Nachlath Sibhä des Samuel ben Dawid halewi, Warschau 1884 und Horowitz, Sefer Mate Lewi, Frankfurt a. M. 1891, 8. 1 ff). Vgl. auch Zunz, Zur Geschichte und Literatur, Berlin 1845, B. I, SS. 174 ff; 422 und 460 ff. Aus diesen Werken werden Hochwürden ersehen, daß wir Juden getragen sind von dem herrlichen Worte des Jeremia (29,7), das uns als ein kostbares, nicht feil zu habendes Vermächtnis gilt: Fördert das Wohl des Staates, dahin ich euch führe, und betet um ihn zum Ewigen, denn in seinem Wohle wird euch wohl sein. Unter diesem „Wohl“ aber versteht die jüdische Sittenlehre nicht allein das äußere Glück, die Ruhe und Sicherheit des Lebens, sondern wir hören -aus diesen Worten die Aufforderung, mit allen unseren Kräften das Gedeihen aller sittlichen, aller geistigen Güter der Völker zu fördern, unter denen wir leben, und an ihren nationalen Aufgaben mitzuarbeiten (vgl. Steinthal bei Freudenthal, Religionsbuch für den israelitischen Religionsunterricht an den Oberklassen der Gymnasien und Töchterschulen, Nürnberg 1912, 8. 145). Zu diesen Aufgaben aber zählen wir auch, daß wir unsere Namen, die ja stets dem freien Ermessen und der bloßen Willkür anheimgegeben sind, angleichen den Namen aller anderer Staatsbürger (vgl. übrigens G. Cohn. Das Recht am eigenen Namen in Neue Rechtsgüter, Berlin 1902, wo manches Treffende hier herangezogen werden kann). Es wäre übrigens ja auch lächerlich, wenn, sagen wir, ein in England lebender Jude, dessen Mutter- und Verkehrssprache die englische ist und der in allem sich des Englischen bedient, gerade in der Wahl des Vornamens seines Kindes, das in fortwährender Berührung mit der Außenwelt sich zu entfalten hat, mit einem nur hebräischen Namen benennen würde. Im übrigen herrschte und herrscht bei allen Menschen gerade bei der Wahl der 'Vornamen eines Kindes so viel Willkür und Eigensinn, gewiß zuweilen auch Pietät und ein gewisses sprachliches und gesellschaftliches Ausgleichungsstreben — Hochwürden werden dies, weil Sie ja Kindern keine Vornamen zu geben haben, nicht so entsprechend zu beurteilen verstehen als wir, die wir wohl Kindern Vornamen zu geben haben —, daß von einer bewußt völkischen oder mit dem eigenen Lebensschicksale verknüpften Namensgebung in den seltensten Fällen die Rede sein kann. (Nebenbei bemerkt, wo dies zuweilen in letzter Zeit doch1 geschehen ist, zeigte sich, meinem Empfinden nach, manche sprachliche Geschmacklosigkeit. (So z. B. nannte mancher nach dem Jahre 1813 sein Kind: Blücherine, Gneisenauette, Landsturmine.) Das war früher einmal der Fall (vgl. Nestle, Die israelitischen Namen, Eigennamen nach ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung, Haarlem 1876; Mommsen, Römische Forschungen, B. I, 2. Aufl., Berlin 1865, und Lübkers Reallexikon des klassischen Altertums 8, hrg. von J. Geffcken und E. Ziebarth, Leipzig 1914, s. v. Namen, 8. 697 ff), heutzutage aber — ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt — wählt man als Vornamen seiner Kinder Namen, die ganz außerhalb dem Bereiche einer Beziehung zum Inhalte oder dem ursprünglichen Träger dieser Namen stehen. Gar oft, dies darf nicht außer acht gelassen werden, ist es sogar ein für Wohllaut fein ausgebildetes Spraehempfinden, das zur Wahl eines Vornamens zwingt, indem man diesen in eine gewisse sprachangleichende Relation zum Familiennamen zu bringen strebt, ohne aber hiebei an den ursprünglichen Träger oder aber auf den Inhalt des Wortes zu denken. Wer wollte darob Eltern einen Vorwurf machen! Oder glauben Hoch würden ernstlich, daß jeder Vater, der seinem Kinde den Vornamen „Konrad“ gibt, schon von der die Zukunft vorausschauenden Ahnung erfüllt ist, sein Söhnchen werde einstmal ein Kühner im Rate sein? Oder sind wirklich alle Hildemars schlachtberühmt, alle Volk- und Ditmars (— griech. Damokles) volksberühmt, alle Gertruden Speerbräute und alle Bernharde (nicht zu reden von der geschmacklosen Bildung: Bernhardine!) kühn und stark wie Bären usw.? Genau aber wie bei der Wahl dieser Namen in den meisten Fällen die reinste Willkür obwaltet, so herrschte dies auch bei der Wahl anderer Namen, und hierin bildeten weder Christen noch Juden eine Ausnahme. Falsch aber ist es, zu behaupten, die Juden hätten bei der Wahl der Vornamen ihrer Kinder von dem Streben sich leiten lassen, ihr Glaubensbekenntnis oder ihr Volkstum zu verbergen. Denn dann müßten Hochwürden logischerweise der Meinung sein, daß die vielen hohen, ja die die höchsten kirchlichen Aemter bekleidenden Würdenträger, die biblische Namen trugen, sie nur darum führten, um ihr Christentum zu verbergen. Hochwürden dürften ja das bekannte Buch von Pastor, „Geschichte der Päpste“ kennen? Dort werden Sie Namen wie Johann und Josef finden, und dieser letztere Name soll einem Buche entlehnt sein, das man das „Alte Testament“ nennt und das allgemein als ein gut „jüdisches“ Buch gehalten wird? Oder war der einstige Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, der große Naturforscher Isaak Newton, der berühmte Philosoph David Humes, waren die vielen Könige, die den Namen Johann oder Josef oder Jakob (in England) führten, solche, die ihr Christentum dadurch, daß sie biblische Vornamen trugen, verbergen wollten? Oder wollen etwa alle Christenfrauen, die den Namen Maria oder Anna tragen, um nur einige zu nennen, darum, weil diese Namen gut jüdisch sind, ihr Christentum verbergen? Dann fürwahr ist die Zahl der ihr Christentum verbergenden Frauen keine geringe! Dann aber müßten Hochwürden pflichtgemäß schon bei der Taufe solcher mit biblischen Namen belegten Kleinen eigentlich Ihre Mitwirkung versagen? Sie müßten aber dann auch den Heiligenkalender einer gründlichen Revision unterziehen. Sie werden allerdings dann zur Ergänzung der Tage des Jahre manchen germanischen und altdeutschen Namen herbeiziehen müssen, dem wohl die Spuren von Götterglauben, nicht aber von einem einig einzigen Gotte anhaften (vgl. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, 2. Aufl., I. B. Personennamen, Bonn 1901; Pott, Die Personennamen, 2. Aufl., Leipzig 1859 und Beleze, Dictionnaire des noms de bapferne, Paris 1863). Hochwürden sehen also, daß Ihre Bemerkungen besser unterblieben wären. Zudem haben sie nicht einmal den Vorzug der Originalität für sich. Denn der Sturmlauf gegen landesübliche Vornamen bei Juden ist oft losgebrochen, hat aber stets mit einem Fiasko geendet. Vielleicht wird Sie in diesen Belangen folgender Fall interessieren: Im Jahre 1836 versuchte man in Preußen die Juden in der Wahl ihrer Vornamen zu beschränken (vgl. Rönne und Simon, Urkunden, 8. 43, und Graetz, Geschichte der Juden. Leipzig 1870, B. XI, 8. 507), da ging ein in der Provinz Posen lebender Jude, dem ein Sohn geboren wurde, zum Standesbeamten hin und verlangte die Eintragung seines Kindes auf den gut jüdischen Namen „Jesus“. Von da ab ward die Beschränkung aufgehoben! Allerdings gab es wieder Zeiten, wo die Juden gerade wegen der Wahl deutscher Vornamen nur gelobt worden sind. So heißt es in einer Kabinettsordre in Preußen mit Bezug auf die von Juden gebrauchten deutschen Vornamen (abgedruckt bei Graetz, a. a. O., 8. 350), „weil es die löbliche Tendenz verräth, sich überall der allgemeinen Landessitte anzuschließen und Alles, was die bisherige Absonderung und den Judaismus sogleich äußerlich bezeichnet, möglich fortzuschaffen“. Also Hochwürden, nicht um unseren Glauben zu verbergen geben wir unseren Kindern für den alltäglichen (nicht svnagogalen) Gebrauch deutsche, englische, slavische usw. Namen, sondern weil wir als treue Staatsbürger in der landesüblichen Sprache unsere Kinder benennen und rufen wollen, in der Sprache, die wir sprechen und die wir in unserem Verkehre des Lebens gebrauchen. Wir glauben hierin