Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 14 Dr. Blochs Wochenschrift. tr, 223 kommen, daß nicht wir Juden die Schuld an diesem Hebel tragen, sondern datz von vielen, so überaus reichen Hilfsquellen alles, was jüdisch ist, ausgeschlossen wird, datz somit als begreifliches Gegengewicht jenes wenige gar nicht in Relation zu bringende Kapital, das aus jüdischen Quellen fließt, auch jüdischen Zwecken zugewendet werden mutz, wenn nicht anders unsere Glaubensgenossen von dem größten Teil der Unterstützungen ausgeschlossen werden sollen. Es gibt ertrem konfessionelle Vereine, welche bereits in ihren Statuten die Verpflichtung auferlegt erhalten haben, nach der Religion der Petenten zu fragen. Es gibt aber auch eine überaus große Gruppe von interkonfessionellen Vereinen, die sich auf den früher erwähnten, allerdings idealsten Standpunkt stellen: Wir fragen nicht oarnach, wessen Kinder unsere Hilfe verlangen. Das Ergebnis ist leicht zu ersehen. Nehmen Sie den Jahresbericht, z. B. des «Vereines „T reu e" zur Hand. Ich erwähne diesen Verein deshalb, weil ich ganz gut weiß, datz seine Mitglieder durch feste Bande an diesen Verein gekettet sind und datz ich diesem Institut durch die beispielsweise Aufführung nicht schade. Der Verein „Treue", Asyl für mißhandelte Kinder, weist im Jahre 1913 einen Gesamtumsatz von ca. Kr. 10.000.— aus. Nehmen Sie freundlichst das Mitgliederverzeichnis zur Hand und Sie werden mit wenigen Ausnahmen finden, datz dort fast lauter jüdische Mitglieder und jüdische Spender verzeichnet sind. Höchst erfreulicher Weise sind mißhandelte jüdische Kinder eine so ungeheure Seltenheit, datz wohl kaum auch nur annähernd das Verhältnis der beitragenden Juden zu den unterstützten jemals hergestellt werden kann. Diese Kette, welche ich früher erwähnt habe, ist es wahrscheinlich auch, welche die Kultusgemeinde in Wien zu einer Spende von Kr. 50.— veranlaßt hat. Ich bitte, mich recht zu verstehen. Es ist gewiß außerordentlich dankenwert, auch zweifellos notwendig, daß mißhandelte Kinder trunkenen oder entarteten Eltern oder Pjlegeeltern so rasch als möglich entrissen und in ordentliche Verhältnisse gebracht werden. Diese Notwendigkeit ein- . nstven, haben aber alle Staatsbürger die gleiche Pflicht und es ist ein Unrecht, diese Last ausschließlich auf die Judenschaft zu wälzen, weil ihre empfindlichen Herzenssasern leichter zu bewegen sind als die ihrer Mitbürger. „Im Jahre 1913," so heißt es in deni Jahresbericht des Vereins, „wurde nur ein Kind ausgenommen; es ist dies die 9jährige Sofie H.; der Pflegevater ist Kesselschmied und lebt mit seiner Frau im Konkubinat; die kleine Sofie wurde übermäßig gezüchtigt und wir übernahmen das Kind im Zustande höchster Vernachlässigung; es wurde von uns in ein K l o st e r gebracht, um ihm die Möglichkeit des Weglaufens zu nehmen. Sein Betragen ist jetzt zufriedenstellend, und es ist die Hoffnung vorhanden, datz es bald ein ordentliches Kind wird." Ja, glaubt die israelitische Kultusgemeinde, glauben die Mitglieder der „Treue" wirklich, datz die Unterbringung und Erziehung eines Kindes in einem Klo st er jener wünschenswerte Zweck ist, in dem sich die ganze N eue i st u n g des Vereines im Jahre 1913 erschöpft? Ein anderer Verein, dem ich aus demselben Grunde gewiß auch nicht schade, wenn ich ihn erwähne, weil auch seine Mitglieder in brüderlicher Treue an ihm festhallen, ist die „H e i m a t". Mitglieder, Spender fast ausschließlich Juden. Von 130 Schützlingen, die im Jahre 1912 ausgenommen wurden, sind 114 römisch-katholisch, 9 mosaisch, im Jahre 1911 117 römischkatholisch. 6 protestantisch, 7 israelitisch. Auch dieser Verein wird gewiß keinen jüdischen Schützling von sich weisen, aber seine Statuten an und für sich sind schon so geschaffen, datz der Verein hiezu kaum öfter in die Lage käme. Freilich führt er von den Fällen, die ihm unterkamen, an: Ein Stubenmädchen aus Hohenbach wurde mit Nahrung gestärkt, aufgenommen und ihr ein Dienstplatz verschafft. Ein Mädchen, 20 Jahre alt, aus Kriegern, kam ohne Geldmittel nach Wien, um einen Dienst zu suchen. Sie hatte sich heimlich von ihren Verwandten entfernt, denen sie zurückgestellt wurde. Wie gesagt, ich bin weit davon entfernt, die Tendenzen dieser Vereine zu mißachten, oder nicht jener großen, freiwilligen Arbeit, welcher sich die Vereinsfunktionäre unterziehen, mit dem schuldigen Respekte zu begegnen, allein es sollte doch zur Förderung dieser Vereinszwecke genug Geld zur Verfügung stehen, welches allgemeinen Fonds entnommen wird. Darunter wird also die Zentralstelle immer zu leiden haben, daß sich eine große Reihe von Philanthropen aus den gewiß berechtigten Standpunkt stellt, die Religion der Hilfsbedürftigen beiseite zu lassen, ohne in Betracht zu ziehen, datz die Widmungen ausschließlich für Juden ein notwendiges Gegengewicht gegen die Zuführung der u ng eh euren Reichtümer der Stadt, des Landes und der Gesellschaft für ausschließlich judenreine Zwecke bilden. Freilich, die Mitg irder der „Treue" wi sen, datz. wenn sie nicht diesen Verein ins Leben rufen, die Kinder weiter mißhandelt werden, die Mitglieder der „Heimat" sind sich darüber klar, datz. wenn sie ihre Vereinigung auflösen, an ihre Stelle keine andere treten.wird, und so tragen die JKden, wie seit Jahrhunderten, freiwillig die La st des ganzen Volkes aufiuijc u schwachen Schultern, alles Elend, jeden überwälzbaren Schmerz! Wenn vor mehreren hundert Jahren eine Stadt von Pest und Krankheit heimgesucht wurde, so hatten die Juden die Brunnen vergiftet, wenn der Hochadel durch verschwenderisches Leben seine Reichtümer verloren hatte, hatten ihn die Juden bewucheLt, wenn eine Schlacht verloren ging, hatten die Juden das Land verraten, und wenn heute der kleine Mann feine Zeit lieber in der Gaststube als in der Werkstätte verbringt, hat ihn der jüdische Großhandel vernichtet. Zum wahresn Messias ist das jüdische Volk für alle andreren geworden, alles Elend und alle Pein und jeder Schmerz wird auf die Juden abgewälzt, und so sollen sie jetzt auch noch für andere die Pflicht des Wohltuns erfüllen. Ich glaube, meine Verehrten, wir haben genug Elend in unserer Mitte unter unseren Glaubensbrüdern, und es wäre wahrhaft ein erstrebenswertes Ziel, dahin zu wirken, datz nicht ein großer Teil von interkonfessionellen Vereinen das kaum zur Linderung jüdischer Not hinreichende Kapital in fremde Hände fließen läßt. * Darum glaube ich, wird auch die Z e n t r a l ft« l le für das jüdische Armenwesen ihre Existenzberechtigung weiter behalten, ohne Rücksicht auf den großen Zentralkataster der Gemeinde Wien. Die Ausführungen des Vizepräsidenten Dr. Schorst e i n werden lebhaft applaudiert und hieraus der Tätigkeitsbericht und der finanzielle Bericht, den Sekretär Dr. Löwy erstattete, von der Versammlung genehmigend zur Kenntnis genommen. Der Schriftführer des Kuratoriums Herr Heinrich Mendl verweist auf die intensive Tätigkeit des von der Zentralstelle in den letzten Monaten organisierten V e r band e s z n r aürso rge f ü r Kur b ed ü r f - t i g e und zollt besondere Anerkennung dem ärztlichen Beirate des Verbandes, Dr. S. Bondi, Dr. Josef B r e u e r, Prof. Dr. L. K ö n i g ft e i n, kaif. Rat Dr. 3. K r ü g e r, Prof. Dr. Wilhelm Roth und Dr. Ignaz W inte r. Zum Pun.te „Wahlen iu das Kuratorium" gibt der Vorsitzende bekannt, datz die Mandate der Herren kaif. Rat Dr. 3. K r ü g e r, Heinrich M e n dl, Direktor I. Mautner und der Damen Sofie Deutsch, Regine Kopstein, Emilie Weiß in diefetn Jahre ablaufen und für diese Mandate Neuwahlen erforderlich sind, worauf sämtliche genannten Kuratoriumsmitglieder [»er acclalimriontMü wiedergewählt werden. Der Antrag des Herrn Ignaz W t ü ck, Herrn Heinrich Men dl für feine außerordentliche Tätigkeit auf humanitärem Gebiete und für feine in letzter Zeit den Kinderhorten gewidmete munifizente Spende Tank und Anerkennung auszusprechen, >vird von der Versammlung unter lebhafter Akklamation für den Spender einstimmig angenommen. Herr Heinrich M e n d l richtet an die Delegierten der Vereine das Ersuchen, den Kataster der Zentralstelle möglichst reich mit Recherchen zu alimentieren. Dr. Julius Ile sch, Obmann des österreichischen Hilfsrereines für zugereiste Kranke, erinnert daran, daß seinem Vereine die Zuziehung bei der Regelung der ^rage des Abtransportes von zugereisten Kranken seitens der vorjährigen Delegiertenversammlung in Aussicht gestellt wurde, eine Einladung aber bisher nicht erfolgte. Namens des Kuratoriums erwidert hierauf Herr Heinrich Men dl, daß die Zmtra steile im abge^aufenen Jahre durch die neuen Organisationen allzu sehr in Anspruch genommen wurde und sich daher der Krankenfürsorge nicht zuwenden könnt". Im gegebenen Momente iverde der Verein den betreffenden Beratungen zugezogen inerden. Herr Siegfried fleisch e r ist erfreut zu hören, daß hier in Wien ein besonderer Verein zur Fürsorge für zugereiste Kranke existiert und verweist auch auf die engen Berührungspunkte der Tätigkeit dieses Vereines mit der unter Aegide der österr. ifrael. Union neu entstandenen Organisat'on zur Fürsorge für Wandercmiu'. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen stimmt Redner den treffenden Bemerkungen des Berichterstatters