Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022104--22999-3048175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 219 Nr u Dr. Blochs tljcucu (0,2-—0,1 Prozent). Hinsichtlich der qualifizierten Berufe ist der jüdische Prozentsatz, 07 Prozent, der höchste, der Durchschnitt ist nur 20,2 Prozent; die Schotten weisen 58 Prozent, die Engländer 49 Prozent, die Russen 9 Prozent, die Polen, Rumänen und Ruthenen 6,3 bis 2 Prozent auf. Dagegen entfallen nur 32 Prozent Jsr.aeliten auf die „verschiedenen Berufe", die bei den anderen Einwanderern fast die Gesamtzahl umfassen. Mehr als die Hälfte aller jüdischen qualifizierten Einwanderer sind in dem Bekleidungsgewerbe ausgebildet (Schneider, Hut- und Mützenmacher usw); in acht bestimmten Berufen (Mützenmacher, Pelze, Buchbinder, Schneider, Uhrmacher, Blechner, Tischler, Putzmacherei) stellen die Juden die Mehrzahl aller aualisizierten Einwanderer dar. Nach M. Hersch ist die Ursache der jüdischen Auswanderung nicht nur moralischer oder politischer Natur, ja selbst nicht einmal in allzu hohem Maße durch die den Juden in Rußland bereitete Lage bedingt; die angebliche Wanderungslust der Juden soll gar keine Rolle spielen — trotz dem Titel der Studie. Hauptsächlich ist die Auswanderung wirtschaftlichen Ursachen zuzuschreiben, so vor allem dem Uebermaß von Juden im Bekleidungsgewerbe, der Beschränkung des Absatzgebietes für die Produkte jüdischer Arbeit infolge des feindseligen Milieus, den landwirtschaftlichen Krisen, die die Kaufkraft des Nichtjuden schmälern, die Landflucht, die den Kampf ums Dasein in den Städten iminer schwieriger macht, und dies besonders für das jüdische Proletariat, und schließlich infolge der Beschränkung der Zahl jüdischer Studenten an russischen Hochschulen. Die Folgen der jüdischen Auswanderung können verschiedentlich eingeschätzt werden. Zunächst wird zweifelsohne die Lage der nicht ausgewanderten Juden durch die Auswanderung erleichtert, ferner erhalten diese oft beträchtliche pekuniäre Unterstützung aus der neuen Heimat der Ausgewanderten. Andererseits schmälert die Auswanderung den Absatzmarkt in der alten Heimat und beraubt die betreffende Gegend des tätigsten, unternehmendsten Teiles ihrer Bevölkerung. Auf eine „Lösung" der jüdischen Frage dank dieser Abwanderung ist, nach Hersch, nicht zu rechnen: infolge der starken Fruchtbarkeit der Juden in Rußland und in Oesterreich-Ungarn nahm deren Zahl trotz der Auswanderung nicht ab, sondern zu; dagegen nahm diese Zahl relativ zur anderen Bevölkerung ab. Die Bildung eines jüdischen Staates in Amerika gehört, nach unserem Verfasser, in das „Reich jener modernen Legenden, die sich mit dem wandernden Juden befassen"; die Zahl der Landleute unter den jüdischen Einwanderern nach den Vereinigten Staaten ist sehr gering, nur etwa 1,18 Prozent, und hierbei ist noch zu konstatieren, daß ungefähr die Hälfte dieses minimalen Bruchteiles den Landbau sofort nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten aufgibt, um sich dem Handelsstand zu widmen. In allgemeiner Hinsicht hat diese Abwanderung der Juden aus dem östlichen Europa zweierlei Folgen. Erstens findet in Europa selber eine Verschiebung des Schwergewichts des jüdischen Volkes nach dem Westen zu statt, indem die Zahl der Israeliten im eigentlichen Rußland ab- und in Polen zunimmt. Warschau ersetzt mehr und mehr Wilna als intellektuelles und religiöses Zentrum der osteuropäischen Israeliten. Anderseits schuf diese Auswanderung ein starkes moralisches Band zwischen der neuen und der alten Heimat — hiefür ist die Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages ein Beleg. Wochenschrift. Vom Aabrmarkl des Lebens. Von den Juden in Irland. Anläßlich der großen Homerulekrise wird es nicht uninteressant sein, einiges über die Juden iu Irland zu erfahren. In Irland leben jetzt ungefähr 5000 Juden. Es ist interessant, daß, während die Juden außerhalb Irlands, zum Beispiel in Amerika, in w intimen freundschaftlichen Beziehungen zu einander leben, daß diese irisch-jüdische Freundschaft förmlich sprichwörtlich geworden und einen amerikanischen Poeten sogar zu einer schwungvollen Lobeshymne auf diese Freundschaft angeregt hat, in Irland selbst diese eingeborenen Irländer die Juden nicht besonders freundlich empfangen und in einem recht kühlen Verhältnis zu ihnen stehen. In den Städten haben die Juden durch Fleiß und Redlichkeit sich eine Position zu erringen verstanden, und gerade in Belfast, dem Mittelpunkte der gegenwärtigen kritischen Ereignisse, wurde vor kurzem ein Jude zürn Bürgermeister gewählt. Auf dem Lande und in den kleineren Städten hingegen hat der irische Bauer oder Kleinbürger, der abgeschlossen von der Außenwelt, vielleicht niemals über die Gemarkung seines Heimatsortes hinausgekommen ist, die wunderlichsten Anschauungen über die Juden. Besonders bezeichnend hiefür find zwei Anekdoten, die David Werner Amram in feinem Aufsätze „l'euturv ot‘ Jewish Lite in England" erzählt: Ein jüdischer Geschäftsreisender, der einen Kaufmann im südlichen Irland besuchte, wurde von diesem gefragt: „Nicht wahr. Sie sind Jude?" „Ja," antwortete der Reisende. — „Ich wußte es wohl," sagte nun der Jrishman, „aber was ich jetzt wissen möchte ist bloß, was für ein Jude Sie sind? Ein katholischer oder ein protestantischer Jude." Nicht minder bezeichnend ist die zweite Erzählung, deren Heldin die Lady of Limerick ist, die, als sie 70 Jahre alt geworden, einen ihr bekannten jüdischen Großkaufmann ersuchte, ihr einen hebräischen Lehrer zu empfehlen. Als der jüdische Kaufmann verwundert fragte, wozu die hohe Dame in so vorgerücktem Alterhebräisch zu lernen wünsche, antwortete diese offenherzig: „Gerade weil ich mich schon alt fühle und nicht mehrlange zu leben habe, möchte ich noch rasch Hebräisch lernen, damit, wenn ich von dieser Welt abberufen werde und vor den Richterstuhl meines Schöpfers treten muß, ich in der Lage bin, mit feiner Allmacht in seiner eigenen Sprache zu sprechen." Erwähnt sei hier bloß noch, daß sowohl an der Dubliner Universität als auch jetzt an der nationalen Universität von Irland ein Lehrstuhl für die hebräische Sprache und Literatur besteht. Zur Pessachsaison in Warschau. Die größte Judenstadl von Europa, Warschau, steht jetzt ganz im Zeichen der Pessachsaison, nicht weniger als 70 Mazzoth-Bäckereien sind jetzt dort im Betriebe und laut einer Enquete, welche ein Redakteur des „Haint" in 52 dieser Mazzoth-Fabriken durchgeführt hat, beschäftigen diese nicht weniger als 2564 Personen. Es sind dies zumeist jüdische Handwerker, welche ihre jetzige Arbeitslosigkeit gerne durch eine Hilfsarbeit in einer Mazzoth-Bäckerei, wenn auch bei verhältnismäßig spärlichem Lohne, unterbrechen. Ein großer Teil des HilfspersonaleS besteht aus Frauen und zum geringen Teile auch aus jungen Fabriksarbeiterinnen. Verhältnismäßig nicht gering ist auch die Zahl der christlichen Arbeiterinnen, welche die leichtere Arbeit besorgen. Eine Lektion an antisemitische Studenten. In Rocksberry in Amerika kam dieser Tage der Professor der dortigen Handelsschule in seine Klasse und fand zu seiner großen Üeberraschung auf der Tafel mit . X BS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.