Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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S.--e 218 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr 1^ liebe zu Staatsbürgern niederen Ranges werden läßt, welche dem schmutzigen Belieben jedes antisemitischen Journalisten und Agitators preisgegeben sind? Die positive Seite chres Patriotismus ist ebenso einwandfrei wie die negative, wie der Mangel an jedem Vorwurf, den man ihnen machen könnte. Auf allen Seiten sind feindliche Kräfte in den einzelnen Staaten wirksam und lebendig. England hat seine Ulsteraffäre, Frankreich seine Rochetteprozesse, Deutschland die Erregung im Elsaß und im Zentrum, Oesterreich krankt an einer Verfassungskrise, an der Sviha-Korruption, an den Spionageaffären. Ucberall Vergehen und Verbrechen und nirgends die Juden. Es ist nun leicht für antisemitische Geschichtsschreiber und Geschichtenschreiber, Lügen von kürzerer oder längerer Haltbarkeit über die Juden zu verbreiten, denn Papier und Tinte sind geduldig und die Erfindung Gutenbergs dient leider nicht nur dem Ideal. Wenn man jedoch die Wahrheit suchen und hervorheben wird, so wird man immer und überall finden, daß die Juden die überzeugtesten und loyalsten Staatsbürger sind und sich als solche auch betätigen. Das ist vor allem in ihrer Religion begründet, deren Lehrsätze sie mit großer Schärfe und Deutlichkeit auf die Treue gegen das Vaterland verweisen. Die Juden sind aber nicht nur „gesetzestreu" gegen ihre Bibel und ihre religiösen Bücher, sondern auch gegen die Gesetze des Staates. Das ist eine sehr logische Folge des Umstandes, daß man sie immer verfolgt hat, wenn die Gesetze zu schwach wurden für ihren Schutz und daß sie also alle Ursache haben, das Ansehen und die Kraft der Gesetze zu vermehren. Sie wissen das sehr gut. Wenn also Vertreter von Staatsbehörden nicht ihrer persönlichen Laune folgen wollten, sondern den Anforderungen chrer höheren Pflicht, so müßten sie dafür sorgen, daß die Juden als schätzenswerte Elemente betrachtet und behandelt werden. Von höchster Stelle geschieht das wohl. Mer je tiefer man auf der Stufenleiter der Behörden kommt, desto schrankenloser ist der Antisemitismus der untergeordneten Reichsverweser. Zuletzt haben wir wenigstens die traurige Genugtuung, daß Untreue den eigenen Herrn schlägt. Die Verhetzung, die bei uns begonnen hat, vergiftet schließlich das ganze öffentliche Leben. Das ist um so trauriger, als der Antisemitismus, dieses Grundübel des politischen Lebens in Oesterreich, von seinem Anfang bis zum Ende nichts ist als eine ebenso infame wie demagogische und inhaltslose Lüge. Das sieht man, wenn man ihn von Schritt zu Schritt verfolgt, wenn man eine Statistik der Juden führt über ihre Beteiligung an allen gefährlichen Entwicklungsphasen und gerichtlichen Prozessen. _ Der wandernde Jude von heule. (Le Juif errant d’-aujourd’hui.) Unter dem Titel Le Juif errant d’aujourd’liui bringt M. Hersch soeben eine sehr eigenartige Studie über die Auswanderung der Israeliten des östlichen Europa nach den Vereinigten Staaten, eine Studie, die sich von 1899 bis 1910 erstreckt; erst seit 1899 machen die Vereinigten Staaten statistische Erhebungen über die einwandernden Juden. Wir geben hier die Hauptpunkte dieser Arbeit wieder, die in mancher Hinsicht ein neues Licht auf ein bekanntes Proben wir.t. In den zwölf Jahren von 1899 bis 1910 entfielen von den neuneinhalb Millionen Einwanderern in die große Republik rund eine Million auf Juden, d. h. also etwa 11 vom Hundert. Der größte Teil'dieser Juden kam aus Rußland, nämlich 71 vom Hundert oder 765.000; 180.800 waren Oesterreicher und 54.800 waren Rumänen. Die Judenverfolgungen in Rußland, die besonders während der Revolution wüteten, mußten natürlich die Auswanderung beträchtlich vermehren; so wies allein das Jahr 1906 mehr als 125.000 Israeliten russischer Nationalität auf. die nach den Vereinigten Staaten auswanderten. Im Vergleich mit Einwanderern anderer Herkunft steht die jüdische Einwanderung an zweiter Stelle, indem sie nur von derjenigen der Süditaliener (1,911.000 von 1899—1910) übertroffen wird, dagegen das polnische Kontingent (9,9 Prozent), das anglo-irische (9,1 Prozent) und das deutsche (6,9 Prozent) übersteigt. Eine Eigenart dieser Einwanderung ist es, daß ihr keine Abwanderung gegenübersteht: nur wenige Juden die den Boden Amerikas betreten haben, kehren wieder in die alte Heimat zurück oder verlassen überhaupt die Vereinigten Staaten. In den letzten Jahren nahm dagegen die Einwanderung aus dem östlichen Europa ab. Weiter unterschied sich der jüdische Einwandererstrom durch seine Zusammensetzung in fundamentaler Weise von den anderen Kontingenten: das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist weniger verschieden. Von 1899 bis 1910 kamen bei allen Einwanderern auf 69 Männer 31 Frauen; bei der jüdischen Einwanderung war das Verhältnis 57 zu 43, wobei nur die Irländer ein noch ausgeglicheneres Verhältnis der Geschlechter aufweisen, nämlich 48 Männer zu 52 Frauen. Die Russen nichtjüdischer Konfession weisen ein Verhältnis von 85 zu 15 und die Rumänen ein solches von 91 zu 9 auf. Diese Proportion von 57 zu 43 bei den israelitischen Einwanderern schwankte während der zwölf Jahre wenig. Wir haben es also mit einer .„Familien-Auswanderung" zu tun, wohl zur Hauptsache verursacht durch die Pogrome, denen alle Mitglieder der jüdischen Familie ausgesetzt waren.. Die Folge ' dieser Eigenart des jüdischen Einwandererstromes ist es, daß kein anderes Volk der Vereinigten Staaten im angegebenen Zeitraum mehr Frauen stellte, als das. jühische. Dies mußte sich auch hinsichtlich des Durchschnittsalters der Einwanderer geltend machen. Im allgemeinen ist jeder Einwaickiererstrom durch das Ueberwiegen der erwachsenen Personen gekennzeichnet. So fallen auf die Gesamteinwanderung in die Vereinigten Staten auf 100 Personen 83 im Alter von 15 bis 45 Jahren, 12 Personen unter 15 Jahren und nur 5 Personen über 45 Jahre; bei den Israeliten haben wir dagegen das Verhältnis von 70, 25 und 5, wodurch wiederum der stärkere Familiencharakter dieses Teiles der Einwanderer zum Ausdruck kommt. Kein anderes Volk bringt fo viele Kinder mit sich, wie das jüdische, auf ihn allein entfällt fast ein Viertel (23,10 Prozent) aller einwandernden Kinder (von 1899 bis 1910). Hinsichtlich der Bildung haben wir, falls man die Bildung nach der Zähl der Analphabeten bemessen, will, folgende Verhältnisse: Die Juden wiesen 26 Prozent Analphabeten auf, die Skandinavier und Schotten 0,4 und 0,7 Prozent, die Rumänen 34 Prozent, die Russen 38 Prozent, die Ruthenen 53 Prozent und die Portugiesen 68,2 Prozent. Die amerikanische Einwandererstatistik unterrichtetin rudimentärer Weise auch über den Stand oder Beruf der Einwanderer, indem sie vier Kategorien festsetzt: die „prokesLional" oder etwa liberalen Berufe, die „skilled-‘ oder qualifizierten Einwanderer, die „misceilaneous“ oder verschiedenen Berufe und die „no-occupation“ oder Berufslose. Die liberalen Berufe sind bei der Gesamteinwanderung wenig vertreten, und zwar nur mit 1,4 Prozent; das Verhältnis bei den Juden ist fast das gleiche, nämlich 1,3 Prozent, damit weit kleiner als. bei den Angelsachsen (8,8 Prozent) oder den Franzosen etwa (9,3 Prozent), doch größer als bei den anderen osteuropäischen Einwanderern, - wie Polen, Rumänen, Ru-