Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seile 211 wurde. Zweiundsechzig Jahre nach dem Falle Jerusalems erhebt sich Bar Kochüa gegen das Römerjoch. Ein in der Geschichte beispielloses Ringen entsteht abermals zwischen Judäa und Rom. Zwei Jahre währt der neuerliche Kampf; die mächtigsten Legionen mußten aufgeboten werden, um die aufständischen Juden zu besiegen. Schließlich bedeckt - nach der Erzählung des Dio Casfius - eine halbe Million gefallener jüdischer Krieger Äe verschiedenen Schlachtfelder. Der Sieger, Kaiser Hadrian, will seinen Rachedurst nicht nur an den Ueberlebenden, sondern auch an den gefallenen jüdischen Helden befriedigen und verbietet, die aufgetürmten Leichen zu beerdigen. Die besiegten Juden konnten den 'schauerlichen Anblick nicht ertragen, ihre Helden dem Raube wilder Vögel und reißender Tiere überantwortet zu sehen. Da sammelten sich ganze Scharen begeisterter Glaubenshelden und bildeten einen großen Märtyrerbund und beerdigten in den Schatten der Nacht, mit Gefährdung ihres Lebens, so viele sie ihrer konnten. Als der Nachfolger Hadrians jedoch das harte Edikt aufgehoben hatte und die gebleichten Gebeine der Erschlagenen Bethars öffentlich bestattet werden durften, da erzählt hierüber der Talmud: „An dem Tage, an welchem es gestattet wurde, die Erschlagenen von Bethar zu bestatten, hat die Gelehrwnschule zu^Jabne hiefür den Segenspruch bestimmt, der da lautet: „Hatob weha m c t i b", „der gütig ist und Gutes bewirkt: der g ü t i g ist, daß die Leichen (nach so langer Zeit) nicht verwest ivaren: der Gutes bewirkt, daß sie beerdigt werden konnten", (Ber. 48 ^.) Der große Geistesheld Rabbi A k i b a scheint aber seinen Zeitgenossen auch hiebei als leuchtendes Beispiel vorgeschwebt zu haben. Wie er die Seele des Aufstandes gegen die Römer war, so auch war er das Vorbild für die persönliche, aufopfernde Hingabe zur Beerdigung der in den Schlachten gefallener Vaterlandsverteidiger. Denn nur so begreifen wir das Zitat im bab. Talmud: „R. Akiba sagte, folgendes war mein erstes! größtes) Verdienst vor den Gelehrten. Als ich mich einst des Morgens auf den Weg machte, fand ich einen Erschlagenen (von beit in der Schlacht Gefallenen); da habe ich ihn drei Sabbatgrenzen (eine Sabbatgrenze „Techum" — 20C0 L llen) weit weg getragen, bis ich ihn zur Grabstätte bringen konnte." (Sem. IV.) Aber auch in den Apokryphen findet sich ein Buch, lvelches auf dem Gedanken aufgebaut ist, welch' ein großes Verdienst es sei, selbst mit Lebensgefahr sich der Bestattung des Leichnams zu widmen. Es ist das Buch T o b i t. Ein Blinder findet keine Heilung, wird dort erzählt. Es erscheint ihm jedoch der Engel Rafael, der ihm sein verlorenes Augenlicht wiedergibt und ihm verkündet, es sei ihm diese wunderbare Heilung zuteil gelvorden als Belohnung dafür, daß er, entgegen einem ruchlosen königlichen Edikte, mit Gefährdung des eigenen Lebens einen Toten bestattet hatte. Indem sich diese Hochhaltung der würdigen Behandlung eines Verstorbenen so durch die ganze beschichte des alten Judentumes und seiner Gesetzgebung, die sich zu dem technischen Ausdruck des „M e t h M iz e w a" potenziert, eindringlich wiederholt, ist dies keineswegs nur auf das verschwommene Gefühl der Pietät dem Verstorbenen gegenüber allein zurückzuführen, sondern auf das ungleich höhere Bewußtsein, die irdische Hülle eines jeden Menschen sei ein Abglanz Gottes, sei „als Ebenbild Gottes" anzusehen und daher durch die Beerdigung vor jeder Profanierung durch äußere Umstände zu schützen. Diese Hülle dürfe nicht durch eigenes Hinzutun lädiert, gewaltsam verändert, am allerwenigsten zerstört werden; sie müsse der Bestattung womöglich so früh zugeführt werden, ehe sie der Verwesung anheim fällt: n ie nicht minder habe sie in der Weise zu erfolgen, daß sie nach dem Kunstausdruck des Talmud a's „Jekara-difchachba" (B. bath. 100 P, als „Ehre dem Toten" angesehen werden könne. Diese hohe Heiligung der menschlichen sterblichen Hülle, welche die jüdische Gesetzgebung durchzieht, konnte jedoch andererseits, besonders in der biblischen Zeit, den Mißbrauch eines Toteniultus im Gefolge haben, sogar einen solchen, der bis zum Götzentulws sich steigern konnte. Ein Totentultus ist besonders zum Wertzeug für die Befestigung von Despotie und Hierarchie geeignet. Die Könige werden erst zu Helden und daun zu Göttern erhoben und die Priester bedienen sich als Stützen des Thrones, das gemeine Volk in Furcht und Schrecken zu jagen und mit den Märtyrern des Schattenreiches das Gehirn zu verfinstern. Daher der Totenkuitus von den alten ägyptischen Königen und Priestern auch eine besondere Pflege erhielt. Sie balsa.nierten den leblosen Körper zu Mumien, errichteten Kata.omben, die sich zu unterirdischen Totenstädten erweiterten: für die Nekropolis wurden unermeßliche Reichtnmer verschwendet; ungezählte Menschenmengen sklavisch geknechtet, um für die Königsgräber die gewaltigen Pyramidenbauten zu errichten, die noch gegenwärtig, nach Jahrtausenden, schmachvolle Zeugen ihrer Zeiten 'Schande sind und zwecklose Monumente despotischer Barbarei und verhimmelnder Vergött'rung. Das konnte nur durch den Mißbrauch des Toten kultus herbeigeführt werden. Der mumifizierte Leichnam war zum Heiligtum gesteigert. Es kam so weit, daß nicht nur Menfchenleiber, sondern sogar di? Aeser auserwählter Tiere zu Heiligtümern erhoben und ihnen kostbare Mau foleen errichtet wurden. In Aegypten behielt man die eiuba'famierten Leichen im Haufe, bis auf Enkel und Urenkel. Man setzte sich den grüßten Lebensgefahren aus, um dem Verstorbenen seine letzte Ehre zu erweisen, die man dem Worte nach nicht als die letzte Ehre, sondern vielmehr als die erste Ehre bezeichnen kann, da erst von der Bestattung an die Reihe der Ehrungen ihren Anfang nahm, die f-ch auf jene ferne Zeiten hinaus ausdehnte — nach den Anschauungen der Aegypter waren es 3000 Jahre, während welcher Zeit die geschiedene Seele in den verschiedenen Wanderungen durch Tierleiber wieder in einen Menschenleib fuhr —, in denen die Seele wieder in die Mumie einkehrte. Eine alte, wenig bekannte Sage zeigt es, wie selbst mir Gefährdung des Lebens die Verwandten eines Ber ftorbenen darauf aus waren, den Leichnam der Bestattung zuzuführen. —- Der König R h> a m p f e n i t h, welcher noch vor Cheops lebte, also vor mehr als 4000 Jahren, ließ an seinem Palaste zu Memphis eine Schatzkamme'- ohne Türen und Fenster erbauen, und nur aus feinem Zimmer konnte man zu den Schätzen gelangen. Der Baumeister, ein Schlaukopf, hatte jedoch einen großen Quaderstein so eingesetzt, daß er unbemerkt herausgenommen und wieder eingeschoben werden konnte. Kaum war der Bau fertig, wurde der Baumeister totkrank und starb. Vorher aber entdeckte er noch sein Geheimnis seinen beiden Söhnen und seiner Frau, welche auch bald genug davon Gebrauch machten, in die Schatzkammer einstiegen und sich von Zeit zu Zeit viele Schätze aneigneten. Der König merkte schließlich, daß er bestohlen werde, konnte aber nicht ausfindig machen, wie das geschehen könne, da keine Spur eines Einbruches an den Mauern wahrgenommen wurde. Da ließ der König ringsherum Fangeisen und Schlingen im Innern der Schatzkammer