Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 202 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 13 völkerung jetzt beinahe zusammenbricht. Durch die Christlichsozialen sind sowohl die Hausherren.als auch die Agrarier so groß und frech geworden und brandschatzen die Bürger in einer unerhörten Weise. Die Christlichsozialen sind die Partei, über welche Hraba so erbauliche Dinge zu erzählen wußte und noch erzählen könnte, wenn ihm die Freisinnigen ein Publikum schassen würden. Die Christlichsozialen haben die Schuldenlast der Gemeinde ungeheuer vergrößert und ihre Führer sind reich geworden, während die Bevölkerung verarmt und das Asyl für Obdachlose auch im Sommer gestürmt wird. Die Bankettpartei des Wiener Rathauses ist politisch eng verwandt und verschwägert mit jenen Tschechischradikalen, aus denen ein Sviha hervorgcgangen ist und den tschechischen Agrariern, welche durch ihre frevelhafte Obstruktion das Parlament gesprengt und die ganze Verfassung in Frage gestellt haben. Davon hat man in der ganzen Wahlkampagne auf freisinniger Seite nicht ein Wort gehört. Mit winzigen kommunalen Argumenten hat man einen winzigen Kampf bestritten und die wichtigsten Debatten waren, welche Kandidaten die verschiedenen Cliquen auf den wertlosen Schild erheben sollten. Es wären auch nur wenige Leute imstande gewesen, ein großzügiges politisches Programm vor den Wählern zu entwickeln. Die Reden sahen den Rednern ähnlich, soviel rhetorische Talente Wien auch besitzt. Nur daß man diese daran verhinderthat, zu kandidieren, weil sie in den Froschmäusekrieg um ihre Aufstellung nicht hineinsteigen wollten. In früheren Zeiten war es Gebrauch, daß man ein Mandat der Bürgerschaft jenen Männern feierlich antrug, welche das allgemeine Vertrauen verdienten. Jetzt lernt man die Namen der Kandidaten erst auf den Wahlplakaten kennen. So geht das nicht und so ist eine Wandlung auch unmöglich durchzuführen. Vom Cliquenwesen weg muß die politische Betätigung in die Hände und Macht berufener Korporationen kommen. Für alle Ewigkeit kann man sich den Christlichsozialen nicht ergeben. Man muß den gegenwärtigen Tiefstand verlassen und aus der Not des Tages heraus wird man sich doch vielleicht an Männer wenden, welche Talent und Gewissen, Können und Begeisterung und nicht nur lächerlichen Ehrgeiz für den Freisinn haben. Eine Erklärung des Londoner Hanfes Rothschild. Das Londoner Haus Rothschild hat zur Veröffentlichung der folgenden Erklärung die Vollmacht erteilt: „Mit Rücksicht auf gewisse Behauptungen, welche in den letzten Tagen in einzelnen Blättern erschienen sind, sind wir ermächtigt, festzustellen, daß auch nicht der leiseste Grund für die Annahme gegeben ist, daß die Herren Rothschild die Absicht hätten, ihr geschäftliches Verhalten der russischen Regierung gegenüber auch im entferntesten zu ändern, das konsequent jede Verbindung mit der russischen Regierung insolange ablehnt, als chre Behandlung der russischen Juden durch die intolerante Verfolgung gekennzeichnet bleibt?" Zur Geschichte AUramerr» Nach alten jüdischen Quellen. Von Rabbiner W. Reich aus Baden b. W. Der Prophet und Völkerpsychologe Jesaias ruft es verwundert aus: „Ist je ein Land an einem Tage entstanden, wurde je ein Volk auf einmal geboren!'?" Aus seinem Munde klingt dieser Ruf viel überzeugender, als aus jedem anderen, denn Jesaias hat so manches Kapitel feiner Weissagungen verschiedenen Völkern und Staaten gewidmet. Unsere Zeit jedoch scheint diesem Maximalsatze zu widersprechen. Cs entstehen neue Staatsgebiete, die seit Jahrhunderten dem ewigen. Verfalle geopfert schienen. Jedoch, was das Volkstum betrifft, gilt der Satz noch heute. Wir sehen dies an dem neugeborenen Staate Albanien. Am grünen Tisch der Diplomaten wurde er geschaffen — im Hintergründe donnerten die Kanonen — im Vordergründe standen gerüstete Großmächte einander Gewehr bei Fuß gegenüber und ertrotzten die Bildung des neuen Staates, zu welchem jeder Streifen Landes erhandelt werden mußte. Jedoch das Volk Albaniens ist ein autochthoncs, es mußte nicht erst geschaffen werden, seine Geschichte reicht bis in die Zeit des makedonischen Alexander des Großen zurück. Es hat sich in seinen Bergen unberührt erhalten; allen Stürmen der Geschichte konnte es ftandhalten, und selbst in dem großen Schmelztiegel oer Völkerwanderung und in dem der großen osmanischeu Eroberer blieb es in seiner Sprache, seinen Sitten, seiner Eigenart unberührt. Die geschichtlichen Quellen hiesür scheinen aber mitunter wie versiegt; es ist in ihnen kein Zusammenhang zu finden; sie reißen hie und da plötzlich ab, und wenn nach der Aufrichtung des neuen staatlichen Lebens auch die Kulturgeschichte des albanesischen Volkes nach alten historischen Quellen neu aufgebaut werden soll, wird es nicht zu umgehen sein, auch die jüdischen Geschichtsquellen zu befragen und heranzuziehen, was bisher noch nicht geschehen ist, denn diese werden von den hohen Schulen — wie das Judenvolk im allgemeinen — stiefmütterlich behandelt. Der Jude jedoch hat in jedem Lande des großen Mittelmeerbeckens Spuren seiner Vergangenheit, Denkmäler seiner Geschichte, die sich mit der Geschichte aller anderen Nationen wie in einem kunstvoll gearbeiteten Teppich verweben. Benjamin di Tu^della, in seinem im Jahre 1170 geschriebenen „M assaot h" (Reisebeschreibungen), bringt in seiner kurz angebundenen Weise, die sich aus die Namen der durchwanderten Länder und Städte, Anführung einzelner Namen von Personen jüdischer Gelehrsamkeit und bürgerlichen Ansehens, Erwähnung von Grabdenkmälern und Friedhöfen beschränkt, als er auf Albanien zu sprechen kommt, folgenden Kapitalsatz, der irl seinem hebräischen Urtexte hier angeführt werden muß, da derselbe ein Blitzlicht aus die alte Geschichte des albanischen Volkes lvirft, der es fast wie ein BrudervoÄ der Juden erscheinen läßt. Er lautet: iv'i .a'Trvn netto cn 33 rnn-pi sn n: cpin . 3 8'. .*'3*n* o-ut*? o'snp -rr ,vn c-n.T cnr ,o „Sie sind nicht fest im christlichen Glauben, sie geben ihren Kindern jüdische Namen. Einige behaupten, sie seien selbst Juden gewesen, und nannten auch die Juden „unsere Brüder." Er erzählt auch, wie zur Bekräftigung seiner hier im Namen „Einiger" ausgesprochenen Ansicht, daß er in dem ganzen albanesischen Landgebiete viele Juden angetrofsen habe, aber auch einige Christen. Ueber den leuchtenden Stern Albaniens, um den die Dynastiegeschichte seines Herrscherhauses kreist und dessen Glanz sich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum neuen deutschen Fürsten zu Wied strahlend erhalten hat, besungen von den Volksliedern, bewundert und angestaunt, verherrlicht und zauberhaft gestaltet von den Märchenerzählern in den unzugänglichen Berggehöften— mit einem Worte über Skanderbeg findet sich eine merkwürdige, fast zeitgenössische Quelle eines jüdischen Geschichtsschreibers in dem Buche: