Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Br. 13 Dr. Bloch’s Jahrgang xxx Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -rr—"-~n- Wien, 27. März 1914 : LrstDeinr jeden FreLtsg. i Brief-Adresse: Wien, Ii/1, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt. Leitartikel: Ein Mahnruf. — Eine Eiklärung des Londoner Hauses Rothschild. — Zur Geschichte Albaniens. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein Jude dem der Antisemitismus genützt hat Das Grab der Stammutter Rachel. Beilis ist ruhebedüiftig. Das Modell des jüdischen Schiffingenicurs. Ein F st der Arbeit in einer jüdischen Fürmeikoionie. Der erste jüdische Richter in einem Washingtoner Gericht. Die Grabstätte Maimouides. Der Name Ballin. — Korrespondenzen: Generalversammlung der „Einheit". Rumänische H-tze gegen den Botschafter Morgenlhau. Zur Judenfrage in Rumänien. Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg e. V. Das erste jüdische Mitglied im Landtag von Natal. I. M. Halpern s A. Das Lnchenbegäugnis Josef Fels. Der bulgarische Großrabdiner beim Staatssekretär v. Jagow. — Vermischtes. — Feuilleton: Chewra-K idischa. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. O Cr"' ' ~ ~~ - =DC p Bcjugssartia für Vrstrrrrirkr: Halbjährig 8 Kronen: Sinzekexemplare 56 Heller. Für'« Aualsnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die real gefpal» lene Petttzeile 4d HsNer. C, nO —rO i Redaktion und Administration. A. ft. Pofffparhaffeiiamt 1i/i. Praterstraße 9 Telefon 14847 sea Gin Mahnrnf. Die Wahlen in den Wiener Gemeinderat sind nicht anders ausgefallen als man allgemein erwartet hat. Die Christlichsozialen haben die Wahlmaschine im Besitz und durchaus kein schwaches Gewissen. Aber man kann deswegen nicht sagen, daß sie allein mit dem Aufgebot au Toten und Verreisten ihre Siege erfochten haben. Sie leben politisch vor allem von dem Mangel an Gegnern. Wenn jemals ein Name ein Progranun bedeutet har und ein schwächlicher Name ein schwächliches Programm, so ist das derzeit vor allem bei allen freisinnigen Parteien Wiens der Fall. Man soll durchaus keinen Akt der Undankbarkeit begehen und etwa den zähen und verdienstvollen Kämpfern des bürgerlichen Freisinns die Anerkennung versagen. Aber nur die wenigsten von ihnen haben wirklich einen persönlichen Wert, vielmehr haben die meisten Amt und Würden dorr obskuren Künsten irgend eines Wahlkomitees zu verdanken, das sie sich selbst gebildet haben. Diese Wahlkomitees sind tu ihrer jetzigen Zusammensetzung ein wahrer Fluch des politischen Lebens, indemsie die wahrhaft guten und tüchtigen Leute, gewandte Redner und temperamentvolle Politiker am Emporkommen hindern und all ihrer Stelle Leute aufstellen, die meistens schlechte Musikanten und nicht immer gute Menschen sind. Cs wäre wirklich an der Zeit, daß sich einmal unabhängige freisinnige Wähler zusammenfänden und die Mandate jenen Kandidaten antragen würden, welche sie verdienen und auch vertreten könnten. Denn es ist doch gar keine Frage, daß es in Wien noch sehr viele freisinnige Elemente gibt, viel mehr, als die Wahlen ausgewiesen haben. Welchem Führer sollen diese aber derzeit folgen? Man sollte doch wenigstens glauben, daß unter den vorhandenen Umständen die freisinnigen Parteien wenigstens durch Einigkeit das bißchen Besitz erhalten, das sie noch haben. In Wirklichkeit bestehen aber unter ihnen drei Fraktionen, richtiger Fraktionellen, welche sich gegenseitig erbittert bekämpfen und einander die Wähleroersammlungen stören. Die einen von ihnen betteln gar um' die Gnade der Christlichsozialen und um ein Stadtratsmandat, und unter dem Rufe: Wir wollen Mitarbeiten! holen sie sich eine moralische Niederlage nach der anderen. Einer von diesen hat nun kürzlich eine sehr bezeichnende Szene hervorgerusen. Er sprach in einer Wühlerversammlung der Innern Stadt die schönen Worte: „Sie ldie Juden) machen es einem Arier unmöglich, die Juden zu vertreten." Wer hindert denn den Herrn daran, die Sonne seiner Gnade jemandem anderen zuzuwenden? Man hat bisher geglaubt, daß er nicht Juden oder Christen vertritt, sondern Wähler, bei denen er plötzlich einen Unterschied des Glaubens macht. Solche Vorgänge find ein Skandal und sollten wirklich ein paar angesehene Korporationen veranlassen, sich zusammenzutttn und die politischen Berhältnisse ein bißchen zu regeln, bevor sie ganz im Sumpf versinken. Ein besonderes Kapitel bildet das Borgehen der Sozialdemokraten. Als in Frankreich die Umtriebe der Feudalen und Klerikalen bedrohlich wurden, da verbanden sich alle fortschrittlichen Parteien des Bürger- und Arbeiterftandes gegen den gemeinsamen Feind und ihrer Energie und ihrem guten Willen gelang es schließlich, trotz tiefer Gegensätze in ihrer politischen Weltanschauung eine geschlossene und nnüberw'indliche Majorität zu bilden. Bei uns haberi die Rictschrittler aus aücu Linien gesiegt und noch immer haben die Sozialdemokraten nichts anderes zu tun, als die bürgerlichen Parteien zu bekämpfen, auch lueim diese fortschrittlich sind und auf diese Weise den vernichtenden Zwiespalt noch zu vergrößern. Sie halten es auch für angezeigt, durch das Äntisemiteln in ihrer Presse ihren Anhängern zu verheimlicherr, daß ihre Presseleute meistens Juden mit einer kleineren oder größeren Dosis von Dauswasser sind. Was soll das alles? Ein wahrer Herensabbath der Berivirrung ist unter den Gegnern der Christlichsozialen ausgebrochen und diese lachen sich darüber ins Fäustchen. Niemand klärt die Bevölkerung im Ernste aus. Niemand zeigt die Rathausgewaltigen als Partei, welche die städtischen Interessen an ihre bäuerlichen Mameluken schnöde verkauft und verrät. Als eine Partei, welche aus Leibeskräften zum Kriege gehetzt und dadurch jene Rüstungen hervorgerufen hat, unter deren Last die Be-