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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 180 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 Dieser Pessimismus war und blieb uns sremd. Die Gruft war uns eine Stätte der geistigen Auserstehung. Aus den Gräbern unserer Altvordern haben wir uns unsere Hoffnung, unsere Zuversicht der ewigen Unverwüstlichkeit geholt, sie waren uns geschichtliche Merkmale der Unvergänglichkeit. Bringen mir uns ein Exempel in Erinnerung aus der Zeit des Glanzes, als Israel noch auf eigenem Boden seinem Gotte lebte, und wir werden den ältesten Verbindungsring entdecken, der in der langgestreckten Kette der Tradition die weihevollsten Gefühle der Religion und der Pietät für die Gräberstätten der Ahnen in innigste Verbindung bringt. Wir sind in Jerusalem, am heiligen Tage der Versöhnung. — Hoch oben auf der Warte zeichnet sich eine in weiße Linnen gehüllte Gestalt ab, das Antlitz nach Osten gewendet. Der glänzend gestirnte Himmel wölbt sich über das mächtige Gebäude — dieses aber wetteifert in seinem Glanze selbst mit dem Himmelsdome. Die Kostbarkeiten seines Materials, seine schöne Bearbeitung und harmonische Zusammenfügung, wie dessen architektonische Stilisierung gewähren dem Beschauer einen zauberhaften Anblick, obwohl weder der Pinsel des Malers noch der Meißel des Bildhauers das Werk von außen schmücken. — Der monumentale Bau wirkt durch sich selbst. — Mit schweren goldenen Platten bekleidet und in der blendenden Weiße des Marmors schimmert er in düsterer Nacht bei hellstem Lichterglanze und blendet das Auge, sobald der erste Strahl der Sonnenkönigin sich mit seinem eigenen Feuer vermählt und die auf seiner Spitze hochaufragenden goldenen Lanzen in tausenden Funken ersprühen. Weit umher webt und schwebt eine heilige Stille; aus der , Ferne, von den Bergen Judas her wird sie von Zeit zu Zeit vom gespenstischen Lachen der Schakale unterbrochen. Es sind die im Hohen Liede euphemistisch als „die kleinen Füchse, die die Weinberge verwüsten", bezeichneten. Jedoch die Gestalt hoch oben bleibt unbeweglich. Dieser Wächter hat eine andere, höhere Pflicht zu erfüllen, als die Weinberge Jerusalems zu hüten. Sein Auge blickt sehnsüchtig nach dem Morgen aus, mit dessen Anbruch der Opferdienst im Heiligtume beginnen soll. Und es ist der Morgen des Versöhnungstages, der erwartet wird. Ein ganzes Volk, ein selbständiges und doch von seinem Gotte in allen seinen Sinnes- und Seelentätigkeiten abhängiges, harrt mit seinem Wächter auf den heiligen Morgen. Dieser Wächter steht nicht allein. In senkrechter Richtung, hundert Ellen tiefer — denn das ist die Höhe des Helligtumes — aber noch immer hoch oben über der am Fuße des Moriahberges ausgebreiteten Stadt steht eine gleiche in Weiß gehüllte Gestalt und blickt aufwärts zum Partner auf der Höhe und wartet auf das erlösende Stichwort. Diese beiden Gestalten sind die „Schomrimlab o k e r", die Harrer auf den Morgen, welche im Stufenliede des Psalmisten ihr Sangesdenkmal erhielten. Ihre Bezeichnung hat sich bis über das Mittelalter hinaus zerstreut über alle Länder des Weltalls, in den alten jüdischen Gemeinden der Diaspora erhalten. Zu Betversammlungen geeinigt, haben sie unbewußt sich selbst, im Namen des ganzen jüdischen Stammes, der vergebens auf den lichten Morgen in der Menschheit geharrt, die Hoffnung verkörpert: „Von Volk zu Volk gejagt. Von Groß und Klein geplagt, Vom Druck das Herz zernagt, Hab ich doch nicht verzagt — Stets hoffend mir gesagt: Ich harre, bis es tagt!" Ganz anders war es mit diesen beiden Wächtern. Denen war es im Herzen Tag, auch noch ehe die Sonne die Nacht erhellte; sie warteten auf den Tag, um den Schöpfer des Tages, den Allgott der Welten, mit Hüldigungs- und Dankeshymnen zu begrüßen. „Barkai", der Morgen hat aufgeleuchtet, war der Weckruf, der stolz und weithinschallend von dem Wächter auf der Zinnenhöhe gleich Donnerruf ertönte. In der klaren Luft und der weihevollen Stille hallte die Stimme des Wächters — nach der Erzählung des Talmud — drei Parsang (1 P. 3/4 deutsche Meile) weit. Sofort erklang die Stimme des anderen. Wächters, der am Tore stand, mit der Frage: „Hat sich der ganze Osten gerötet?" Und die Stimme von obenher antwortet: „Bis nach Hebron!" Dies rätselhafte Frage- und Antwortspiel, das überflüssig erscheint, hat der jerusalemische Talmud, der noch ganz in den Traditionen des alten Palästina steht, mit den tiefsinnigen Worten gelichtet, indem er als den ausschließlichen Zweck desselben hervorhebt, es habe sich darum gehandelt, den Tag Gottes mit der Erinnerung an die in „Hebron Schlafenden" zu beginnen. Wie eigentümlich! Es war da die Weihe des Tages potenziert durch die Weihe des Ortes, und doch mußte noch gleichsam als Krönung des Ganzen, wie das „dreimal heilig" der Keduscha, die höchste Potenz der Weihe von den Grabstätten in Hebron herbeigeholt werden! Das ist eben das Typische, das sich geschichtlich Nachweisen läßt; das bekannte „Sechuth Aboth", der Ahnenkultus, der nicht nur in dem landläufigen AusdruckLer Pietät sich erschöpft, auch nichts mit dem Totenkultus anderer Religionsbekenntnisse zu tun hat, sondern mit dem frommen, nacheifernden Kultus großer Männer, die uns in dem Aufblicke zu ihnen für die höchsten ethischen Aufgaben befähigen. Hebron ist da das uralte Hochziel jüdischen Geistes. Mit der Besitznahme Hebrons durch Abraham für die Gräberstätte der Urväter und -mütter des jüdischen Stammes hat die Besitznahme des heiligen Landes ihren Anfang genommen; daher die ausführliche Darstellung des Kaufes und die mehrmalige Betonung als „Erbbesitz", die wie ein für die Ewigkeit bestimmter Vertrag eingeprägt wird. Wie dieser Gedankengang noch nach 400 Jahren in den Nachkommen lebendig war, zeigt die Erzählung von Kaleb, der sich von seinen Genossen in ihrem Kundschaftergang absonderte, sie die Städte und Burgen, die hochgewachsenen Riesenbewohner und ihre riesenhaft entwickelten Kulturen in furchtsamer Scheu, bewundern ließ, er jedoch allein sich nach Hebron stahl, um sich nach dem Ausdruck der Kommentatoren „auf die Gräber der Ahnen betend hinzustrecken", um dann wieder ein halbes Jahrhundert später bei der Verteilung des Landes sich Hebron als Erbbesitz zu wählen; nicht weil dieser Besitz etwa besonders fruchtbar gewesen, war es doch der unergiebigste Boden, der deshalb — nach der Darstellung des R. Schlomo Jzchaki — zur Beerdigungsstätte ausgesucht worden war. - (Fortsetzung folgt.) Meratur. Zum Andenken an den Erfinder des Taubstummenunterrichtes. Wien, 27. Feber 1914. Wohlgeboren Herrn Chefredakteur Dr. Josef S. B l o ch, Wien. Gestatten Sie mir, verehrter Herr Doktor, im Anschluß an die Mitteilung Ihres sehr geschätzten Blattes vom 27./II.

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