Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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E 11 Dr. Btochs Wochenschrift. Seite 175 Mit dem Benschen, welches erster Kantor Schleifer mit gewohnter Bravour vortrug, schloß die erhebende Feier. Nur noch einige Worte über das Mahl selbst. Sowohl das geschmackvolle Arrangement, die Dekoration des Saales und ganz besonders aber die Tatsache, daß Präsident Weinberger mit der größten Peinlichkeit darauf sah, daß das Brudermahl in jeder Beziehung im Einklänge mit der jüdischen Tradition stehe, haben in den Anwesenden das Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit für diese anerkennenswerte Rücksichtnahme des Herrn Weinberger geweckt. Der Zuspruch, den die schmackhaft' zubereiteten Speisen und die einwandfreien Getränke seitens der Festteilnehmer erfuhren, waren der beste Beweis dafür, daß der Restaurateur N e u f e l d die ihm übertragene, nicht leichte Aufgabe in hervorragender Weise löste und auch diesmal seinen guter». Ruf rechtfertigte. * Der Vereinsvorstand besteht derzeit aus den Herren Hermann W e i n b e r g e r, Präses, Kommerzialrat Alexander Simon, Präses-Stellvertreter: ferner den Herren Jakob D u s ch i n s k y, Julius F r i tz, Jakob Goldsand, Alois G r u b e r, Max H a a s, Ignaz Löffler, Anton Stern, Moritz Weiß. Ein interessanter Uebertritt zum Judentum. In Wien ist dieser Tage der Schauspieler und Sänger einer hiesigen jüdischen Theatergruppe, der unter dem Namen Janko bekannt war, und von dem niemand wußte, daß er Christ sei, unter strenger Beobachtung der rituellen Vorschriften zum Judentum übergetreten. Janko stammt aus Rumänien, hat aber sein ganzes Leben unter Juden verbracht, sprach den jüdischen Jargon, las und sang hebräisch mit solcher Vollkommenheit, daß niemand auch nur ahnen konnte, daß Janko ein Christ und noch dazu ein Stammesgenosse jener Rumänen sei, die heute zu den gefährlichsten Jndenbedrückern gehören. Als Janko heranwuchs, entschloß er sich, jüdischer Schauspieler zu werden, wozu ihn seine äußere Erscheinung und seine prachtvolle Stimme prädestinierten. Er schloß sich' einer jüdischen Schauspielertruppe an und erntete in rumänischen und galizischen Städten durch seine hebräischen und jüdischen Lieder stürmischen Beifall. Sein „Haschkiwenu" und andere Volks- und liturgische Lieder ließen in ihm einen Juden vermuten, der in sein Lied seinen ganzen schwer erduldeten Judenfchmerz hineinlegt. So kam Janko nach Wien, wo ihn die Besucher des jüdischen Theaters gleichfalls zujubelten, und hier entschloß er sich, diesem Zwittertum ein Ende zu bereiten und nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich den Uebertritt zum Judentum dürchzuführen. Seine Freunde und Anhänger werden nicht wenig erstaunt sein, zu hören, daß Janko erst seit wenigen Tagen Jude ist. -'-~v' ’&'i Separierung jüdischer Schüler in einem Staatsgymnasium. Aus Lemberg wird uns gemeldet: Allgemeinen Unwillen erweckt es hier, daß der Direktor des hiesigen Gymnasiums der Forderung des katholischen Geistlichen und Katecheten Ciechniewski nachgegeben und verfügt hat, daß die jüdischen Schüler der jüdischen. Klassen von den nichtjüdischen Schülern separiert, in besonderen „Judenbänken", sitzen müssen. Sowohl die jüdischen Schüler als auch deren Eltern sind über diese Zurücksetzung begreiflicherweise sehr empört und haben beschlossen, bei der Regierung gegen dieses ungesetzliche Vorgehen in der energischesten Weise zu protestieren. Landtagsabgeordneter Tr. Afchkenafi über die Lage der Juden in Galizien. Anläßlich der Budgetberatung im galizischen Landtage hielt auch der jüdische Landtagsabgeordnete Dr. Afchkenafi eine längere Rede, in welcher er sich des Ausführlichen mit der traurigen Lage der Juden in Galizien beschäftigte. Er machte es dem Landtage zum Vorwurfe, daß er bis jetzt nichts unternommen habe, um die unhaltbare Not und das große Elend der jüdischen Volksmassen zu lindern. Die Erwerbsmöglichkeiten werden für die Juden immer mehr und mehr eingeschränkt. Taufende jüdischer Familien hungern und sind brotlos, aber der Landtag unternehme gar nichts, um dieser Not abzuhelfen. Die Ergebnisse der Enquete, die vor einigen Jahren über Antrag des Abgeordneten Dr. von Löwenstein einberusen wurde, um ein klares Bild über die Lage der Juden in (Galizien zu erhalten, liegt in der Registratur des Landesausschusses, es geschieht aber nichts, um die im Verlause der Enquete gemachten Vorschläge und Anregungen auch wirklich durchzuführen. Dr. Aschkenasi wehrte sich dagegen, daß sein Verlangen, daß die -Landesregierung der Judenfrage ein spezielles Interesse entgegenbringe, als separatistische Politik aufgefaßt werde, er sei im (Gegenteil der Ueberzeugung, daß die Bekundung eines solchen Interesses eher geeignet wäre, die separatistischen Bestrebungen zu bekämpfen. Dr. Aschkenasi regt schließlich die Schaffung einer Art Patronage an, welche die Aufgabe hätte, sich ständig irtit der Notlage der Juden in Galizien zu beschäftigen und zu ihrer Linderung das Nötige zu veranlassen. Meran. Am 5. Feber fanden in Meran zum erstenmale die Wahlen in das „lokale Kultuskomitee" statt, welche mit einem großen Siege der Anhänger der jüdischen Kultusautonomie und der Gründung einer selbständigen Kultusgemeinde für Südtirol mit dem Sitze in Meran geendet haben. Meran und Südtirol gehörten bisher zur Kultusgemeinde Hohenems in Vorarlberg, zu der bis zum 1. Jänner d. I. auch Nordtirol gehört hatte. Nach einem mehr als 14monatigem Kampfe ist es, trotz aller Hindernisse, Rekurse und Beschwerden, die gegen diese Bestrebungen bis zum letzten Tage gerichtet wurden, mit Hilfe aller staatlichen Behörden -Bezirkshauptmannfchaft, Statthalterei, Ministerium für Kultus und Unterricht) gelungen, den Wahltag endlich durchzusetzen. Die Wahlbeteiligung war eine enorme: nicht nur die Meraner, auch die Bozener und Trienter Juden kamen in überwiegender Mehrheit zur Wahl nach Meran. Gewählt wurden als Ausschußmitglieder Med.-Dr. Vertu a n n, Med.-Dr. G o l d st e i n, Med.-Dr. Wasserm a n n, Advokat JUDr. Hugo Z u ck e r m a n n l sämtlich aus Meran), Leopold M^^^l, Kaufmann aus Trient, als Ersatzmänner Nandor Rieß, Kaufmann, und Hermann Zipp e r, Privatier aus Meran, alle durchwegs mit mindestens 132 Stimmen, während die Kandidaten der Königswarter-Stiftung mit 52 Stiminen in der Minorität blieben. Das neue Kultuskomitee hat nach der Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 20. September 1913 „unverzüglich die Leitung der Kultusangelegenheiten der Meraner Israeliten zu übernehmen" und „als zur Vertretung' der Meraner JsraeEten statuN'nmcr ig berufenes Sraan" seine Stellungnahme zu der Frage der Errichtung einer neuen Kultusgemeinde für Südtirol zu präzisieren. Es wird hoffentlich die Verhandlungen mit der Königswarter-Stiftung bezüglich der Uebergabe des Kultus zu raschem und friedlichem Abschlüsse bringen und die baldige Gründung der selbständigen Kuttusgemeindc für Südtirol erreichen.