Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022101--22949-3048122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 172 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 Antisemitismus gestanden ist, welcher heute aus den schmutzigsten und erbärmlichsten Gründen eines wirtschaftlichen Vorteiles und einer, etwas besseren Karriere in der Oeffentlichkeit vertreten wird, t Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Gerade die letzte Zeit hat uns den Widerstreit des Antisemitismus mit öffentlicher Moral in der widerlichsten und empörendsten Form gezeigt. Ich politisiere nicht, denn das Verbrechen des Amtsmitzbrauches, das Verbrechen der Fälschung öffentlicher Urkunden ist kein politisches Delikt, das sind Verbrechen. Und doch ist in Wien der gerhchtsordnungsmätzige Beweis erbracht worden, datz der Antisemitismus die öffentliche Betätigung dieser Verbrechen gezeugt hat. Darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben, datz der Beweis erbracht wurde, daß dieses Verbrechen in Wien öffentlich begangen ward und merkwürdigerweise geduldet wird. Wir sehen, wie weit die öffentliche Moral durch die Betätigung des Schlagwortes vom Antisemitismus angekränkelt, ja geradezu vernichtet worden ist. Wien, diese Stadt, welche vermöge ihrer milden Sitten überall geschätzt wurde, ist diesem elenden Schlagworte hingeworfen worden, nur damit der dumme Kerl von Wien jemanden hat, von dem er behaupten kann, datz er unter ihm steht und damit einige Geschäftspolitiker sich hinaufschwindeln, indem sie Volksleidenschaften schmeicheln. Diese sind es, welche mit dem Christentum, mit dem hefr n Kinde des Himmels ihre Geschäfte machen, als ob dieses Christentum ein Gaul wäre, den man vor den Karren persönlichen Strebertums spannen dürfte. Und doch! Dieses Wien, das in dem Sumpf dieser Unmoral erstickt, verleugnet sich doch nicht so ganz, datz es vergessen könnte, L e s s i n g, dem Dichter des Nathan, ein Denkmal zu setzen. Können wir da nicht sagen: Auch in Wien kann die öffentliche Moral nicht so tief gesunken sein, datz sie nicht über kurz oder lang über einen ihrer stärksten Widersacher, über den Antisemitismus, triumphieren würde! ^Lebhafter Beifall und Händeklatschens Oberinspektor F. R. Engel: „Hochverehrte Versammlung! Der Herr Vorsitzende hat mich beauftragt, noch einmal den ergebensten und tiefgesühlten Dank dem Herrn Vortragenden für seine glänzenden Ausführungen zum Ausdruck zu bringen. Mögen wir in Wien recht bald das von Herrn Doktor Granitsch bezeichnete Ziel erreichen. Allein wir haben noch ein ganz spezielles Ziel im Auge, ebenfalls ein Opfer der öffentlichen Unmoral. Es ist jener furchtbare Prozeß, der seit 14 Jahren ungesühnt schwebt und der eine Spezial-Schande für Wien und ganz Oesterreich bildet. Ich habe aber immer noch eine kleine Hoffnung, und diese meine Hoffnung hat gerade heute durch die Nachricht im Abendblatt der „Neuen Freien Presse" Nahrung gefunden. Auch in Deutschland hat sich ein ähnlicher Fall eines Fehlspruches zugetragen. Es wurde eine Frau Hamm unschuldig zu 14 Jahren Kerker wegen Mordes an ihrem Gatten verurteilt. Erst nach einigen Jahren hat sich ihre Unschuld herausgestellt. Möge auch bei uns der Tag der Befreiung des Unglücklichen bald heranbrechen!" (Lebhafter Beifall.) Hierauf ward die Versammlung, in der distinguierte Persönlichkeiten, wie kais. RatSachs v. Sachsen hall u. v. a., erschienen waren, geschlossen. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien vom 9. März 1914. Im Einlaufe befinden sich: Ein Anonymus spendet durch den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, anlätzlich der Feier des 100. Todestages von Aron L e i d e s d o r f s. A. einen Betrag von Nom. Kronen 4000.— 4 prozentige Nordwestbahn-Staatsschuldoerschreibungen nebst Zinsen von Kronen 55.55 in barem zur Errichtung einer „Aron und Ludowika Leid^s-- dorffchen Widmung". Die Zinsen dieser Widmung sollen bestimmt werden zur Verteilung an Personen, welche Aufnahme in dem israelitischen Spital suchen, aber nicht ausgenommen werden können, sei es, weil ihre Krankheit sie von der Aufnahme ausschlietzt, oder weil die voraussichtliche Krancheitsdauer eine Aufnahme unmöglich macht oder wegen Platzmangels oder für Personen, welche das Spital verlaßen und bedürftig sind. Weiters sind an Spenden eingelaufen: Von einem Anonymus zur Verteilung durch Herrn Oberingenieur Stricker: zum Bau eines Asyls für jüdische Obdachlose Kronen 2000.—; für das Asyl für verkrüppelte und rekonvaleszente jüdische Kinder in Laa Kronen 2000.—; für das hebräische Schulwerk in Palästina Kronen 2000.—; zum Baue eines jüdischen Studentenheimes in Wien Kronen 2000.—, als Fond zur Zinsenfreie Darlehen an jüdische Hausierer des Jüdischen Volksvereines für die. Leopoldstadt Kr. 1000 —. Zusamm.n Kr. 9000.—. Ferner zur selbständigen Verfügung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, und zwar zur Verteilung an wohltätige Institute Kronen 2500.—. Zusammen Kronen 11.500.—. — Von den Erben des Herrn Carl Ritter von Morawitz zur Verteilung an jüdische Arme Wiens Kronen 4000.—; von Herrn Siegfried Aschkenasy aus Odessa durch Herrn Dr. Jakob N i r e n st e i n anlätzlich des Ablebens seiner Tante Frau Friederike iSt i r e n ft e t n für Arme Kronen 1000.—; von Herrn Sandor Wolf aus Kismarton an Stelle der bisherigen Kultussteuer eine freiwillige Spende von Kronen 300.—; von Herrn Moritz Herrmann für das Israelit. Ereisenasyl Kronen 100.—; von Frau Nanette Mauthner durch den Sekretär der Armenanstalt Isidor P o l l a k anlätzlich des Ablebens der Frau Jolan Cohn für das Altersversorgungshaus Kronen 50.—; von Herrn Philipp W i n t e r st e i n zur Errichtung eines jüdischen Kinderspitals Kronen 30.—; von Herrn F. Ernst für die Israel. Alliance Kronen 5.—, zur Ausspeisung armer Schulkinder Kronen 5.—, zusammen Kronen 10.—; von Herrn Hermann Berliner für den Fünfhauser Tempel eine Kanzeldecke. Dankschreiben des Israelitischen Tempelvereines für die Bezirke Wieden und Margareten für die Glückwünsche des Vorstandes anlätzlich der Feier des 40 jährigen Vereinsbestandes. Dankschreiben des Prof. Dr. I. Szeberiny, Präsidenten des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, für die Glückwünsche des Vorstandes anlätzlich seines 90. Geburtstages. Dankschreiben des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde in Troppau, Dr. Theodor 'Sonnenschein, für die Glückwünsche des Vorstandes aus Anlatz seines 25 jährigen Vorsteherjubiläums. Dankschreiben des Ehepaares Moriz und Karoline W e i tz für die Gratulation des Vorstandes anlätzlich ihrer Goldenen Hochzeit. Ferner eine Verständigung des k. k. Bezirksgerichtes Innere Stadt, daß der verstorbene Präsident der Anglo- Oesterreichischen Bank, Herr Carl Ritter von Morawitz, der israelitischen Kultusgemeinde in Wien eine Villa in Baden mit der Bestimmung testiert hat, daß der Erlös dem Alters-Versorgungshause der israelitischen Kultusgemeinde Wien zuzuführen sei und weiters einen Betrag von 250.000 Kronen zur Errichtung einer Stiftung hinterlassen habe. Die Erträgnisse dieses Stiftungsvermögens sollen dazu dienen, um an bedürftige und unterstützungswürdige Personen jüdischen Glaubens, insbesondere aus dem Kaufmanns-, Gewerbe- oder Handwerkerstände, welche seit mindestens drei Jahren in Wien domizilieren, unverzinsliche Darlehen zu gewähren. Dem Vorstande der Kultusgemeinde bleibt die Festsetzung der näheren Modalitäten dieser Stiftung, welche voraussichtlich erst nach Jahresfrist aktiviert werden dürfte, Vorbehalten. Eine Vertrauenskundgebung für den Präsidenten Dr. Alfred Stern. Vor Eingang in die Tagesordnung führt kais. Rat K a u d e r s aus, daß während seiner mehrwöchigen Abwesenheit von Wien in Wiener jüdischen Blättern Angriffe gegen den verehrten Präsidenten erschienen find, die wegen ihres ganz besonders scharfen Tones und wegen der Gehässigkeit, die aus ihnen spricht, den Vorstand verpflichten, zu ihnen Stellung zu nehmen. Ohne des Näheren auf diese Ausfälle einzugehen, beantrage er die folgende Kundgebung, welche bereits die Unterschrift von sämtlichen anwesenden Mitgliedern des Vorstandes (mit Ausnahme der beiden zionistischen Vorstandsmitglieder Dr. Ehrlich und Ing. Stricker) trägt. Die Kundgebung hat folgenden Wortlaut: „In jüngster Zeit sind in hiesigen jüdischen oppositionellen Zeitungen wiederholt gehässige. Angriffe gegen die Person unseres verehrten Präsidenten Dr. Alfred Stern erschienen. Bei Anerkennung selbst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.