Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 171 Nun sind dank der Staatsgrundgesetze die Mauern des Ghetto gefallen und die Befähigung, welche dort aufgestapelt wurde, hat sich im allgemeinen wirtschaftlichen Wettkampfe betätigt. Was Wunder, daß jener Teil der Bevölkerung, der sich immer und immer an die Rockschöße des Staates gehalten hat, der die freie Konkurrenz nicht aufzunehmen wagte, daß jener Teil der Bevölkerung, welcher in seiner Stellung als Beamter, Militär usw. immer ohne Risiko eine bescheidene Eristenz von Staatswegen genossen hat, daß dieser Teil der Bevölkerung in zünftlerischer Engherzigkeit auf dem Gebiete des Handels selbstverständlich den Erfahrungen und dem Verstände des Judentums nicht gewachsen ist! Da wäre es nun die Pflicht der Volksführer gewesen, dem auf diesem Gebiete minderentwickelten Volksteile die Erfahrung und die Entwicklung des Judentums nutzbar zu machen. Welch große Entwicklung hat die Bevölkerung in England, in Deutschland und in Amerika genommen! Dort sind alle Entwicklungsphasen der Einzelnen der Gesamtbevölkerung dienstbar gemacht worden, bei uns aber hat man dem einen Teil der Bevölkerung nicht die Lehre gegeben, Kultur, Wissen und kaufmännische Betätigung zu üben, sondern man hat die Bevölkerung mit Neid und Haß gegen jene Religion erfüllt, welche in einer wahrhaftig schwer genug empfundenen Lehrzeit sich Eigenschaften und Erfahrungen angesammelt hat, die dem übrigen Teil der Bevölkerung größtenteils fremd geblieben sind. Nicht die Juden bekämpfen, sondern von ihnen lernen, was sie uns voraus haben, das wäre die Aufgabe der Volksführer gewesen. Und dann, meine Verehrten, für Wien hat der Antisemitismus gerade für den mindestbefähigten Teil der Bevölkerung noch eine so schöne Schmeichelei. Jedem, der nichts gelernt hat, der nichts war, der keinen Fleiß ausbrachte, hat man gesagt: Du bist doch immer noch um so viel mehr als der andere, der zufällig als Jude auf die Welt gekommen ist. Das schmeichelt der Bevölkerung und wenn man jemandem, der nichts leistet, der sich, eben weil er nichts leistet, recht kümmerlich fortbringt, sagt, daß el immer noch mehr ist als eine andere große Klasse von Menschen, dann ist es doch lein Wunder, daß der Betreffende demjenigen, der ihm vortäuscht, daß er mehr ist als der andere, nachläuft. So hat man den Bolksleidenschaften gehuldigt und sich auf Kosten der Gleichberechtigung und der Gerechtigkeit, aber auch auf Kosten des Christentums Anhänger geschaffen. Wir hören in Oesterreich die Mehrzahl der Bevölkerung immer nur nach staatlichem Schutz und Hilfe schreien; das Beamtenheer wächst in Oesterreich ins Ungemessene, aber die Betätigung im freien Berufe ist eigentlich auf einen Kreis weniger beschränkt, die sich natürlich größtenteils aus dem Judentum rekrutieren, einerseits weil die staatlichen Stellen trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung aller Bürger dem Juden immer noch entweder gar nicht oder in außerordentlich beschränktem Maße zugänglich sind und andererseits deswegen, weil unser indolentes christliches Bürgertum Oesterreichs sich cm den Rockschößen des Staates anhalten will und sich nicht getraut, auf eigenes Risiko seine Unternehmungslust zu betätigen. Das ist etwas, was das Oesterreichertum außerordentlich drückt und was mit eine Hilfe war, um den Antisemitismus hier in Oesterreich wiederum in der Bevölkerung Fuß fassen;u lassen. Es ist ein unberechenbarer Schade nicht nur für den jüdischen Teil der Bevölkerung, sondern für die Gesamtbevölkerung, wenn man einzelne Bevölkerungsklassen gegeneinander verhetzt und sie auf diese Weise d§von abdringt, gemeinschaftlich gegen jenen Feind zu Felde zu ziehen, der in gleicher Weise der Feind des. christlichen wie des jüdischen Teiles der Bevölkerung ist. Das sind jene an der Macht sich befindlichen Parasiten, jene Ausbeuter, welche gerade in den Kreisen Jener ihre Stützen finden, die sich derzeit mit dem Hilfsmittel des Antisemitismus als die Retter des Volkes aufspielen; denn Kultur und Bildung ist dasjenige, was dem Volke Hilfe bringt, nicht aber Haß und Verachtung gegen einen Teil der Bürgerschaft. Glauben Sie, meine Verehrten, der Antisemitismus schädigt den Menschen bereits in seiner ersten Kindheit. Denken Sie nur daran, wie man künstlich konfessionelle Schulen begründen will. Man sperrt schon die Kinder nach ihrer Konfession in eine bestimmte Klasse zusammen. Die christlichen Kinder werden in die christliche Klasse gesteckt und werden künstlich erzogen nicht zur Betätigung der Lehre des Stifters ihrer Kirche: „Liebe Deinen Nächsten" sondern dazu, in dem anderen Kinde, das in die jüdische Klasse gesteckt wurde, bereits etwas Minderwertiges zu sehen. Dieser Zwiespalt wird in die Seele des Kindes gelegt und da kann man mit Recht sagen, das ist in direktem Widerspruche nicht nur zur öffentlichen Moral, sondern auch zur Lehre des Christentums, welches die Liebe zum Nächsten als obersten Grundsatz aufstellt. Diese Verhinderung, diese Einengung der Volkskräfte, diese Verhetzung der Volkskräfte zum Hasse gegen einzelne Volksschichten statt zur Betätigung ihrer Fähigkeiten hat auch zur Folge, daß sehr viele tüchtige Oesterreicher ins Ausland getrieben werden. Hier finden sie kein Betätigungsfeld, weil hier nicht die Fähigkeit des Einzelnen, sondern weil das entscheidend ist, wie er diesem oder jenem Machthaber zu Gesicht steht. Unser österreichisches Volk enthält sehr viele Talente, um so mehr, als wir in Oesterreich Kreuzungen der verschiedensten Völkerschaften haben; es gibt keine reindeutsche und keine reintschechische Nation, sondern die Kreuzung ist überall in allen Bevölkerungsschichten vorhanden und gerade sie erzeugt sehr viele besonders tüchtige Leute. Wenn wir nach Deutschland gehen und die Chemiker, Professoren, Aerzte, Fabriksleiter ufw. ansehen, so finden wir eine große Reihe tüchtiger Oesterreicher darunter, welche in ihrem eigenen Vaterlande eine Betätigung nicht haben finden können, weil die Energie in Oesterreich auf Haß und Verachtung gegen eine bestimmte Klasse von Staatsbürgern gerichtet ist. Das ist ein Unglück für das ganze Oesterreichertum. Vergleichen wir die Verhältnisse des Gewerbes in Oesterreich mit denen in Deutschland. In Deutschland gibt es freilich diese zünftlerischen Beschränkungen nicht, aber welchen Blühens und welchen Gedeihens erfreut sich das Gewerbe in Deutschland im Vergleiche zu uns! Ein Glasermeifter in Berlin hat eine ganz andere Stellung als ein Glasermeister in Wien. Und sein Gewerbe bringt ihm ein unvergleichlich günstigeres Einkommen als hier in Wien. Das kommt daher, weil dort jeder Einzelne für seinen Verstand, seine Energie und seine Fähigkeiten das freie Betätigungsfeld hat; da werden die Kräfte des Einzelnen vereinigt, nicht aber, wie es bei uns geschieht, im Kampfe gegen die Kräfte des anderen verschwendet. Es ist nicht wahr, daß dieser Kampf der einzelnen Konkurrenten gegeneinander den Volkswohlstand fördert, im Gegenteil, das Gewerbe, der Handel, der Kaufmannsstand, alles das wird nur dadurch gefördert, daß ein gemeinschaftliches Ziel angestrebt wird. Dr'r Vertreter der katholischen Kirche sind ebenfalls von dieser Verhetzungspolitik angekränkelt. Ich habe eine Reihe von Aeußerungen zitiert, welche hervorragende Vertreter der katholischen Kirche im Sinne der Lehre ihrer Religion gemacht haben. Mit dem Vordringen des Antisemitismus, mit dem Vordringen der Verhetzung der einzelnen Bevölkerungsschichten haben skrupellose Vertreter dieser Kirche eine ganz andere Haltung eingenommen. Nach Ealimberti ist A g l i a r d i Nunzius in Wien geworden. Er war es, der gemeint hat, den Klerikalismus mit Hilfe des Antisemitismus in Oesterreich wiederum emporbringen zu können. Als Lueger gestorben war, hat A g l i a r d i sich öffentlich gerühmt, daß er es gewesen sei, welcher Lueger in den Kreisen der österreichischen Machtfaktoren gestützt und sein 'Emporkommen gefördert habe. Und R a m p o l l a, der Feind des Dreibundes, der nicht Papst werden konnte, weil Oesterreich sein Veto einlegte, hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die antisemitische Bewegung in Wien in ihren weiteren Zielen gebraucht werden könne, um die Macht des Klerikalismus wiederum zu stärken. Es ist in aller Erinnerung, wie R a m p o l l a zu Lueger, als er bei ihm in Audienz erschien, gesagt hat: 'Jim Mut, es wird schon gehen. Darin liegt bereits die Ausnützung des Antisemitismus für die Zwecke — ich wiederhole — nicht der christlichen Religion, sondern für die Zwecke der streitbaren Priesterherrschaft. Und das ist ern weiteres Zeichen der unglücklichen Entwicklung, welche unsere Bevölkerung dadurch nehmen muß, daß der Antisemitismus, der Diener des Klerikalismus, immer mehr Einfluß auf die öffentliche Gewalt gewinnt. — Es ist jetzt der Gedenktag G a l i l e i' s gefeiert worden. Es ist allgemein bekannt, daß Galilei als erster festgestellt hat, daß nicht die Erde das Zentrum der Welt fei, sondern daß die Erde, ein bescheidener Planet, obwohl sie dem Papstunl Unterkunft gibt, doch immer sich um die Sonne dreht, und daß diese Lehre ein wichtiger Schritt in der Erkenntnis und Entwicklung der Menschen war. Wie aber jeder Schritt in der Entwicklung der Menschheit gegen die Priesterschaft errungen werden mußte, so hat auch diese Erkenntnis Galileis zur Folge gehabt, daß man ihn einkerkerte, folterte und mit dem Tode bedrohte, bis er dem Zwange dieses Pfaffentums nachgebend, seine Lehre in aller Form widerrufen hat. Freilich, als er sich aus diesem Machtbereich einigermaßen befreit hatte, da sprach er das berühmte Wort: t* pur .-uiihiovp — und sie bewegt sich doch. Und so glaube ich, daß die Hetze der Priesterschaft, welche die Bevölkerung unter die Knute des Klerikalismus beugen will, ihr Ziel nicht erreichen kann. Sie kann die Entwicklung der Bevölkerung aufhalten, sie kann das notwendige Fortschreiten der Entwicklung hemmen, sie kann aber nicht verhindern, was eintreten muß und was sich in allen Kulturstaaten durchgerungen hat, daß kein Mensch seiner Abstammung oder seiner Religion wegen von den anderen unterschieden werden dürfe. Die Revolution des Jahres 1848 und die Revolution des Jahres 1789 in Frankreich hat die unumschränkte Herrschaft des Adels gebrochen. Welcher Unterschied besieht, wenn wir statt einer Herrschaft des Adels die verbreitete Herrschaft einer bestimmten Konfession unter der Führung ihrer Priester ausrichten? Sowie die Gleichheit der Bevölkerung dem Adel gegenüber errungen werden mußte, so muß auch die Gleichheit der Bevölkerung aller Konfessionen sich durchsetzen, und wie wir das Eine als eine unbedingte Notwendigkeit für eine glückliche Entwicklung des Volkes angesehen haben, so müssen wir auch das Andere als eine notwendige Forderung im Sinne des Volkswohles erheben. Ter Antisemitismus ist, wie ich schon gesagt habe, denk Elaubensfanatismus entsprungen. Wenn der auch in dieser Form zu bekämpfen war und wenn auch das Unheil der Inquisition, welche Tausende, ja Hundertlausende als angebliche Heren, Zauberer usw. vernichtet hat, viel empfindlicher war als die heutige Form des Antisemitismus, so muß man sagen, daß dieser Glaubensfanatismus in seiner moralischen Bedeutung hoch über jenem