Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 170 Dr. Blochs Wochrnfchrist. Nr. 11 Die Kuratoren der Friedensstiftung Carnegies. Bekanntlich hat Carnegie jüngst mehrere Millionen als Stiftung zur Förderung des Weltfriedens gewidmet. Carnegie hat die Mitglieder des Kuratoriums selbst ernannt und darauf Gewicht gelegt, daß sowohl die zwei christlichen Konfessionen: die katholische und die protestantische, als auch die jüdische Konfession im Kuratorium entsprechend vertreten seien. Aus diesem Grunde ernannte Carnegie den bekannten Reformrabbiner Dr. Emil Hirsch aus Chicago und den bekannten Newyorker Politiker Markus M. Marks zu Kuratoren seiner Friedensstistung. Ein Ansiedlungsversuch der Juden in Warasdin im Fahre 1689.*) Wie bekannt, war es seinerzeit auf dem Territorium des Königreiches Kroatien den Juden nicht gestattet, sich anzusiedeln, noch ihre religiösen Funktionen auszuüben. Es wurde in den kroatischen Städten mit ihnen gleich den Zigeunern vorgegangen: sie mußten vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen. Durch dieses Vorgehen ward es den Juden unmöglich gemacht, ein Fleckchen Erde zu erwerben und sich dem Ackerbau zu widmen, vielmehr wurden sie infolge des stetigen Manderns von einer Stadt in die andere geradezu gezwungen, sich dem kaufmännischen Stande zu widmen und den Artikel, den sie Ln A. kauften, in B. wieder an den Mann zu bringen. Und trotzdem versuchten die Juden, sich in Warasdin, das zurzeit die größte Stadt Kroatiens mit bedeutendem Gewerbe und Handel war, ständig niederzulassen. Und es hatte den Anschein, als hätten die Warasdiner gegen die Juden mehr Rücksichten, indem sie sich mit der Idee, den Juden den ständigen Aufenthalt zu gestatten, schon vollkommen befreundet hatten, so daß die Juden nicht nur fertige Häuser kauften, sondern auch neue gebaut haben. Gegen diese Toleranz haben indes die kroatischen Stände, die am 14. April 1689 im Agramer Landtag versammelt waren, auf das heftigste protestiert und die Stadt Warasdin ganz ernstlich ausgefordert, den Juden den Ankauf von Baugründen nicht zu gestatten und namentlich zu verhindern, daß sie ihre „verfluchten" religiösen Gebräuche ausüben. Dieser Beschluß des kroatischen Landtages hatte folgenden Wortlaut: »Ese quo certi perfidi Judei civitatem Varasdiensem hospitare intelligantur, sadmonetun praefata civitas Varasdiensis serio, ne eisdem ulli fundi civitatis emi aut comparari, ita etam cultufr illorum maledictus et exercitium perfidiae suae quoquo modo permittatur.c (Laut Manuskript des Landtags - Protokolls, Baud III., Fol. 479, im kgl. Landesarchiv in Agram). Vergebens suchten die Juden später wiederholt, sich in Kroatien zu stabilisieren, der Landtag hat jedesmal dagegen Stellung genommen, bis ihnen endlich Kaiser Joseph II. mit seinem Toleranz-Edikt vom 21. Dezember 1781 die bürgerlichen Rechte verliehen hat. Dm Gebrüder HumboM und Moses Mendelssohn. In der „Kreuz-Zeitung" werden drei bisher noch unveröffentlichte Briefe zum Abdruck gebracht, die A. v. Humboldt an den späteren preußischen Hausminister v. Massow auf Steinhöfel gerichtet hat. Besonders interessant ist die Schlußbemerkung in dem Schreiben vom 14. Juni 1846, worin er mitteilt, daß er die silberne Hochzeit eines Enkels des Philosophen Mendelssohn (des Bankiers Alexander Mendelssohn, Sohnes des aften Josephs der den Dante geschrieben) in Charlosttenburg feiern muß, und hinzufügt: *) Entnommen einem Aufsatz des Schriftstellers Pros. Doktor Rudolf Horvats in der »Hrvatska prosvjeta< ex 1914, Nr. 1, übersetzt von Lav. Weiss, Bjelovar. „Wenn mein Styl nicht an der luxuriösen Neduplikation des Wortes liiius erkrankte, so würde ich hinzusetzen, daß in vorsündflutlicher Zeit 1780 bis 1790 der alte Philosoph, mit Lessing gewiß einer der verdienstvollen Erneuerer unserer vaterländischen Literatur (woran ihn sein äsopischer Bukel nicht hinderte), großen Einfluß auf meine Erziehung und die besser gelungene meines Bruders ausgeübt hat." Und dieser selbe Philosoph, der auf die glänzendsten Vertreter preußisch-deutscher Geisteskultur — nach ihren eigenen Worten — einen so nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat, nmßte im Jahre 1776 in Dresden, allwo damals „fremde" Juden noch Zoll und Geleite und, wenn sie sich länger als einige Tage aushielten, auch Nahrungsgeld an die Generalakzise-Einnahme zahlen mußten, bei seiner Ankunft in Berlin ebenfalls 20 Groschen für einen Zoll- und Geleitzettel zahlen. Wenn freilich auch nach Bekanntwerden dieses faux pas der Kabinettsminister v. Gutschmid sofort anordnete, „dem Berliner Gelehrten mosaischer Religion Herrn Moses Mendelssohn die ihm abverlangten 20 Groschen zurück- und zugleich zu erkennen zu geben, daß er mit seiner Familie in Dresden nach Belieben sich aufhalten könne, ohne die mindesten Abgaben zu entrichten", so war Mendelssohn doch mit Recht durch diesen eigenartigen Beweis sächsischer Gastfreundschaft tief verletzt, wie seine sarkastische Wendung zeigt, „daß man hier Berliner Juden und polnische Ochsen im Range gleichstellt". Das erinnert an eine ähnliche Aeußerung, die Hermann Steinthal in einem Briefe an Gustav Elogau tut: er erzählt da. daß sein Onkel auf eine Frage, warum er Napoleon so verehre, geantwortet habe: „Mein Sohn, das kannst du nicht wissen, du bist zu jung, du weißt nicht, wie es vor Napoleon war, aber ich weiß das. Wenn ich nach Bernburg gegangen bin und bin an die Brücke über die Saale gekommen, dann war da geschrieben: „Vieh und Juden zahlen einen Brückenzoll". Meinst du, das hat mich nicht jedesmal verdrossen? 1806, nach der Schlacht bei Jena, hat das mit einemmal ausgehört." Antisemitismus und öffentliche Moral Vortrag des Gemeinderates Dr. Robert Granitsch. (Schluß) Nun, meine sehr Verehrten! Wien, die Stadt der Gemütlichkeit, der milden Sitten und Anschauungen, scheint bestimmt zu sein, der Entwicklung der Weltgeschichte in die Speichen zu fallen und sie in Zeiten zurückzulenken, die man für immer entschwunden glauben sollte. Es ist so leicht, Leuten, die in Not sind, die wirtschaftlich bedrängt sind, nicht Belehrung zu bieten, sondern ihren Haß, ihren Neid zu erwecken. Und das ist in Wien geschehen. Leider scheint der Wiener Bevölkerung das Verständnis zu fehlen, daß das nicht eine Tätigkeit ist, die zu ihrem Wohls, in ihrem eigenen Interesse ausgeübt wird, sondern die nur den egoistischen Interessen Einzelner dienen soll, welche in der Verhetzung der Bevölkerung ein Mittel sehen, die eigene, und ich kann sagen, schmutzige Macht zu stärken. Vergleichen Sie die wirtschaftliche Entwicklung des christlichen Teiles unserer Bevölkerung mit der des jüdischen Teiles. Jahrhunderte hindurch war das Judentum eingeengt in unnatürliche und ungerechte Fesseln, eingeengt im Ghetto, in den Mauern dieser furchtbaren Zwingburg, welche jede freie Entwicklung gehemmt hat. Es war den Bewohnern des Ghettos jene Beschäftigung nicht zugänglich, welcher der übrige Teil der Bevölkerung obliegen konnte. Der christliche Teil des Volkes hat der Armee gedient, gehörte dem Beamtenstande an, bestand aus Erwerbs- und Landleuten. Ungeeignet war das Judentum dazu gewiß nicht, aber die Rache der Priesterkaste für das, was das Judentum 33 Jahre nach Christi Geburt verschuldet haben soll, hat das Judentum in das Ghetto gesperrt und ihm die Beschäftigung mit den allgemeinen staatlichen Möglichkeiten vorenthalten. Was ist natürlicher, als daß sich das Judentum auf das gewoften hat, was ihm ausschließlich zugänglich war, auf die kaufmännische Betätigung, auf den Handel und die Geldgeschäfte? Das war dasjenige, wofür das Judentum sich ausschließlich interessieren konnte und es müßte sehr wenig intelligent gewesen sein, wenn es sich in diesem engen Kreise der Wirksamkeit nicht eine große Tüchtigkeit und Erfahrung gesammelt hätte. Sie wissen ja, die Entwicklungstheorie lehrt, daß dasjenige, womit! sich der Einzelne beschäftigt, am meisten entwickelt wird. Die Darwinsche Theorie zeigt uns, wie im Menschen gerade dasjenige entwickelt wird, was er braucht, und wie das verkümmert, was er nicht braucht.