Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Btochs Wochenschrift. haben, um sich mit dem Taschentuche die Stirn zu trocknen, und zog dann — eine Nachtjacke seiner ftrau hervor! Heute, wo Ehrlich aus der Höhe seines Ruhmes steht, dürfte ein Urteil über ihn besonders interessieren, das einer seiner Lehrer über ihn als Schüler abgegeben hat. Der Breslauer Professor Tardy macht nämlich in den bei Julius Springer in Berlin erscheinenden „Naturwissenschaften", deren nächstes Heft zu einer wohlgelungenen Paul Ehrlich-Nummer ausgestaltet ist, Mitteilungen über Ehrlichs Schülerzeit. Er schildert den jungen Ehrlich als Schüler, der an Fleiß, Aufmerksamkeit und Wissen die meisten überragte, aber sich durchaus nicht vordrängte. „Ich wäre ganz mit ihm zufrieden gewesen, wenn ich nicht neben dem griechischen Unterricht auch den deutschen gehabt hätte. In diesem versagte er. Er schrieb Aufsätze, die wirklich nicht erquicklich zu lesen waren." Weiterhin heißt es: „Ehrlich schien ein Lernkops zu sein, bei durchschnittlichem Verstände und größter Gewissenhaftigkeit wohl befähigt, aufzunehmen, aber nichts zu schaffen." — Er ist viel mehr gewesen, wie Professor Tardy nun hinzufügt. Geheimrat von Luschan's Vortrag über die Anthropologie der Juden. Am 9. März hielt Felix von Luschan, einer jener hervorragenden Oesterreicher, die wir an die Fremde äbgeben mußten, damit sie nur manchmal als gefeierte Gäste in die geliebte Heimat zurückkehren, seinen Vortrag über ein Thema, dem er dreißig Jahre seines Forscherlebens unter klimatischen und mannigfachen anderen Lebensgefahren unter den Räuberhorden Asiens gewidmet hat, wobei ihn und seine ihm wissenschaftlich ebenbürtige Gattin dieselbe mystische, faszinierende Gelehrtenliebe zu dem Stamm der Hethiter geleitet hat, wie Schliemann sie zu den Gestalten Homers empfunden. Daß Felix von Luschan und feine Gattin, die Tochter des berühmten Ferdinand von Hochstetter, bei dem Hethiterproblem auf das jüdische Rassenproblem stoßen mußten, war ein glücklicher Zufall, und glücklicherweise stehen beide sozial und ethisch hoch über jenen Verdächtigungen, die sonst sogenannte Philosemiten ausgesetzt sind. Im leichten Konversationston, der auch dem anthropologisch Ungebildetsten befähigte, das Thema vollkommen zu begreifen, gab Luschan die Ergebnisse seiner mathematisch sicheren Lebensarbeit, unterstützt von Hunderten von Lichtbildern, wie sie nur der gefeierte Arzt des Orients, der Luschan ursprünglich war, durch den Zutritt in die vornehmsten Kreise erlangen konnte. Luschan bringt es seit vielen Jahren immer wieder zu Gehör, daß die heutigen Juden, eine religiöse und durch Tradition so geeinigte Rasse, anthropologisch sowie jede andere Edelrasse der Weltgeschichte — Hellenen, Römer, Germanen, Engländer, Franzosen, Italiener — eine sehr gemischte Rasse darstellen, eine Wahrheit, die nicht nur den Antisemiten, wie Luschan meint, sondern, wie ich überzeugt bin, auch manchen Juden recht unangenehm ist. Dabei hat Luschan noch die Institution der Nebenfrauen, die von uralter Zeit gewiß vielfach Nichtjüdinnen waren, und die zahllosen Mischehen der ersten christlichen Jahrhunderte unerwähnt gelassen, da ja, nach den Kosilienbeschlüssen zu urteilen, Uebertritte von Nichtjüdinnen zum Judentum behufs Eheschließung ebenso häufig waren, als sie später selten oder unmöglich wurden. Daraus brauchte Luschan gar nicht zurückzugreifen, da schon zu Zeiten Moses die Juden eine Mischrasse darstellten, hat doch die semitische Einwanderung _ unter Abraham der Urbevölkerung Gott und Gesetze, aber nicht die Schädelform aufprägen können. Was wir als Judentypus gewöhnlich bezeichnen, ist in der Regel durchaus unsemitisch, der Typus Turmnasen, rme sie das Hohe Lied verherrlicht, ist der uralte hethitische, der der Urbevölkerung Palästinas, wie wir es aus den Seite 167 Denkmälern der Aegypter, Assyrier und der künstlerisch hochbegabten Hethiter selbst Nachweisen können, auf der Stelle Hmmurabis z. B., die den ältesten Gesetzgeber der Menschheit in überzeugender Porträttreue darstellt und zu dem ganz gut ein vornehmer, lebenskluger heutiger jüdischer Bankier Modell gestanden sein könnte. Den schönen langschädligen, vielfach blauäugigen Judentypus hingegen, wie die christlichen Maler ihn nach jüdischen Modellen so oft ihren Heiligen und ^der Madonna geben, ist gleichfalls in Palästina zu sausenden heute noch zu finden, am reinsten und schönsten aber bei den Kurden in den Hochtälern von Kurdistan und ist anthropologisch auf eine indogermanische Rasse zurückzuführen, eine physisch herrliche Rasse, die wir in Tonrafeln des 13. vorchristlichen Jahrhunderts, dann in den Felsendenkmälern der Perserzeit unter den Königen und ihrer aristokratischen Umgebung — Kyros mag ungefähr so ausgesehen haben, wie Wagner sich Jungliegfried vorstellte — finden, eine Rasse, die Indien unterjocht hat und ihm Namen und Kultur gab. Der rein semitische Typus, der kurzschädlig ist und ungefähr „böhmische" Nasen hat, findet sich bei den heutigen Beduinen rein, der hethitische Nasenbau reiner, d. h. karikierter als bei den Juden, bei den Armeniern, wo ganz nach dem Mendlschen Gesetz diese Urrasse trotz vielfach fremder Mütter in der dritten und vierten Generation immer wieder erscheint, wie wir ja auch sehen, daß bei Mischehen zwischen Juden und Christen in der vierten Generation der jüdische Typus oft in karikierter Gestalt wieder hervorkommt. Luschan hat eine Fülle feiner Nebenbemerkungen eingestreut, so daß die „Pejes" uralte hethitische und assyrische Hofsitte sind, daß er in den Baderäumen hethitischer Könige noch Reste von Auripigment vorfand, dessen sich heute, nach dreitausendfünfhundert Jahren, orthodoxe Juden zur Enthaarung bedienen. Auf der ganzen Erde gibt es, nach Luschan, nur mehr wenige reine Rassen, und zwar in den dunkelsten Teilen Rußlands, in den abgelegensten Tälern Chinas und Polynesiens — also Rassenreinheit ist mit niederster Kulturstufe identisch. Neben seiner mathematisch nachweisbaren Theorie spricht Luschan, besonders aus grammatikalischen Gründen, als noch scheue, vielfach angefochtene Hypothese, die aber den Juden als Bestätigung der Noahgestalt freuen müßte, aus, daß er Hammiten, Semiten, Japhetiten für Kinder eines Stammes hält, der sich nach und nach bis zu dem heutigen Völkergewimmel gespalten. Die schönen Schlußworte Luschans, in denen er die jüdischen Mitbrüder als Glieder der ältesten Kulturrasse in Europa, sowie in ihrer heutigen Gestalt als gleichberechtigte und begabte Mitstreiter im modernen Kulturleben begrüßte, hätten vielleicht noch wärmeren Nachhall gefunden, wenn mehr Juden, namentlich jüdische Geistes- und Studentenwelt, anwesend gewesen wären, während ich in dem glänzenden, dem Hochadel und der Gelehrtenwelt angehörenden Publikum nur wenige jüdische Forscher, wie Josef Breuer, Allgyogi, Wolf (Eisenstadt), bemerken konnte. Es wäre für den Verein gegen den Antisemitismus sowie die Kultusgemeinde fruchtbringend, Luschan zu einem Vorträge einzuladen, obwohl der rein wissenschaftlichen Forschung jede Tendenzmalerei ferne liegt. So klar waren die Ausführungen, daß jeder Anwesende sich nunmehr den Spaß machen kann, bei jedem jüdischen Glaubensbruder oder -Schwester die drei Typen herauszusuchen, ob semitischer, hethitischer oder indogermanischer Jude, wobei er zu dem Resultate kommen wird, was ja genau den Gesetzen Mendls, die Luschan bei Beginn seiner Forschung nicht kennen konnte, entspricht, daß die Geschwister einer Ehe jeder einen der drei Typen repräsentieren können, d. h., jeder einen andern Ahnen oder Ahnin wiederholen. Clothilde Benedikt.