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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seae 166 Dr. Bwchs Wochrnschrift. rNr. 11 nichts anderes und Besseres, als daß man unseren Glauben nicht als Sünde ansieht und unserer Arbeit und unserm Charakter Anerkennung und Gerechtigkeit zollt. Nur der tüchtige, nur der fleißige, nur der anständige Jude soll geachtet werden, mehr wollen wir nicht. Der Heuchler, der Faulenzer, der Charakterlose — ihn stellt unter Angriff und Anklage, für die anderen Respekt, oder wie die „Reichspost" selbst sagt: „Hut ab vor ihnen!" Also nur weiter in dieser Tonart, die wir herzlich gern erwidern wollen. Wir unsererseits sagen: „Es gibt Christlich-Soziale, denen es vor allem um Glauben und Religiosität zu tun ist und nicht um Unterjochung der Wissenschaft und Politik. Hut ab vor ihnen! Es gibt Christlich-Soziale, die sich ehrlich und tüchtig das tägliche Brot verdienen und von den vielen Millionen der vielenParteisührer nichts wissen. Hut ab vor ihnen! Es gibt Christlichsoziale, die den Unsinn des absoluten Antisemitismus kennen und ihn zu unterdrücken suchen. Hut ab vor ihnen!" Man sieht, wir sind zur Höflichkeit, Gerechtigkeit und Anerkennung gerne bereit und halten die Finger an die Krempe, eifrig nach den Christlich-Sozialen spähend, die wir zu grüßen haben. Nur daß wir fast niemanden sehen. Im Auslande blickt man verwundert auf die Erscheinungen moralischen Verderbnisses, welche die antisemitisch infizierte Atmosphäre gezeitigt. Was nirgends und auch in Oesterreich niemals erhört war, bildet dermalen unsere beschämende Spezialität: österreichische Spione, die außerdem noch Offiziere sind; gewissermaßen im Nebenamt. Zunächst der Generalstabsoberst Redl mit seinem arischen Rassenhochmut und seiner Judenverachtung. Dann war da eben erst das edle Brüderpaar Jandric. Ein Leutnant der eine, der andere ein Oberleutnant. Und jetzt steht schon wieder einer als Spion im Russensold vor Gericht, ein pensionierter Fähnrich. Gleichzeitig wird ein österreichischer Richter, der auch Abgeordneter ist, als Polizeispitzel entlarvt, der Don der Staatspolizei ein festes Gehalt bezogen. Im Anfang sechshundert Kronen für den Monat, später achthundert. Man ist also mit chm zufrieden gewesen und hat ihn avancieren lassen. Bei alledem ist immer noch zu bemerken: er ist nicht teuer gewesen. Er hat es billig gemacht. Wenn man nämlich bedenkt, was für ein hohes Gut chm anvertraut war, und die Zahl der Silberlinge betrachtet, um bie er dies hohe Gut verriet. Ein Abgeordneter, der aus dem Parlament Informationen zur Geheimpolizei trägt, die er im Sitzungssaal und in den Couloirgesprächen erlauscht; ein Abgeordneter, der an dieser großen Gemeinschaft zum Verräter wird — und ein Richter, ein aktiver Richter als Denunziant, solche Erscheinungen konnte bloß ein antisemitisches Zeitalter auf dem Boden arischer Kultur reifen lassen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des christlichsozialen Regimes in Wien, den bekannten Pfister mit der Salvator-Medaille auszuzeichnen. Dem Naderer verlieh den Ehrenmantel die neue Partei. Und bei dieser Moral ist es geblieben. Vom Aabrmarlrt des Lebens. Persönliches von Paul Ehrlich. Zu seinem sechzigsten Geburtstag, 14. März. Die durchdringend klugen und zugleich gütigen blauen Augen, die unter Paul Ehrlichs hoher gefurchter Stirn aus dem weißbärtigen Gesicht über schwarzgeränderten Brillen hervorleuchten, verraten jedem, der dem Frankfurter Chemotherapeuten, der durch sein Salvarsan Weltruf erworben hat, gegenübertritt, ohne ihn zu kennen, daß er einen großen Forscher und Gelehrten vor sich hat, wenn er Gesichter zu lesen versteht. Und dieser Eindruck wird bestätigt, sobald man Paul Ehrlich sprechen hört und sieht. Wenn er die Probleme behandelt, die ihtl gerade beschäftigen, spricht er mit einer förmlichen Begeisterung von seinen geliebten Chemikalien; die jugendliche Beweglichkeit des Geistes, die ihn trotz seiner 60 Jahre auszeichnet, findet auch chren körperlichen Ausdruck, denn Ehrlich spricht auch mit Mienen und Gebärden; er wählt dabei originelle Vergleiche und Bilder, die mit einem Schlage verdeutlichen, was er 'meint; er liebt es, seine Ausführungen durch Zeichnungen zu illustrieren, immer hat er Bleistifte und Buntstifte bei der Hand, und jede Fläche, die noch unbeschrieben ist, ist ihm zum Zeichnen recht: Papier, eine Tapete, eine Türfüllung oder eine Stiefelsohle; tatsächlich soll er einmal in der Einsenbahn auf der Stiefelsohle eines ihm gegenübersitzenden Herrn eine Zeichnung entworfen haben! Der höchste Lebensgenuß, den Ehrlich kennt, ist die Arbeit. Mit unermüdlicher Ausdauer arbeitet er jeden Tag, und es vergeht kein Sonn- oder Festtag, an dem er nicht in seinem Laboratorium erscheint, und je mehr er arbeitet, desto frischer wird er. Selbst im Hause schüttelt er die Gedanken an seine Unternehmungen nicht ab, im Gegenteil, er geht im Zimmer auf und ab und hält, wenn er niemanden zu wissenschaftlichen Gesprächen findet, lange Selbstgespräche, in denen er scharfe Gefechte mit seinen Gegnern auskämpft und neue Arbeitspläne bespricht. Sein Arbeitsgebiet ist durch die öffentlichen Erörterungen, die sich besonders in den letzten vier Jahren außerordentlich viel mit Ehrlichs Erfolgen beschäftigt haben, wohl allgemein bekannt. Zu der Chemotherapie, als deren eigentlicher Begründer er anzusehen ist, ist er auf dem Umweg über die Medizin gekommen. Ehrlich hat nur Medizin studiert, ist dagegen als Chemiker Autodidakt. Schon in ziemlich früher Zeit hatte er eine ganz merkwürdige Vorliebe für die Farbstoffe. „Die Auffindung neuer Arzneien geht über die Farbstoffe", so soll er einmal gesagt haben. Von dieser Vorliebe wissen auch die Professoren, die Ehrlichs Arbeiten geleitet haben, ein Lied zu singen. Ehrlich verschüttete bei den Laboratoriumsarbeiten nämlich flüssige und feste Farbstoffe in reichem Maße überall, und ein bedeutender Physiologe soll einem befreundeten Gelehrten über den jungen Ehrlich einmal gesagt haben: „Die Spuren des Fleißes von Herrn Ehrlich sind unverwüstlich." Die Hauptarbeit Ehrlichs in den letzten Jahren besteht darin, unermüdlich neue, meistens auf Farbstoffe aufgebaute, chemotherapeutisch verwendbare Chemikalien zu ersinnen, und im Laufe der Jahre hat er viele Tausende neue Stoffe aufgebaut und auf ihre Wirkung untersucht. In seinem Hause kann Ehrlich sich nicht so ganz geben, wie er wohl möchte. Er raucht zwar beständig und verstreut die Tabakasche überall hin, auf- Möbel und auf Kleidungsstücke, ganz anders aber ist es in seinem' Laboratorium: hier ordnet er an, und die Folge ist, daß die Chemikalien in buntester Unordnung durcheinander stehen, so daß sich in dem heillosen Wirrwar kein anderer zurechtfindet, als Ehrlich selbst. Einmal hat jemand ihm durch Ordnen der Chemikalien eine große Freude zu machen gedacht, aber das Ergebnis war, daß sich Ehrlich tagelang unter seinen Chemikalien nicht mehr zurechtfinden konnte. Aehnlich soll es in seiner Bibliothek aussehen, und andere Züge, die hiemit gut übereinstimmen, werden von seiner echten Gelehrtenzerstreutheit erzählt: so soll er in jüngeren Tagen allerhand Leinwandstücke und dergleichen mit herumgetragen haben, um damit Platten zu reinigen. Gebrauchte Taschentücher, Hemden usw. nahm er dazu mit Vorliebe, und einmal soll er mitten in der Vorlesung in die Tasche gegriffen

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