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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-03-06 · 10 (6.3.1914) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Lvllr 159 «r. 10 und in einigen Wiener Häusern, sonst fast nicht gekannt, lebt in Wien wie es scheint in sehr angenehmen Verhältnissen. Hat viele gute und schlechte Gedichte geschrieben." Das schriftstellerische Getriebe in Wien weist zur Zeit des Vormärz eine sonderbare Szenerie auf. Grillparzer, Anastasius Grün und Lenau erheben sich wie drei große Bergriesen über die große Zahl von ,,Geringeanern", wie Hieronymus Lorm alle jene Dichter nennt, die an dem literarischen Stammtisch saßen, welchem auch Moritz Hartmann eine Zeit lang angehörte. In Neuners „Silbernem Kaffeehaus", an der Ecke der Plankengasse und des Neuen Marktes, trafen die Schriftsteller zusammen, die sich bereits durchgesetzt hatten. Dort waren neben Auersperg, Raimund, Bauernfeld, Lenau und Witthauer auch solche zu finden wie Drärler, Bodenfeld. Braunthal, Fitzinger u. a. Die neue Generation von Dichtern, „welche das Rätsel der Zukunft noch zu lösen hatte", vereinigte sich im Eafö Geiringer auf dem Bauernmärkte. Dorthin kamen Johann Nepomuk Berger. Johannes Nordmann. Josef Rank, Isidor Heller, so oft er in Wien war, Moritz Kuh, Siegmund Ko lisch, Moritz Hartmann u. a. Aber auch mit Dichtern, die in den vierziger Jahren schon zu den berühmten zählten, war Kolisch in näherer Fühlung. Mit Bauernfeld kam er täglich beim Mittagstisch und außerdem in der „Concordia" zusammen. Einmal wurden er und Hartmann von Nikolaus Lenau mit einer Einladung in dessen Wohnung beehrt. Der berühmte Dichter versprach den jungen Leuten, an einem bestimmten Tage seine neueste. Dichtung „Don Juan" vorzulesen. Wer war glücklicher als sie! Pünktlich auf die Minute, um halb 11 Uhr vormittags, klopften sie bei dem hochverehrten Dichter an. Sie fanden ihn im Bette: neben ihm, auf einem Nachtkästchen, eine leergewordene Kaffeetasse und Zigarren guter Sorte, wie sie sich alsbald überzeugen konnten. Der Wirt empfing sie mit dem ihm eigenen freundlichen Lächeln, reichte ihnen die Hand und bot ihnen Sitze und Zigarren an. Dann stand er auf, warf sich rasch in einen Morgenanzug, und nachdem er Papierblätter aus einem Kasten genommen, setzte er sich vor einen großen Tisch in der Nähe des Fensters und las. Aus jener Zeit stammt folgendes Gedicht des Kolisch: Die Kunst. Schwankend ist das Erdenleben, Seine Gaben ohne Halt; Nur die Träume Wahres geben, Alles sonst verschwindet bald. Selig, der im Reich der Träume Sich ein liebes Häuschen baut, Von wo er in des Lebens Räume Sicher und vertrauend schaut. Wo er lachend ob dem Brausen ' Leerer Stürme fort und fort Ohne Furcht und ohne Grausen Weilt auf seinem Plätzchen dort. Wie sich ändert und gestaltet Seines Lebens Hülle, Zeit; Wie das Schicksal droht und waltet, In dem Traum wohnt Seligkeit. Dor h'n sät er 'einen Samen, Dorthin pflanzt er seinen Baum, Was ihm finstre Mächte nahmen, Gibt ihm schnell der süße Traum. Sieh', die teure Götterzelle Hab, ich Kunst aus d.ich gestellt Und ich gäbe diese Stelle Nicht für eine ganze Welt. Auch als Theaterkritiker und Bücherrezensent war Kolisch sehr fruchtbar. Er fand noch Muße genug für größere Werke, für Romane und Dramen. Schon im Jahre 1844 publizierte er im Almanach „Libussa" eine Erzählung „Die Tyrannin". Hieher gehören ferner Kolischs „Kleine Romane aus Wien", welche zwar die Jahreszahl 1848 tragen, aber durchwegs früher geschrieben, b^iehungsweise auch erschienen sind. Die „Moderne Metamorphose" hat Bäuerle in seiner Theaterzeitung bereits im Jahre 1845 abgedruckt. Der Name „Kleine Wiener Romane" rührt daher, daß jeder Roman etwa 100 bis 150 Seiten zählt, also über den Rahmen einer Novelle nicht hinausgeht und daß die Handlung aller Romane entweder ganz oder teilweise in Wien spielt. Am 9. September 1843 wurde am Brunner Stadttheater Kolischs dreiaktiges Trauerspiel „Der Bauer" aufgeführt, über welches der Brünner Theaterberichterstatter des „Sammler" folgendes schrieb: „Das Stück in sich selbst ist zwar kühn und geistreich gedacht, aber mit viel zu stürmischer Hast ausgeführt. Der erste Akt, ziemlich reich an schönen und gelungenen Situationen, ist unstreitig der beste: weniger gut, obgleich noch immer mit Beifall ausgenommen, war der zweite, dessen Ende zugleich das Ziel des geregelten, ruhigen Verlaufes der Handlung ist. Wie ein wilder, reißender Bergstrom stürzt der dritte, ein Heer zügelloser Leidenschaften mit sich führend, vor uns her und begrüßt die ganze Flur der schönen Blumen, die früher ihre süß duftenden Kelche vor uns aufgeschlossen, in seinen schäumenden Fluten, anstatt sie zu kühlen, zu erquicken und zum zierlichen Schmucke des Gesamtbildes in glänzender Pracht aufrechtzuerhalten. Was die Sprache, die eigentliche Glanzseile dieses Stückes anbelangt. so ist dieselbe voll der schönsten Bilder und Gedanken, bald kräftig und kühn, bald süß und sanft, an vielen Stellen von einem eigentlichen Zauber." An den Kämpfen der Märztage nahm Kolisch aktiven Anteil, und aus einer erhaltenen Karte ist zu ersehen, daß er sich in die 2. Kompagnie des Iuristenkorps eintragen ließ. Der Freude über die Zensurfreiheit gibt der Dichter in folgendem allegorischen Gedichte Ausdruck: Ist übrig geblieben aus alten Zeiten Der Mann mit den grauen Haaren, Er wollte noch immer sein Rößlein reiten, Er glaubte, es sei wie vor Jahren. Das Rößlein, das hat wohl lange getragen Die Stiche der scharfen Sporen; Doch endlich hat es ausgeschlagen, Weil's die Geduld verloren. Run sank er in den Staub hinunter Der alte närrische Reiter, Dem Rößlein ist leicht, das Rößlein ist munter, Der Pegasus sprengt weiter. Im Juni finden wir Kolisch mit Dr. Becher als verantwortliche Redakteure des „Radikalen", der in seinem Tone seinem Titel zu entsprechen suchte. Kolisch teilte alle Leiden und Erlebnisse der Oktobertage mit Hartmann. Er stand in derselben Kompagnie des „Corps 'l’t* ite-* wie Hartmann, gleichfalls als gemeiner Soldat, und so kam er während dieses letzten Drittels des Oktober den ganzen Tag nicht von seiner Seite. In den allerletzten Oktobertagen schlug eine Kompagnie des Corps d?elite? verbunden mit Proletariern unter Anführung des Majors Hauk, an der Mariahilfsrlinie einen Angriff der Truppen zurück. Nach der Eroberung Wiens durch Windisch-Grätz mußte Kolisch ins Ausland fliehen. Der Steckbrief, der noch erhalten ist, hat folgenden Wortlaut: „Vom k. k. Finanzwach-Sektionskommando X. Gemäß hohen Dekretes des löblichen k. k. Kameralbezirks-Verwaltungsvorstandes vom 10 d. M. Z. 76? und nach der dem Herrn Landeschef zugekommenen Eröffnung der k. k. Zentral-Militäruntersuchungs kommission in Wien vom 26. v- M, hat der Literat Siegmund Kolisch als Mitarbeiter der revolutionären

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