Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 162 Dr. Bloch» Wochenschrift. Sr. 10 riugste zu tun haben", leb kann leider nicht zugeben, daß die zionistische Auffassung außer Zusammenhang stehe mit unseren „sozialen Fragen“, noch gar mit „jüdischen Kultusfragen“. An diesem zarten Punkte trennt mich nicht nur meine deutsche, sondern auch meine jüdische Auffassung von der nationalistischen Theorie des Zionismus. Daher kann ich auch Ihre Anklage auf „Mesirutli (Verrat)“ ruhigen Gemütes zurückweisen. Nicht diese Erklärung der Notwehr ist eine „Denunziation“ der zionistischen Glaubensgenossen, sondern diese haben von Anfang an uns vor der deutschen und der europäischen Kulturwelt als Heuchler gebrandmarkt: daß wir Deutsche sein wollten, was wir aber nimmermehr sein könnten; was wir selbst innerlich gar nicht von uns glaubten; daß wir daher auch in Wissenschaft, Kunst und Literatur mit unserem Assimilantentum keinen natürlichen, wahrhaften Stil zustande zu bringen vermöchten und daher den modernen Geist in seinem Schrifttum nur verderbten. Der Verrat greift auch die Aufrichtigkeit unserer Religiosität an: denn der moderne Mensch stehe ja über und außerhalb der Religion. Nur nationale Politik sei die moderne Religion. Sagen Sie nicht, so hätten nur einige dieser Herren geurteilt: in diesen Urteilen ist der Verrat ausgesprochen; aber das Urteil selbst ist die gerade Konsequenz jener jüdischen Entartung, für die der messianische Jude nur Verachtung und Abscheu haben kann. j Da bin ich bei der Hauptsache. Sie sagen: ich kennte die Jugend nicht, „die entweder vom traditionell-religiösen oder vom zionistischen Ideal begeistert ist“. Ich erkenne aber vielmehr die Alternative nicht an und ich bedauere es tief, daß Sie, hochgeehrter Herr, sie mir entgegenhalten. Ich weiß nur ein Anliegen für unsere Jugend: das . ist der religiös traditionelle Sinn, der Sinn, der Geist, der Eifer, der Enthusiasmus für unsere religiöse Tradition, wie sie in der Eigenart unseres Monotheismus begründet ist. Hier gibt es kein Entweder — Oder. Wenn Sie aber das zionistische Ideal dem religiösen entgegenstellen, so haben Sie selbst über das zionistische Ideal das Urteil der Vernichtung ausgesprochen. Und für dieses Urteil bringt jene Literatur leider erschreckende Beweise, die j eden ernst denkenden Juden mit Trauer erfüllen müssen. Alle Parteien unter uns müssen sich vertragen und sich verstehen lernen. An diesen meinen Leitgedanken erinnern Sie mich mit Recht. Aber wo die Religion, die Eigenart unserer Religion nach der philosophischen Verwirrung unseres Zeitalters, wie von einem höheren Kulturbewußtsein aus, allenfalls mitgenommen, aber herabgesetzt, nicht in den Schwerpunkt unseres jüdischen Wesens, unseres gesamten Kulturlebens, unseres geschichtlichen Seins und Fortbestandes eingesetzt und festgelegt wird, da sei Gott vor, daß wir mit solchen verwirrten Söhnen unseres Stammes Frieden halten dürfen. Wir wollen sie nicht aufgeben und nicht abstoßen. Aber es ist unsere heilige Pflicht für sie, wie für uns, sie auf die Gefahr ihres inneren Abfalls zu verwarnen. Wir werden bleiben, was wir seit dem Beginn des modernen Judentums unter schweren Kämpfen, aber mit großen Erfolgen angestrebt haben: Erhalter des Judentums in unserem Glaubensstamme, zugleich aber auch Verkünder des Judentums, nach wie vor, unter den Völkern der Welt. Unser Glaube in seinem großen Inhalt kann keine Furcht vor jenem Nationalismus aufkommen lassen, der eine Episode bildet im Zeitalter des Antisemitismus. Unser Kampf gegen die Zionisten ist wahrlich nicht allein aufgedrungene Notwehr — kein Ernsthafter wird sie fürchten. Unsere Erklärung ist eine Mahnung an sie selbst und an diejenigen, die ihnen Sympathie schenken, ohne die Tragweite ihres Verrates und ohne den Abgrund ihres Verfalls zu ermessen. Wenn ich zum Schluß von mir selbst reden darf: möchte mein Name unter jener Erklärung manchen Glaubensgenossen, der Vertrauen zu meinem Arbeitsanteil an unserem Heiligtum gefaßt hat, zu der Besinnung darüber anregen, ob denn auch wirklich an diesem so natürlichen Ausbruch eines jüdischen Gefühls der Grundquell dieses Gefühls ungetrübt und unversehrt geblieben ist. H. Cohen. tDom Jahrmarkt des Lebens. Kardinalsürstbischof Dr. Kopp. Aus Breslau kommt die Trauerkunde von dem Hinscheiden des gelehrten Kardinalfürstbischof Dr. G. K opp. Der Verstorbene war einer der vornehmsten, angesehensten und gelehrtesten Kirchensürsten Deutschlands, von hohem und höchstem Einfluß bei der Kurie in Rom, wie auch bei der deutschen Regierung und am Berliner Kaiserhofe. Auch das jüdische Volk hat voll Verehrung zu dem verewigten hohen Kirchenfürsten aufgeschaut und wird ihm ein dankbares Gedenken bewahren. Seiner hohen Gelehrsamkeit entsprach sein Wahrheitsmut, mit welchem er gelegentlich des Prozesses von Tisza-Eßlar gegen den Wahnsinn der Blutlüge öffentlich Zeugnis ablegte. Das Dokument hat folgenden Wortlaut: Fulda, 4. November 1882. Geehrter Herr Doetor! Auf Ihrem Wunsch stehe ich nicht an, die bei unserer neulichen Unterredung abgegebene Erklärung hiermit schriftlich zu wiederholen, daß die Annahme, es könnte von Juden Christenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht worden sein, weder durch die jüdische Religion, noch durch die Geschichte zu begründen ist, und daß eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen immer sie gestützt werden möge, als eine freventliche Unwahrheit bezeichnet werden muß. In vollkommener Hochachtung Euer Wohlgeboren ergebenster An den Rabbiner Herrn Dr. Ca hu. G. Kopp, Bischof von Fulda. Hohe Auszeichnung des Senatspräfidenten Dr. Baumgarten. Aus Budapest wird gemeldet: Der Kaiser verlieh dem Senatspräsidenten an der königlichen Kurie, dem obersten Gerichtshöfe Ungarns, Dr. Isidor Baumgarten in Anerkennung seines langjährigen treuen und eifrigen Dienstes den Orden der eisernen Krone zweiter Klasse. Senatspräsident Dr. Baumgarten gehört zu den angesehensten Juristen Ungarns, dessen Reden und Gutachten über juristische Fragen in der ganzen Welt anerkannt werden. In rascher Aufeinanderfolge stieg Dr. Baumgarten die Richterkarriere empor, bis zu der höchsten Stelle, welche ein Richter erreichen kann. Nach dem Tode seines Bruders, des Senatspräsidenten an der königlichen Tnfel Karl Baumgarten, begann Isidor Baumgarten, an einem Leiden zu laborieren, das ihn schließlich zwang,, um seine Pensionierung anzusuchest und dabei zu beharren, obwohl an den kompetenten Stellen alles aufgeboten wurde, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Senatspräsident Dr. Jsidok Baumgarten ist ein guter Jude, der für alle jüdischen Fragen nicht nur ein lebhaftes Interesse, sondern auch tiefes Verständnis bekundet. » Ein aktiver Staatssekretär Präsident einer jüdischen Literatur-Gesellschaft. Aus Budapest wird uns geschrieben: Die Ungarische Israelitische Literatur-Gesellschaft, welche wegen ihrer zahlreichen wissenschaftlichen Ausgaben zu den angesehensten Literatur-Gesellschaften zählt, hielt vorige Woche ihre Jahresversammlung ab, an der ein überaus zahlreiches Publikum teilnahm. Die Sensation der Versammlung bildete der Umstand, daß an Stelle des verstorbenen Präsidenten Baron Josef Hatvany der aktive Staatssekretär im Justizministerium Dr. Leopold Vadasz einhellig zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt wurdet und daß., der Staatssekretär diese Wahl auch annahm. An Stelke des.- verstorbenen zweiten Präsidenten Professor Dr. Wilhelm Bacher wurde Rabbiner Dr. Julius Fischer gewählt, welcher den Staatssekretär im Namen der Gesellschaft begrüßte und für die Annahme der Präsidentschaft dankte.