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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 184 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 9 Der Historiker Dübnow über das Sprachenproblem in der Jüdischen Geschichte. In der jüdisch-literarischen Gesellschaft in Petersburg hielt dieser Tage der bekannte jüdische Historiker S. Subnow einen Bortrag über das Problem der Literatursprache in der jüdischen Geschichte. Dem überaus lehrreichen Vortrage entnehmen wir die folgenden wichtigen Daten: Noch in dem letzten Abschnitte jener Periode, da die Juden in ihrem eigenen Lande lebten, haben sie allmählich aufgehört, hebräisch zu sprechen, und die aramäische Sprache hat infolge des kulturellen Linflujses von Aschur und Babel eine wichtige Rolle gespielt. Später jedoch noch, bevor das ganze jüdische Volk in die Diaspora ging, gab es bereits außerhalb Palästinas jüdische Zentren, wo die hebräische Sprache nicht die Verkehrssprache bildete. So entsteht z. B. in Alexandrien Aegypten eine mächtige jüdische Literatur in jüdischer Sprache, Zn Heren bedeutendsten Vertreter der große Philosoph Philo gehört. Diese Vielsprachigkeit unter den Juden wuchs naturgemäß noch an, als die Römer die Juden aus Palästina vertrieben. Ls beginnt die Epoche des östlichen Mittelalters, das ungefähr 10)2 Jahre anhält. Das Zentrum des jüdischen Volkes befindet sich .im Osten: um diese Zeit werden die immerwährenden unsterblichen Denkmäler jüdischen Geistes die Mischnah und die Gemara geschaffen. Während nun die erstere sich noch an die hebräischr Sprache hält, ist die Gemara besonders aber die Agadah schon mit hebräischen Sprachelementen durchtränkt. Der hebräischen Sprache ist ein starkes Gegengewicht erstanden und bisweilen scheint es, daß hievon ihre Gegnerin vollends überwältigt werden soll. Zur Zeit der Gaonim ersteht wieder ein neuer Kulturfaktor, die arabische Sprache, und Sadjah schreibt seine Werke in arabischer Sprache. Das jüdische Zentrum wird von dem Osten nach dem Westen verlegt. Ls beginnt das westliche Mittelalter und mit ihm eine neue Literatur mit der goldenen Epoche in Spanien. Und abermals sehen wir, daß, obgleich die hebräische Sprache ihre Bedeutung nicht eingebüßt hat, und Dichter wie Iehudah Halevy in ihr die herrlichsten Werke produzieren, der größte Teil der Intelligenz jener Zeit gerade in einer fremden Sprache, und zwar arabisch, schreibt. Und bezeichnend ist, daß, während in derselben Zeit in Frankreich die Juden fast ausschließlich in hebräischer Sprache schreiben, daselbst bloß religiöse Arbeiten entstehen, in Spanien hingegen gerade diese Epoche die bedeutendsten jüdischen Dichter und Philosophen hervorgerufen hat. Dubnow kommt zu dem interessanten Schlüsse, daß die jüdische Geschichte während der ganzen Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Literatur immer verschiedene Sprachen zu gleicher Zeit geherrscht haben. Das beweist, daß es kein Zufall, sondern ein historisches Gesetz ist, und es sei daher vergebliche Mühe, wenn die eine oder andere Partei diese oder jene Sprache, welche in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Lande die jüdische Literatur beherrscht, zu verdrängen sucht. Alle diese Sprachen haben einen historischen Wert und erfüllen sowohl im Leben der Juden, als auch in ihrer Literatur eine historische Mission. Zum Andenken an dev Erfinder des Taubstummenunterrichtes. 2n einer französischen Zeitschrift teilt Professor Paolo Bebert mit, daß er über Jacob Rodriguez Pereira dem portugiesischen Juden, von dem die ersten Anleitungen zum Unterrichte von Taubstummen ausgegangen sind, ein Buch schreibt, und regt gleichzeitig an, daß diesem hervorragenden Manne je ein Denkmal in Paris und in Lissabon errichtet werden möge. Jacob Rodriguez Pereira wurde in Lissabon im Jahre 1715 geboren und starb 1760 in Billette in Frankreich. Er wurde durch seinen Unterricht von Taubstummen, den er sich mit der Hingabe seines ganzen Herzens widmete, berühmt. Von der Inquisition verfolgt, floh Pereira nach Frankreich, wo er in Ruhe seine Studien über die Lautartikulationen obliegen konnte, und auch an seinen Schülern, die sich in großer Zahl meldeten, zu erproben in der Lage war. Im Jahre 1746 erläuterte er in der Akademie von Caen seine Methode und führte einige von ihm unterrichtete Taubstumme vor und erregte mit diesen Ergebnissen bei den anwesenden Gelehrten und Sprachforschern große Bewunderung. In Paris selbst erwarb er sich die Sympathien und die Anerkennung von Buffon, der ihn iin Juni 1749 der wissenschaftlichen Akademie von Paris vorstellte und später auch mit ihm bei König Louis XV. in Audienz erschien, der Pereira aus freien Stücken eine Pension von 20.000 Francs auswarf. König Louis gewann diesen jübifdfjen Gelehrten so lieb, daß er ihn bald darauf zum Sekretär und Dolmetsch für die portugiesische und spanische Sprache ernannte. Im Jahre 1765 vollendete er seine große Arbeit „0!>86i'vntion8 snr les sourds-miietsV Pereira hat sich übrigens midi auf anderen wissenschaftlichen Gebieten hervorgetan und genoß die Freundschaft der großen Geister des achtzehnten Jahrhunderts, starb, wie bereits erwähnt, im Jahre 1780 in Villejet, wo er im jüdischen Friedhof unter strengster Beobachtung der jüdischen Zeremonien begraben wurde. Ein neuer jüdischer Universitälsprofessor in Bologna. Der bekannte Gelehrte Rodolfo Mondolfo wurde vom König von Italien zum Professor der Philosophie an der Universität in Bologna ernannt. Mit ihm zählt die Bologneser Universität, wie „Seetimana Israelitica" meldet, acht jüdische Professoren, und zwar die Doktoren Pincherle, Bolafio, Cammeo Subno, die zwei Brüder Enriquez Giorgio Bel Vecchio und der neuernannte Mondolfo. Der größte Teil der hebmischen Manuskripte in England. Vorige Woche fand in London die Jahresversammlung der jüdischen historischen Gesellschaft statt. Präsident Elkan N. Adler wies in seinem Präsidialberichte darauf hin, daß einer seiner Vorgänger in der „Iewisb Encyclopädia" noch schrieb, daß im Jahre 1904 von den damals bekannt gewesenen 15.059 jüdischen Handschriften England 6677 besessen habe. Redner sei nun in der Lage, weitere 4000 Nummern hinzuzufügen, so daß heute mit Recht behauptet werden könne, daß mehr als die Hälfte der derzeit bekannten hebräischen Handschriften sich in englischem Besitze befinden, und daß diese von der größten wissenschaftlichen Bedeutung und auch finanziell die wertvollsten sind. Mr. Adler macht hiebei die interessante Bemerkung, daß diese Tatsache auch historisch! begründet sei, denn nach der Entwicklung der Dinge zu schließen, kann angenommen werden, daß schon nach einer Generation die Hälfte der Juden der Welt englisch sprechen wird. Das ist das Ergebnis der Verfolgung der Juden in den osteuropäischen Ländern und der Freiheit und Toleranz, welche in England und Amerika herrschen. Die Danksagung des Mendel Beilis. Mendel Beilis, der bekanntlich schon in Palästina angekommen ist, hat, bevor er in Triest Europa verließ, im Wege des Warschauer jüdischen Tagblattes „Haint" folgenden Dankbrief veröffentlicht: „Vom Tage meiner Befreiung an, habe ich von Bekannten und Unbekannten aus allen Weltteilen tausende Begrüßungsbriefe und Telegramme erhalten, welche beweisen, wie groß das Interesse war, das mein

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