Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 121 Selbstschutz der Juden von Jassy. Wie uns von durchaus wohlinformierter Seite gemeldet wird, ist die Situation der Juden in Rumänien und ganz besonders in Jassy eine andauernd bedrohliche. Der berüchtigte antisemitische Professor Cuza setzt seine Propaganda für einen Pogrom auf die Juden sowohl bei der Bevölkerung im Allgemeinen als auch bei den Studenten im Besonderen offen und im Geheimen fort. Tatsächlich ist die Stimmung der rumänischen Bevölkerung gegen die Juden in Jassy jetzt eine so gereizte, datz der Ausbruch der Ueberfälle bei dem geringsten Anlasse zu gewärtigen ist. Da die Juden bei den Behörden nicht den gewünschten ausgiebigen Schutz erhoffen können, so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einen Selbstschutz 'für alle Fälle eines Angriffes seitens der aufgehetzten Studentenschaft und der aufgeregten Bevölkerung zu organisieren. Ob das im Notfälle hauptsächlich aber, wenn die Bauern erregt über die angeblichen Jntriguen der Juden 'gegen die Enteignungsvorlage genügenden Schutz bieten 'wird, wenn die Regierung nicht energisch eingreift, wird überall Mit Recht bestreitet. Ein Monarch der „Fremden" Naitionalitätrn in Rußland. Die russische Presse beschäftigt sich fetzt mit einer von den Kreisen der Moskauer Intelligenz ausgehenden Idee und zwar mit dem Plane eines Kongresses der Vertreter aller jener Nationalitäten, welche in Rufland als Fremde behandelt werden. Der Zweck dieses Kongresses wäre die wirtschaftliche, politische und soziale Lage dieser Nationalitäten in Rufland zu besprechen und über Mittel zu ihrer Verbesserung zu beraten. Die Anreger dieses Planes hoffen, daf ein solcher Kongretz die unterdrückten Nationalitäten einander näherbringen und sie von der Schädlichkeit überzeugen würde, gegen einander zu kämpfen. Der Plan findet bisher nicht allgemeinen Ankläng, dä besonders die Polen darin eine Spitze gegen sich erblicken, weil ja bekanntlich die Polen, die ja selbst unter dem russischen Joche schmachten, die anderen bedrückten Volksschichten, so ganz besonders die Juden auch ihrerseits verfolgen und darin die Russen mitunter noch überbieten. Der Moskauer Rabbiner Mase hat denn auch um seine Meinung befragt, offen erklärt, daf ein solcher Kongreß für die Juden nur dann eine Bedeutung hätte, wenn ihm eine gerechtere Politik der Polen den Juden gegenüber vorangingr. Rutzland braucht Aerzte. Der vollständige Mangel an tüchtigen und aufopfernden Aerzten in ganzen Landstrichen führt dazu, daß in diesen Gegenden verschiedene Epidemien jahraus jahrein ungeheure Menschenopfer fordern. Aus diesem Grunde hat sich die russische Regierung zu einer Konzession entschlossen, welche bisher trotz großer Anstrengungen nicht erzielt werden konnte. Die Regierung hat nämlich, gestattet. daf jüdische Mediziner, welche im Auslande ihre Studien absolviert und zu Doktoren der Medizin promoviert wurden, von nun ab, an russischen medizinischen Fakultäten behufs Nostrifizierung ihres Doktordiploms die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, allerdings mit der Beschränkung, daf sie den Nachweis erbringen, datz sie in den Städten, in denen sie die Prüfung abzulegen gedenken, auch das Wohnrecht besitzen. Eine traurige Statistik. Das russische Bildungsministerium erhielt in der letzten Zeit auffallend viele Gesuche von jüdischen Studenten, welche sich in Finnland taufen liefen, um Aufnahme in verschiedene russische Lehranstalten. Di^s veranlafte das Ministerium.darüber eine Untersuchung einzuleiten, wie grotz die Zahl der Judentaufen in Finnland in den letzten Jahren war. Diese Untersuchung fördert ein schreckliches Bild zutage. In Viborg allein haben in den letzten drei Jahren 300 Juden unter 24 Jahren sich taufen lassen. In den anderen finnkändischen Städten. von welchen endgiltige Ziffern noch nicht vorliegen. stehen die Dinge wie schon jetzt gesagt werden kann, nicht besser. Mit Hinweis auf diese panikartige moralische Deroute, bemerkt ein russisches Blatt, daf man heute überhaupt kaum mehr weif, welcher junge Jude noch wirklich Jude ist oder zu den Zwangstäuflmgen gehört. Vernichtung der Spuren des Kirwer Mordes. Wie erinnerlich hat der Kfewer Gerichtshof unter anderem auch den Beschluß ennunziert, datz die materiellen Beweise und corpora delicti für die Ermordung des Knaben Juschtjchinsky vernichtet werden sollen. Gegen diesen Teil des Urteiles stand dem Staatsanwalt gleichfalls das Berufungsrecht zu, und man hatte auch allgemein erwartet, daf der Staatsanwalt, dessen Be rusungspflicht es ja sei, die wahren Mörder zu eruieren. von diesem Berufungsrechte Gebrauch machen werde. Nun ist die Rekursfrist nbgelaufen, ohne daf der Staatsanwalt sein Recht in Anspruch genommen hätte, und so sind denn alle diese materiellen Beweisstücke im Sinne des Urteiles vernichtet worden. Auf solche Weise wird es auch unmöglich gemacht, oder zumindest erschwert, die wahren Mörder selbst wenn sie namhaft gemacht werden sollten, der Tat zu überführen. Das war ja auch der Zweck der richterlichen Urteiles. Wie wir erfahren, wird die sozialistische Fraktion an den Iustizminister in dieser Angelegenheit eine Interpellation richten. Vermischtes. Sammlung zu Gunsten der Familie Beilis. Bei der Israelitischen Allianz zu Wien sind bis zum 17. Februar 1914 folgende Spenden eingegangen: Wie n. Freikierrn Alfons, Louis und (Lugen o. Rothschild je 1000 Kr., zusammen 3000 Kr., Ferdinand Bloch 200 Kr., David (Lahn-Speyer 100 Kr., L. L.. R. L., Generalrat Adols Lilein, Direktor W. Kur, Adotf Schrämet, Dr. Bruno Pollack von Parnau je 50 Kr., Dr. Adolf Stein 40 Kr., Julius Wolf, 3. Trebitfch A Sohn je 30 Mr., Ig. Gemitsch 25 $\r., Mar Mandl. Leopold Pollack von Parnegg, Alois Lemberger, Julius Schütz, Heinrich A Fritz Mendl je 20 Kr. .(1 r a k a u: Sammlung durch Herrn Prof. Dr. Nofenblatt. Ergebnis 684 Kr., Prof. Dr. Rosenblatt, Leon Frommer. Rachniiel Kanarek in Skowierzyn, Dr. Samuel Dilles. Dr. Rafael Landau je 50 Kr., Dr. Hochfeld in Rzeszow, Jakob Eckstein in Kolbuszowa, Henrik Hausmann. Iygmunt Schräger, Salomon Saffrin je 20 Kr.,' David Rothirsch 25 Kr., Ignacy Ehrenpreis. Scachnu. Wilhelm Dandau je 15 Kr., (Lliasz Kanarek, A. Pineles, Leo Kornblum, Dr. Schlank in Oswiccim, Dr. Leon Ader, Dr. Filip Landau, Dr. Dawid in Reu-Sandez. Sch. Gutter, Henryk Henmann. Dr. Adolf Pilles, Abraham Lindenbaum, Maurycy Liipschüh, Löbj Rakower, L. Siodmak, Arnold Steiner je 10 Kr., Isak Potok 8 Kr., Leon Gutter 6 Kr., Dr. Ludwik Landy, Dr. Leon Fischlowitz, Dr. Iozef Steinberg je 5 Kr., Kollekte Dr. Bernhard Kohn in Rowy Targ 100 Kr., ferner von E. Bondy in Dobris 30 Kr. und I. L. in Rachod 10 Kr., Theresia Heller in Altlengbach 6 Kr., nebst dem bereits in der früheren Liste ausgewiesenen Betrage zusammen 8825 Kronen. Weitere Spenden werden im Bureau der Israelitischen Allianz zu Wien, II., Untere Donaustraße 33, täglich zwischen 9 -1 Uhr vormittags (außer Samstag) oder durch die Postsparkassa (Scheckkonto Nr. 8152) dankend in Empfang genommen und einzeln bestätigt. Bortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Donnerstag den 26. Februar 1914, 1/»8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachgasfe 9, der Schlußvortrag für diese Saison statt. Es spricht Herr Rabbiner Dr. Simou Hevesi aus Budapest über das Thema: «Der Grundgedanke des Buches Hiob." Eintritt frei — ohne Karten.