Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 114 Dr. Bloch« Wochenschrift. Nc. 8 sie die Steuergelder Wiens in freigebigster Manier. Die Hauptstadt selbst beuten sie aber für sich persönlich und politisch in unerhörter Weise aus, so lange sich das die Wiener eben gefallen lassen. Mit solchen Elementen, die weder persönlich noch sachlich die mindeste Achtung verdienen, gibt es keinen Frieden. Die Christlich-Sozialen hallen ihn ja selbst nicht und es wäre verhängnisvoll, sich von den heuchlerischen Sirenengesängen in diesem Lager einschläfern zu lassen, wo allen bereit ist, neue Beutezüge zu unternehmen und unter der Versicherung der Friedensliebe alles erbittert zu bekriegen, was ihnen zum Wohle der Kultur und Sitte entgegen zu treten wagt. vom Jahrmarkt des Lebens. Eine arisch-antisemitische Gaunerei. Ein unter dem D ecknamen „Aster" in Budapest grassierendes antisemitisches Unternehmen überschwemmt das Publikum mit Aufrufen, in denen allen Christen dringend nahegelegt wird, sich zum Preise von 6 Kronen 39 Heller die deutsche Talmu-Wersetzung der literarischen AftergeseUschast zu beschaffen. Die löbliche literarische Gemeinde verfolgt Zwei Ziele: vor allein wünscht sie ein Geschäft zu machen, indem sie dem Publikum ein wertloses Pamphlet für teures Geld aufhalst; zweitens verfolgt sie derb antisemitische Tendenzen, indem sie den Talmud als ein Werk der Hölle darstellt, aus dem die Judenschaft ihre Rezepte für Wucher, Betrug, ihr Bestreben nach Wellregierung beziehe. Die Asterkeule rühmen sich in ihren Aufrufen namentlich das Pikant- Pornographische des Talmuds, das dieses Buch ganz besonders anziehend gestaltet. Auf Pornographie fallen die Käufer gewiß herein, zumal wenn diese Pornographie als moralisches Abschreckungsmittel dienen soll. Es wäre geschmacklos, die Ethik des Talmuds an dieser Melle gegen die Asterleute zu verteidigen. Eine ernste Kritik wäre dieser Gesellschaft gegenüber auch nicht am Platze. Es sind Schelme und Stümper zugleich. Deren Aufruf ist in einem Deutsch geschrieben, das seinen Verfasser imperativ auf das Gebiet der unfreiwilligen, grotesken Sprachkomik verweist. Jeder Satz strotzt von Fehlern, für die die Grammatik überhaupt keine Bezeichnung führt. Das ist nicht ungrammatikalisch, das ist , ,Anaphalbetismus „haarstreubendster" Art, Wie es in der Orthographie der Asterleute heißt. Mit Ernst ist diesem Unternehmen demnach nicht beizukommen. Aber bekanntermaßen ist nichts gemeingefährlicher und schädlicher als hie Dummheit. Es ist nicht zulässig, daß das große Publikum durch Tausende Aufrufe dieser Art in seinem konfessionellen Frieden brutal gestört und durch ein zweifelhaftes Unternehmen materiell geschädigt werde. Es wird guß fein, wenn die Polizei für dieses merkwürdige Asstergeschäft sich interessiert. Bis dahin sei dem Publikum dringend geraten, der Gaunerei der sauberen Gesellschaft nicht auszusitzen. Erlaß der l. I. Statthalter« von Mähren, betreffend Bestellung von Rabbinen. Brünn, am 24. Jänner 1914. K. k. mährische Statthalterei. Z. 101.018. An alle k. k. Bezirkshauptmannschaften! Laut einer Mitteilung des mähr. Landesrabbinates wird bei der definitiven Besetzung erledigter Rabbinerposten die im Paragraph 13 des Gesetzes vom 20. März 1890, R.-G-Bl. N. 57, statuierte 6 monatliche Frist noch immer nicht in allen Fällen strikte eingehakten und wird ferner auch noch immer nicht regelmäßig innerhalb der Einspruchsfrist des Paragraph 12 leg. cit. im Sinne der h. ä. Normalerlässe vom 4. April 1898, Z. 114.64 und vom 25. Jänner 1910, Z. 4.462 die Wohlmeinung des Landesrabbinates eistgeholt. Aus diesem Anlässe werden der Bezirkshauptmannschaft die Bestimmungen der eben zitierten Normalerlässe, sowie des Erlasses vom 30. Oktober 1904, Zahl 51.417 zur genauesten Darnachachtung neuerlich in Erinnerung gebracht. Ferner wird die Bezirkshauptmannschaft aufgefordert, bei jedesmaliger Erledigung eines Rabbinerpostens ferner bei der Bestellung eines Stellvertreters währönd der Zeit der Vakanz und endlich bei der mit,Genehmigung des Ministeriums für Kultus und Unterricht erfolgenden Bestellung eines gemeinschaftlichen Rabbiners für zwei oder mehrere Kultusgemeinden dem Landesrabbinate unter Angabe der näheren Daten die Mitteilung zu machen. Weiters hat das mährische Landesrabbinat anher milgeleilt, daß bei einzelnen Kultusgemeinden bei der Besetzung erledigter Rabbinerposten in auffallender Weise ungarische Bewerber gegenüber ö st e rreichischen Kandidaten bevorzugt werden. Es würde sich somit empfehlen, auf die Kultusvorstände in geeigneter Weise dahin einzuwirken, ungarische Bewerber schon deshalb nicht zu bevorzugen, weil bei diesen in den meisten Fällen wegen der Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerschaft die Einhaltung der 6 monatlichen Frist für die Wiederbesetzung des erledigten Postens unmöglich wird. Henri Bergfon. Am 12. Februar hat die französische Akademie die Wahl von drei Mitgliedern vorgenommen. Unter den Gewählten befand sich Henri B e r g s o n. Selbstverständlich hat die antisemitische Presse schon seit Wochen gegen eine solche Eventualität Lärm geschlagen. Man stellte jdenr Philo ßophewin der Person des ziemlich vbskuren Lyrikers Charles de P o m a i r o l s einen Rivalen entgegen. Noch am letzten Tage bewarfen die kleinen antisemitischen Blätter ihn mit jenem Unrat, der die Spezialität solcher Organe zu sein scheint. Die Akademie hat sich aber von dieser Hetze nicht beirren lassen; ja, es muß anerkannt werden, daß gerade zwei ihrer klerikalen .Führer Denys Cochin und de Segur die lebhaftesten «Verteidiger B e r g s o n s waren. Auch der Präsident der Republik, Herr Poincare, der Mitglied Akademie ist, trat (entgegen einer früheren Meldung), für Bergson ein, der mit 19 gegen 9 Stimmen im ersten Wählgang gewählt wurde. Poincare war zu Fuß in die Akademie gekommen. Bergson ist, wie erwähnt, der erste Jude, der in die Akademie der vierzig Unsterblichen eintritt. Sein Wahlsieg stand gar nicht fest, besonders weil man erst jüngst den letzten freigewordenen Fauteuil mit einem Metaphysiker besetzt hatte und man von allzuviel Philosophen nicht geradezu eine Belebung der Akademie erwartete. Da erschien ein vehementer Angriffsartikel gegen Bergson, der von Beschimpfungen und Verdächtigungen strotzte. Die Antwort darauf war, daß mehrere Akademiker erklärten, sie wollten solche Sitten nicht wieder in Frankreich einreißen lassen und sie würden, um ihre geistige Unabhängigkeit zu zeigen, jetzt für Professor Bergson stimmen. Und tatsächlich kann man konstatieren, daß der erste Jude, der Akademiker wird, diese große Ehre zum besten Teile einigen antisemitischen Schriftstellern verdankt. Assimilationsblüten. Eine tragikomische Gerichtsverhandlung vor dem Wiener Verufungssenat wandert durch die europäische Presse unter dem Schlagwort: „Wiener Juden". Als Ankläger erschien Hofrat Schick, als Angeklagter Direktor Robert Pick. Dieser