Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 99 Vr. BKMs WöchEtft Sie bestreiten nur dessen Realisierbarkeit. Sie können aber nicht umhin,- einzugestehen, daß, vom Standpunkte der sozialen Evolution es einen Triumph des menschlichen Genies bedeuten würde, einer hochbegabten und doch vielerorts brutal unterdrückten Menschenrasse die Bildung einer sozialen Gemeinschaft unter menschenwürdigen Lebensbedingungen zu ermöglichen. Von der rein philantropischen Seite (philantropisch im besten Sinne dieses etwas in.Mißkredit gekommenen Wortes) schon ganz abgesehen: wäre es denn nicht herrlich, wenn wir Juden, deren Propheten bereits vor 25 Jahrhunderten die Ideale der fernsten Zukunft in den glühendsten Farben geschildert haben — wenn gerade wir Juden der auf „ns herabsetzenden M-twelr beweisen könnten, daß wir imstande sind, nicht nur schölle Worte zu prägen, sondern auch greifbare Tatsachen zu schaffen? Was Wunder, wenn der Dichter Zangwill sich von diesen erhabenen Gesichten hinreiben lieb und seine ganze Persönlichkeit unbedenklich in die Wagschale warf! Es hat sich jedoch gezeigt, dab eine Persönlichkeit — und mag sie noch so grob sein nicht ausreicht, um Ereignisse von Weltbedeutung auszulösen. Und darin liegt Zangwills Tragödie! Die Idee war grob: wer sollte sie in die Tat umsetzen? Natürlich das Volk. Aber das Volk reagierte nicht. Die Einen — „mikauzer mach umeawaiicl kocdio“; die anderen jagten seelenvergnügt bizarren, buntschillernden Phantasmagerien nach: die dritten waren einfach zu bequem oder zu faul oder zu träge, um sich für etwas zu erwärmen,- was nicht unmittelbar ihre Mageninteressen berührte. Was war da zu machen? Kurz entschlossen kehrt Zangwill die Front. Von der etwas voreiligen Prämisse ausgehend, das jüdische Volk als solches seD überhaupt unfähig den territorialen Gedanken aufzufassen und zu realisieren, wendet er sich an unsere Geldmagnaten. Aber. . .Baron Hirsch weilte leider nicht mehr unter den Lebenden, und unter diesen Lebenden war keiner da, der dem weitsichtigen Philantropen geistesverwandt wäre. Die Synthese „Plutokratie und Demokratie" herbeizuführen, war auch Zangwill nicht gelungen. Einerseits ist er zuviel Dichter, um sich in die kleinliche,- mühsame, unerquickliche Agitationsarbeit ganz zu versenken können. Andererseits war eben deswegen nicht in der Lage, den Reichen durch eine hinter ihm stehende geschlossene Volksmasse zu imponieren. Er stand isoliert da. Und die Folgen blieben nicht aus. Zangwill passierte das schlimmste, was dem Verkünder einer neuen Idee passieren kann: man hörte auf sein Werk ernst zu nehmen. Noch ärger: man fing an, .die 7,JTO" als ein. - .„privates" Unternehmen zu betrachten. 7,Zangwill"" und „JTO" wurden Synonyme -.. Man lieb ihn gewähren. Ein gleichgültiges Achselzucken, ein mitleidiges Lächeln, ein bissiges Spottwort — das war alles, was das „Volk des Buches" für einen der tiefsinnigsten Gedanken unserer Zeit übrig hatte. Erst die künftigen Geschlechter werden begreifen,- was unsere jetzige Generation an unserem Volke verbrochen hat. Mit einer Menschengruppe wird aber die Geschichte „einst besonders streng und unerbittlich zu Gericht gehen. Mit denen nämlich, die sich unsere „Geistes-Jntelligenz" nennen, mit allen unseren Schriftstellern und Dichtern und Publizisten und Predigern, die so prächtige Bücher herausgeben und so wundervolle Artikel schreiben und so blinkende Reden halten, die für alles mögliche begeisterte Worte haben,- nur nicht für den größten nationalen Gedanken unserer Gegenwart. Ueber diese Schönredner und Schönschreiber wird einst die Geschichte gar streng zu Gerichte sitzen. Alles lieb Zangwill im *Stich, dis auf einige wenige. Und war es nicht ein wahrhaft erhebendes Schauspiel, wie er und das Häuflein seiner Getreuen sich immer wieder aufrafften, sich immer von neuem aufrichteten und mit unbeugsamer Energie, wenn auch mit blutendem Herzen, ihren dornenvollen Weg weiter gingen, ohne sich um die schmachvolle Haltung der öffentlichen Meinung viel zu kümmern? Und dies war noch tragischer: je mehr Zangwill zu zeigen suchte, daß der Territorialismus praktisch durchführbar ist, dab die Möglichkeiten, das Los unseres Volkes zu verbessern, noch lange nicht erschöpft sind, desto mehr wurde er mißverstanden, desto fataler wurde seine Situation. Wir sprechen schon nicht von Uganda: dieses Land war für die „pietätvollen" Zionisten viel zu weit vom Grabe unserer Erzmutier Rahe! entfernt. Aber auch außer Uganda: Cyrenaica,- Mesopotamien. Australien und zuletzt Angola - dieses infolge einer überaus merkwürdigen Verkettung historischer, politischer und ökonomischer Ursachen so vieloerheißende Angola-Projekt würde all dies bei einem normal veranlagten Volke nicht einen Ansporn ersten Ranges für die Betätigung aller seiner arbeitsfähigen Elemente abgeben? Dem jüdischen Volke gab es nur einen Vorwand . . . noch argwöhnischer, noch skeptischer zu werden. Das ist Zangwills Tragödie in den letzten zehn Jahren: und diese Epoche darf gerade jetzt nicht stillschweigend übergangen werden. Das ist Zangwills Tragödie und zugleich auch — die Tragödie seines Volkes. Es ist Sitte bei zivilisierten Nationen, ihren Geisteshelden beim Anlasse eines Jubiläums ein Nationales Geschenk zu überreichen. Das gütige Geschick ging bereits mit gutem Beispiele voran. An der Wende des ersten halben Säkulums hat es dem Jubilare ein köstliches Geschenk dargebracht: eine neue, ungeahnte günstige Möglichkeit, den zweitausendjährigen Traum unseres Volkes seiner Verwirklichung näher zu bringen. Möge das jüdische Volk nicht Zurückbleiben. Möge es dem großen Gedanken, welchen unser Jubilar zu seiner Lebensaufgabe gemacht, endlich mit mehr .Verständnis entgegenkommen, ihn begreifen lernen, ihn ohne Voreingenommenheit einer ernsten Prüfung unterziehen. Das wird wohl die würdigste Art sein, den unermüdlichen Vorkämpfer für unsere Zukunft zu feiern. S> G i n s b u r g, Zürich. Eine Stiftung für da« jüdische Kleingewerbe. Herr Karl Ritter von M o r a w i tz, der im Vormonate verstorbene Präsident der Anglo-Oesterr. Bank, widmete der Wiener israelitischen Kultusgemeinde den Betrag von 250.000 Kronen zur Errichtung einer Stiftung, deren Zweck es sein soll, unterstützungswürdigen, jüdischen Kaufleuten und Gewerbetreibenden unverzinsliche Darlehen, bis zu 1000 Kronen zu gewähren. Außer den Stiftungen des sel. Baron Hirsch, die von Änem eigenen Kuratorium, ganz unabhängig vom Vorstande der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, verwaltet werden, ist dieses Legat das einzige das dem Vorstände zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt wird. Seit