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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 98 Dr. Blochs Wochenschrift. Glück gehabt. Es gibt immlich in diesem politischeir Kreise tatsächlich eine Meinung der durchwegs sehr intelligente» Wählerschaft und dieses hat vor wenigen Jahren die Wahlkomitees der Cliquen einfach nicht beachtet, sondern hat einen Mann gewählt, der des Vertrauens wert gewesen ist. Luch diesmal wird man keine besonderen Effekte erzielen, auch wenn man bei Len Sitzungen der Verschworenen beim Brauen einer angeblichen Volksmeinung den Schlüssel in der Cingangstür zweimal umdreht, damit keine Störenfriede kommen können. Wir haben schon gesagt, datz es sich um einen jüdischen politischen Besitz handelt, und durch eine angeblich freisinnige Vertretung in früherer Zeit gewitzigten Juden werden sich diesen Besitz nicht nrehr nehmen lassen. Sie wollen ihn für einen der Ihrigen haben, sie wollen, wie immer, einen hervorragenden Repräsentanten der Kultusgemeinde in der Gemeinde haben, der nichts anderes ist, als ein eifriger stolzer Jude. Sie geben keinen politischen Kredit nrehr, der mit einer Krida endet und verzichten auf alle Experimente, alle Versprechungen, alle Posaunentöne der Lliquenkomitees. In der Kultusgemeinde sind eine ganze Reihe von Männern zu finden, welche nicht erst eine Erprobung bedürfen, sondern auf Fleiß, Kenntnisse und vor allem auf ihre mutige jüdische Gesinnung bereits geprüft sind. Von diesen einen zu kandidieren, ist Vernunft und Gebot, und das wird auch rechtzeitig geschehen. Man wird für den wichtigen politischen Posten den richtigen Mann schon finden, für welchen man das Vertrauen der Bevölkerung nicht erst fabrizieren mutz, sondern der es schon im Besitze hat. Israel Zangwill (Zum 50-jährigen Jubiläum des Dichters.) Wenn man vor fünf bis sechs Jahren irgend einem jüdischen Emigranten den Rat erteilte, statt nach Newyork nach Galveston zu fahren, so erhielt man gewöhnlich die Antwort: „Nach Galveston? Nein, ich gehe lieber nach Amerika". Amerika — das war eben Newyork, und Newyork war eben Amerika: für den damaligen jüdischen Wanderer waren dies zwei sich deckende geographische Begriffe. Etwas ganz Analoges sehen wir zur Zeit auf einem anderen Gebiete. Wenn man nämlich in den letzten Jahren den Namen „Zangwill" hörte, so tauchte im Gehirne eines jeden Juden infolge einer geheimnisvollen Ideenassoziation unfehlbar der Begriff „ITO" auf. Und wenn man „ITO"" sagte, da mutzte man ganz unwillkürlich an Zangwill denken. Diese auffallende Begriffsvermengung ist aber nicht, wie dort, auf einen Irrtum, oder auf die gewißermaßen äußerliche Tatsache zurückzuführen, daß von Anbeginn an gerade Zangwill an der Spitze der „ITO" gestanden hat. Wer auch nur halbwegs aufmerksam das Pulsieren des jüdischen Lebens verfolgt, wird bald einsehen, datz man es hier mit einem Zusammenhänge rein organischer Natur zu tun hat, datz es schlechtweg nicht möglich ist, von Zangwill zu sprechen, ohne auf die „2TO" zu kommen, — und erst recht nicht bei einem solchen Anlahe, wie ein Jubiläum. Denn das Jubiläum eines Mannes,. der sich auf der Arena der Oeffentlichkeit bewegt, ist doch im Grunde genommen nichts anderes, als das Jubiläum der von ihm verfochtenen Idee. Schließlich fragt ja die strenge Klio nicht danach, ob heute gerade so und so viele Jahre verflossen sind, seit Jemand das Licht der Welt erblickte, sondern vielmehr, ob er selbst der Welt etwas Licht gebracht hat. Nun, daß Zangwill als Künstler bereits Hervorragendes geleistet hat/ beweist wohl am besten der Nr. f Ehrenplatz, den er .in der Weltliteratur einnimint. Indessen wollen wir die Würdigung seiner Verdienste auf diesem Gebiete anderen. Berufeneren, überlassen. Uns interessiert hier eine andere Seite seiner Tätig teil, welcher er das fünfte Dezennium feines Lebens fast ganz geweiht hat, und welche - nebenbei bemerkt - auch an seinem künstlerischen Schaffen nicht spurlos vorübergegangen ist. Denn in der Tajt hat nicht nur Zangwill auf die Entwicklung des territorialistischen Gedankens unbestritten gewaltigen Einfluß ausgeübt, sondern auch umgekehrt: der Territorialismus hat der Persönlichkeit seines Schöpfers seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Sowohl in den öffentlichen Ansprachen aus den letzten Jahren, als auch sogar in den Werken des rein künstlerischen Schaffens ist eine ganz neue Nüance Wahrzunehmen, welche eine intensive Beschäftigung mit den aktuellen Problemen der Wirklichkeit ganz deutlich verrät und unzweifelhaft als das Produkt von Zangwills p o1itischer Tätigkeit angesehen werden darf. Auch früher kannte er das jüdische Elend, auch früher blieb ihm die Tragik des Golus .nicht verborgen. Mit seinem scharfen Dichterblicke drang er tief in die einzigartig schöne Seele des ewigen Wandervolkes, von künstlerischer Intention geleitet, hob er in verblüffender Fülle die reichen Schätze des jüdischen Geistes aus den unansehnlichen Hüften der typischen Eril-Erzeugnisse: des Schnorrers von Gottes Gnaden, oder des um sein täglich Brot hart Kämpfenden „Luftmenschen". Er erschaute aber dies alles vom Zauberhauche der Poesie verklärt, die scharfen Ecken vom schalkhaft flatternden Schleier des göttlichen Humors überdeckt und abgerundet. Der Territorialismus brachte ihn der prosaischen Realität näher, die schrille StiNtme der alltäglichen Not alität näher, die schrille Stimme der alltäglichen Not, der orkanartig anschwellende Schrei der Hunderttausende nach Befriedigung ihres elementarsten Lebensbedürfnisse übertönte immer öfter den sanften Gesang der schüchternen Musen. Und als er gar versuchte, tätig jn das namenlose Elend einzugreifen, als er sich anschickte, Linderung zu bringen, da schlich mit unhörbaren Schritten die düstere Frau Sorge heran — und der Dichter wurde stiller, ernster, zurückgezogener. . . Eine solche durchgreifende Wandlung kann aber nur in dem Falle vor sich gehen, wenn der Mensch von einer Idee gänzlich eingenommen wird, wenn ein Ideal die Seele ganz ausfüllt, ganz in seinen Bann zieht. Und deswegen kann man eben nicht gut von Zangwill sprechen, ohne die „ITO" zu berühren. * * Die „ITO"! . . . Jede wahrhaft große Idee bedeutet eine große Tragödie für ihre Träger. Denn die großen Adeen sind für die Menschheit bestimmt, die Menschheit aber in ihrer überwältigenden Majorität ist im Anfänge immer stumpf gegenüber jeder neuen Idee, — und desto stumpfer, je größer die Idee ist. Daher der unvermeidliche Konflikt. Bevor die Widerstände der Masse überwunden wird, müssen in den meisten Fällen die Urheber und die ersten Jünger des neuen Gedankens zugrunde gehen. Das ist das eherne Gesetz der Evolution. Zanwill hat zwei Lustren seines Lebens dem Territorialismus gewidmet und mußte gar bald erfahren, was es heißt, sich in die tragischen Geschicke einer großen Idee zu verstricken. * * Daß der Territorialismus einen der großartigsten Gedanken auf dem Gebiete ^er menschlichen Entwicklung darstellt, das leugnen auch seine erbittertsten Gegner nicht.

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