Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Vkochs Wochenschrift. Seite 85 sei reich an inneren Widersprüchen. Solche Behauptungen haben den Glauben die Wahrhaftigkeit der Bibel erschüttert und es wurden Bedenken laut über die Religion und Sittlichkeit der Bibel, die man in vielerlei Beziehung anstößig fand. Ein solches Buch müsse auf einen Deutschen und auf einen Christen notwendigerweise einen unangenehmen Eindruck machen. Schon Luther hat dies ausgesprochen. Jedes ist das Urteil, daß das alte Testament kein sicherer Führer zur wahren Religion und Sittlichkeit sei. unhaltbar. Die Gegner der Kirche, der Religion, der Bibel, benutzen solche Bedenken und Anstöße.« um über die Bibel zu spotten. In der letzten Zeit sind auch Rassengegensätze mit in den Streit hineingezogen worden. Der Laie hat den Eindruck, daß die Wissenschaft das Alte Testament in einen Wirrwarr verwandelt hat. Darum erhebt sich die Frage: Was haben wir mit dem Alten Testament noch zu schaffen? Auf diese Frage ist unsere Wissenschaft imstande, eine sehr deutliche Antwort zu geben. Die Bibel ist ihr zunächst ein menschliches Buch geworden. Die Wissenschaft hat ihr den Heiligenschein genommen und sie mitten auf die Erde gestellt. Wir behandeln die Bibel und ihre Geschickte mit denselben Methoden, mit denen wir je,de andere Religion und jedes andere Volk behandeln,. Gerade weil wir das Alte Testament .so menschlich genommen haben? sknd wir dadurch auf seine weltgesckichtlicke Größe gestoßen. So können wir auf diese Frage: Was haben wir am Alten Testament? antworten: Vieles, sehr vieles. Wir haben erstens eine unübersehbare Fülle von künstlerischen Anregungen.Die Schriften des Alten Testaments sind zum größten Teil voetiscker Natur. Das Bekannteste unter den ästhetischen Schöpfunoen des Alten Testaments sind die Erzählungen, die uns antikes Leben - rufbar vor Augen führen. Es sind dies Erzählungen, die nicklt' nur sckön sind, ikwer Form nach, sondern die zugleich große, ewiae Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Vronheten des Alten Testaments sind zum großen Teil Dichter ersten Ranges. Sie reden mit majestätischem Schwünge, erfüllt von einem brausenden, glühenden Zorn oder überguellender Begeisterung, dann wieder hinsckmelzend vor Erbarmen oder lick emvorraffend zu mutigem Glauben. Die ganze Welt der alttestamentlicken Lnrik ist geradezu ergreifend. Alle übrige Dichtkunst der alten Völker ist der israelitischen unterlegen. Die Lieder der Bibel sind Texte zum Singen gewesen und Texte zum Sinnen müssen diese Lieder wieder einmal werden. Mit den Mitteln der modernen Musik läßt sick dies möglich macken. Die Gedickte lind meistens je schöner, ie geringer ibr Umfang ist Das Buck Hiob allerdings ist troß seines Umkanaes aleick gewaltig in dem Grundgedanken wie im Aufbau. Es türmt sick emnor inrn Himmel wie ein Titatenenaebäude. Zum Sckluß versinken alle Menschenwerke und nur die Größe Gottes bleibt übrig. Auck als Geschichtswerk wird man das Alte Testament nickt vermissen können. Die Gesckicktsichreiber der Israeliten lind von einer bewunderunaswürdiaen Tenden^losiakeit. likeberall im Orient stehen die geschichtlichen Ueberlieferunaen im Dienste der Tnrannen. in Israel aber beuaen sich die Gesckick^-rschreider nickt unter die Könige. Diese streng geschichtlichen und mehr voetischen ErZghlnnaen haben vor allen modernen Errrp'mnissen große Vorrüae. nämlich ihre Schlichtheit.und E'nkackck'vt dann ihre künstlerische Schönheit. Sie eigenen sich daher gam besonders für den Unterricht der Kinder. Die Hauptsache am Mten Testament ist natürlich seine religiöse Bedeutung. Die Verbindung zwischen dem Mten und dem Neuen Testament ist so eng. daß das Neue ohne das Alte Testament nicht verstanden werden kann. Der Bibelleser wird immer wieder von selbst zum Alten Testament greifen. Solange die christliche Kirche besteht .wird man daher das Alte Testament lesen müssen. Vieles, was im Alten Testament geschrieben steht, hat überhaupt keine religiöse Bedeutung. Was ehemals von großem religiösem Wert war, ist im Laufe der Jahre dahingefallen, z. B. ist die alttestamentliche Religion prinzipiell intolerant. Wir modernen Menschen können nicht prinzipiell intolerant sein: wir wissen andere Religionen relativ zu schätzen. Das Alte Testament hat aber eine ganze Reihe von Gedanken, die unverlierbare Errungenschaft des Geistes sind. Gedanken, die auch jetzt noch nicht veraltet sind. Reben diesen Gedanken aber gibt es auch solche, die für die Gegenwart nicht mehr in Betracht kommen, die jedoch als Durchgangspunkte in der Geschichte des Geistes niemals vergessen werden können. Ein Grnndzug der israelitischen Religion ist die E i nf a ch h e i t. Religiöses Handeln ist nichts anderes als sittliches Handeln. Daß der moderne Mensch bei jeder Weltanschauung den sittlichen Halt nicht vermissen will. ist eine Errungenschaft der israelitischen Propheten. Ein charafteristischer Zug der modernen Kultur ist auch die beständige Richtung des Geistes auf die Zukunft, wie sie bei den Juden vorhanden war. Sind wir doch alle davon überzeugt, daß auf den seelischen Menschen, wie wir ihn jetzt darstellen, einmal der geistige Mensch folgen muß. Eines haben alle israelitischen Schöpfungen gemeinsam, nämlich die Sicherheit unb Deutlichkeit der religiösen Ileberzeugung. Gott ist eine konkrete Figur, dem Herzen nahe, nicht ferne. Ausgezeichnet ist das Alte Testament auch durch wunderbaren Reichtum der verschiedenartigsten gestalten. Israel war arm an allem Technischen!, aber es hat auf geistigem Gebiet das Größte erzeugt, was es im Orient überhaupt gab. nämlich die Person, die ihr eigenes Leben fübrt. Darum ist Israel eine Grundlage unserer aeistigen Kultur. Für die Kinder sollen wir aus dem Alten Testament das aussucken, was für sie vassend ist. Der Gebildete soll das Gesamtbild der Bibel haben. Ansere Kultur ruht auf zwei Säulen, nämlich auf der Bibel und auf der griechischen Kultur. Eine ungeheure geistige Revolution würde eintreten, wenn man diese beiden Grundsteine verrücken wollte. Das Gebäude soll man weiterführen. aber der Grundstein muß bleiben. Rücktritt der Herren James Simon und Dr. Paul! Rätban vom Kuratorium des jüdischen Technikums in Haifa. Vergangene Woche brachten die ..Hazephira" (Warschau) und der ..Jewish Ehronicle" (London) Meldungen von dem Austritt der Herren James Simon und Dr. Paul Nathan aus dem Kuratorium des jüdischen Technikums in Haifa. Die ,,N. I. K." erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß diese Nachrichten zutreffen. Einstellung der Arbeiten am jüdischen Technikum in Haifa. Der 7.R. I. K." wird aus Haifa telegraphisch gemeldet : Auf telegraphische Anordnung des geschäftsführenden Ausschusses aus Berlin wurden die Arbeiten am jüdh scheu Technikum in Haifa eingestellt. Bisher find bereits 65 jüdische Arbeiter entlassen worden.