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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 5 Dr. Vlochs Wocheufchrift. Seit-/ 77 läßt sich nicht ändern. Nun, im Chassidismus beschränkt sich diese Seelsorge, die Verwaltung des Seelischen durch andere, nicht nur auf minderwertige Individuen, deren Seelenleben ein unentwickeltes und unbedeutendes ist, die man mit kleinen, armseligen Kindern vergleichen kann, sondern sie erstreckt sich eigentlich auf alle, auch auf die befähigtsten und entwicklungsreichsten Personen. Um beim gebrauchten Bilde zu bleiben, kommen alle chassidäischen Seelen in ein Pensionat der Seele, als deren Vorsteher der Zaddik angesehen wird. Der Greis wie der Iüngling, die Matrone wie die Jungfrau, der Stadtbewohner wie der Landmann, der Theologe wie der Laie, der Begüterte wie der Güterlose, sie alle unterwerfen sich dem Szepter eines höheren Führers, unterstehen dem Kommando eines Oberen, dem sie ihre geistige Nahrung verdanken. Der erfahrungsreiche Greis, an dem sich die Heilskraft des Judentums erprobt hat. in Zeiten des Sturmes wie in Zeiten der Ruhe, in Momenten der Ebbe wie in Momenten der Flut, bewährt sich ein jugendliches, kindliches Herz, das empfänglich für neue Gedanken im alten Stile ist und gehorchen kann. Der Jüngling, der in der Vollkraft seiner Jugend steht, gebietet Halt dem tobenden und rauschenden Sturme und Strome seines Innern auf Befehl seines Rabbi, an dem er wie an einen Papst glaubt. Die Matrone, deren Stirnrunzeln Zeugenschaft von den Sorgen, mit welchen sie in ihrer stillen Häuslichkeit gekämpft und unter welchen sie gelitten, ablegen, lauscht noch immer auf das Wort des Zaddik, dem sie gleich einem Heiligen und Propheten vertraut. Die Jungfrau, welche lebenslustig und lebenskräftig in die dunkle Zukunft mit allem Eottvertrauen blickt, liebt den Rabbi und vertraut ihm wie einem Herzenserkorenen und Seelenbräutigam. Der Stadtbewohner, der dem Handel sich geweiht, der Landmann, der den Kräften der Erde ihre Früchte abtrotzt, überlassen dem Zaddik ihre Führung. Für den Theologen, der den Rabbinerberuf erfüllt und dem Himmel sich geweiht, wie für den Laien» der einem allgemein menschlichen Beruf nachgeht und im Dienste des Weltlichen steht, ist der Zaddik eine lebendige Einleitung in den Schulchan Aruch, in die Bibel des Lebens. Der Reiche befragt den Rabbi auch in geschäftlichen Dingen. Auch der Güterlose, der im Schweiße des Angesichtes die Notdurft des Lebens mit den edelsten Kräften seines Wesens erkaufen und erringen muß, sieht in seinem Seelischen ein hohes Gut, das er einer geschickten Führung anvertrauen will, ein erhabenes Etwas, das man nur einem Seelenkünstler überläßt. Diese Auffassung ergibt sich aus den Ansprüchen, die der Chassidismus an jeden Einzelnen stellt. Während der Nichtchassidäer sich mit einem Durchschnittsjudentum begnügt, lehrt der Chassidismus ein stetes Fortschreiten auf dem Geleise der Religion, ein Fortschreiten, das keinen Stillstand kennt, keinen Moment des Rastens, weshalb für den Chassid die Notwendigkeit erwächst, sich immer wieder Erzieher anzuschaffen. In den höheren Kreisen der Gesellschaft wird das Kind in die Pension geschickt, trotzdem das Notwendigste der Bildung, die Erlernung der Muttersprache, die Aneignung der Durchschnittskenntnisse, die Angewöhnung gewisser Fertigkeiten auch im Hause erreicht werden kann, weil die betreffenden Eltern von der Bildung einen anderen und höheren Begriff haben. Auch der Chassidismus macht große Ansprüche, begnügt sich nicht mit dem Notdürftigen der Frömmigkeit, mit der Erlernung der Religionssprache, mit der Aneignung der Durchschnittsreligiösität, mit der Angewöhnung religiöser 'Formfertigkeiten und bedarf daher einer ewigen Erziehung. Wie diese Erziehungsbedürftigkeit bei den untersten Schichten beginnt, so schließt sie bei den obersten. Auch die Zaddikim sind der seelischen Fürsorge durch andere, durch höhere Meister unterworfen. Selbst der größte Zaddik hat nach der Lehre des Chassidismus einen Seelsorger, im Jenseits, in der Vergangenheit, insofern er nämlich in dem Sinne und Geiste dahingeschiedener Zaddikim gewissermaßen unter ihrer Leitung zu leben und zu wirken sucht. Daraus entsteht auch bei ihm die Wahnvorstellung, daß der Prophet Elias oder irgend ein anderer Prophet, der Baal Schein oder irgend ein anderer Wunderrabbi, irgend ein Engel, irgend ein überirdisches Wesen ihm erscheine und ihn lenke und leite. Das Bild wird ja häufig vom Mystiker, der es ununterbrochen gebraucht, mit dem Begriffe verwechselt. Die Form wird zum Inhalt, der Schein zum Sein. Auch in der Wissenschaft macht sich eine ähnliche Erscheinung bemerkbar. Die alten Pytagoräer, die sich als Mathematiker in einemfort der Zahlen bedienten, alles in Zahlen umsetzten, legten mit der Zeit der Zahl eine Substanzialität bei. Heraklit, dessen Lieblingswort „Feuer" war, betrachtet dasselbe, drückt sich manchmal wenigstens so aus, als das Ein und Alles des Seins. Plato lebte und webte in der Well der Ideen so lange, bis sie bei ihm eine greifbare. gewissermaßen körperliche Gestalt annahmen. Eine ganze Reihe logisch unverständlicher Phänomene im Reiche des Geistes laßt sich auf diese Weise begreiflich machen. Eine Anzahl von durch die Tradition überlieferter Tatsachen, deren Tatsächlichkeit die Vernunft jedoch leugnet, lassen sich durch diesen psychischen Prozeß, durch die Identifizierung des Bildes mit dem Dargesteilten. durch die Personifizierung einer Redefigur erklären. Der Prophet Elias, welcher so manchem Kabbalisten erschienen sein soll, war nichts anderes, als das bessere Ich des Betreffenden, das sich demselben geoffenbart, war der in ihm thronende und wirkende Elias, den seine Phantasie ins Himmelreich versetzt, weil er diesen Elias mit dem himmlischen häufig, fast ununterbrochen parallelisiert hatte. Jene Gespenster, die den Wunderrabbi bedroht haben sollen, der Todesengel, der ihn nach der chassidäischen Ueberlieferung erschreckt, war die Macht des Bösen in ihm, die verneinende Kraft seines Innern, die er früher parallelisierend, dann aber identifizierend mit dem Todesengel und mit ähnlichen Gewaltgespenstern verglich. Das kons-guente Zuendedenken der Seelsorge, die Ausdehnung derselben auch auf den Zaddik hat manchmal eine Entartung des zuweit gehenden Seelsorgebedürfnisses gezeitigt. Ls zeigt uns aber auch gleich die Natur dieser ewigen Erziehung durch den Zaddik bei den Chassidim. Diese Erziehung ist kein Gegensatz zur Setbsterziehung. sie ist nicht ausschließlich heteronom. Freilich für den Niedrigstehenden, von dem wir anfangs gesprochen, gibt es ja überhaupt nur eine heteronome Erziehung, wie seine Sittlichkeit und Religiosität überhaupt eine heteronome ist. Was an ihm gut ist. gehört andern, er kann nur durch andere und indem er anderen gehört, gut werden. Für den Höherstehenden jedoch ist die Erziehung eine autonome, eine Selbsterziehung mit Hilfe anderer: seine Selbständigkeit leidet darunter blutwenig: er ist nicht schlimmer daran, als der moderne Mensch, der autonom, aber auch abhängig von führenden Geistern der Nationen, von dem Genius einer Kulturepoche ist. Neue Bücher. Abraham Galante. Don Joseph Nassi Dux de Xaxos cl’ apres de nouveaux documents. Conference Faite ä la Societe „Bene-Berith“!- e samedi le 15 fcvrier 1913. Prix: 5 Piastres (1 Franc) Constantinople. Etablissements J. & A. F r a t e 11 i, Haim, Bue Taflan, Galata. Volksscbriften über die jüdische Religion. Herausgegei)en von Dr. I. Ziegler. Karlsbad II. Jahrgang. II. Heft. Doktor I. Scheftelowitz, Köln: Der Optimismus des Judentums. — III. Heft. Dr. Samuel Krauss, Wien: Die Mischna. — Frankfurt am Main 1913. Verlag J. Kauffmann.

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