Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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De. Blocks Wochenschrift. Leite 71 Nr. 5 Der antijüdifche Boykott in Galizien. Während die beiden galizischen Nationalitäten, die Polen und die Ruthenen 'miteinander über den Ausgleich in der Wahlreformfrage feilschen, vollzieht sich in Galizien der wirtschaftliche Boykott der Juden, in so erschrecklichem Maße, daß eine große tiefgehende Katastrophe unvermeidlich wird, wenn nicht in letzter Stunde zur Verhütung derselben energische Schritte unternommen werden. Aus allen Teilen Galiziens, besonders aus den kleinen Städten und Dörfern kommen uns traurige Klagen darüber zu, daß die dortigen Juden einer Boykottbewegung der chauvinistischen Polen hilflos preisgegsben sind, und daß dieser Boykott um so sicherer den wirtschaftlichen Ruin unzähliger Juden herbeiführen muß. als die Agitatoren sehen, daß sie bei ihren Agitationen nirgends auf ein Hindernis stoßen. Ls scheint, daß auch in Galizien der Ruin jüdischer Existenzen, sowie in Russisch-Polen der Preis sein soll, durch welchen die renitenten Polen beschäftigt werden sollen. Wien.-26. Jänner. (Heinr ich Egger.) Wie vom jähen Blitzstrahle ist Heinrich Egger seiner Familie, seinem Freundeskreise und seiner hingebungsvollen, sich selbst nie schonenden Wirksamkeit zum Wohle der Aermsten der Armen plötzlich entrissen worden. Ein wahrhaft edler und guter Mensch ist weniger auf Erden. Das scheint ein verhältnismäßig geringfügiges Ereignis aber angesichts der täglich kleiner werdenden Schar jener, die altruistischen Anschauungen huldigen und Herz und Gemüt für die Leiden ihrer Mitmenschen bekunden, bedeutet der Hingang eines Menschenfreundes wie Heinrich Egger, einen unwiederbringlichen, tief beklagenswerter Verlust. Daß er ein seltener, fast unfehlbarer .Kunst kenner, ein feinsinniger Kunstsammler war, ist an anderer Stelle gewürdigt worden. Hier soll nur von seinem goldenen Herzen die Rede sein. Die Natur hat ihm gegenüber eine ihrer Bosheiten spielen lassen. Ihm. dem Kinderfreunde, blieb der Segen ^eigener Kinder versagt. Er aber schuf sich eine große, sein ganzes weiches Innenwesen ausfüllende Vaterfreude in der unermüdlichen Sorge für jene Stiefkinder der Natur, welche außer der Armut noch mit körperlichen Gebresten behaftet sind. Vor Jahren gründete er mit einigen gleichgestimmten Freunden den Verein ,.K i n d e r h e i m z u r E r r i ch t u n g von Heimstätten ßü r verkrüppelte Kinder" und er war und blieb die Seele dieser schönen Institution bis an sein Lebensende. Draußen in L a a bei Neulengbach, auf grünem Hügel erhebt sich das Kinderheim, inmitten eines landwirtschaftlichen Besitzes, welcher mit zu dem Heim gehört und dessen üppige Saatfelder, dessen blühender Viehsland davon Zeugnis geben, wie Heinrich Egger, auch die intensive Beschäftigung mit der Natur in seinem hohen Alter als Verjüngungsmittel betrachtete. Den Kindern gehörte sein Herz, dem Gedeihen der Oekonomie sein Verstand. Fast allwöchentlich erschien er. freudig begrüßt, von der jubelnden .Kinderschar, in dem Heim und seine Reisetasche brachte den Kleinen immer eine angenehme Ueberraschung. Obst, Bücher. Spielsachen, die er verteilte. Der ihn da sah. mit dem milden Lächeln auf den Lippen, die von tiefster Herzensgüte strahlenden blauen Augen, dein schien der sonst schier verschlossene, vornehm-stolze Mann, wie verwandelt. Und hatte er sich von dem Wohlbefinden . ..seiner" Kinder überzeugt, dann setzte er sich hin und prüfte als nüchterner Geschäftsmann die Rechnungen des Haushaltes, das Soll und Haben des landwirtschaftlichen Betriebes und dessen mannigfachen Bedürfnisse bis ins kleinste Detail. So blühten die Kinder und blühte das Anwesen unter seiner aufopfernden, kundigen Leitung. Es gab und gibt viele bemitleidenswerte Gestalten da draußen, bleiche, abgezehrte, von der Not im Elternhause frühreif gewordene Kinder. Und je ärmer und elender Eines war, umso mehr liebte er. Heinrich Egger? umso inniger freute er sich, wenn die welken, jungen Menschenblüten sich in der köstlichen Luft und infolge der rationellen Ernährung wieder erholten. In den zwölf Jahren saines Bestandes lhat das Kinderheim in Laa nicht weniger als 593 bresthafte Kinder beherbergt und der Heilung zugeführt, und das danken sie neben der selbstlosen und ausgezeichneten ärztlichen Leitung des Präsidenten kaiserlichen Rates. Dr. Krüger, vor allem dem herrlichen Manne, den diese Woche eine unzählbare Trauergemeinde zu Grabe getragen hat. An seiner Bahre. um welche sich die Vertreter der besten Gesellschaftskreise drängten. wurde ergreifende Klage um seinen Verlust laut. Für das ..Kinderheim" nahm kaiserlicher Rat Dr. Krüger in gerührten und rühmenden Worten Abschied von dem treuen und edlen Freund. Worte verklingen. Aber unentreißbar bleibt uns das Andenken an Heinrich Egge r. der uns stets ein erhabenes Vorbild aufopfernder Menschenliebe und innigen Mitleids mit dem Lose der Mühseligen und Beladenen sein wird. Roch im Tode hat er seiner Schöpfung gedient, denn seine Freunde glaubten ihrer Trauer nicht besser Ausdruck geben zu können, als daß sie statt rasch vergänglicher Blumen einen Betrag von nahezu 1200 Kronen für das ...Kinderheim" widmeten. Mag dieses Beispiel Nachahmung finden, damit eine ansehnliche ...Heinrich E g g e r - S t i f t u n g" die Erinnerung an einen der besten und hochherzigsten Menschen dauernd lebendig erhalten und auch nach seinem Tode Gutes wirke. S. F. Talmudisten an der Hobelbank. Das Talmudstudium, das noch vor einigen Jahrzehnten zu den höchsten Stufen in der geistlichen Hierarchie der Jndenschafi berechtigte, ist heute eine brotlose Wissenschaft geworden: denn, wenn sich nicht ein entsprechender Fond weltlichen Wissens zugesellt iPhilosophisches Doktorat. Abiturientene.ramen. zumindest jedoch die absolvierte Bürgerschule). So kann der arme Talmudist bei seiner bekannten Scheu vor Sabbathentheiligung. welche dessen Anstellung im Geschäftsbetriebe unmöglich macht, höchstens die Stelle eines Tempeldienecs oder Leickumbestatters bekleiden. Viele Männer, die im vorigen Jahrhundert als Leuchte der Wissenschaft, als Tragpfeiler der Synagoge gegolten hätten, sind froh, pls simple Fleischbankaufseher mit dem Taggehalte von zwei Kronen oder als Leichenwäscher ihr Leben fristen,zu können. Da heißt es nun, entweder dem Taldmudstudium Valet sagen oder einen Weg zu finden und dasselbe als Amateurstudium weiterpflegen zu können. Den Weg hat nun der t u' k. Feldrabbiner und Oberrabbiner Mauer Schück in Onod gefunden. Seine Talmudjünger stad füi die Zukunft der Sorge ums tägliche Brot enthoben. Die Talmudschule in Onod. eine historische Ortschaft Ungarns, ist innerhalb eines Jahres ein anerkannter Faktor unseres sozialen und Wirtschaftslebens geworden. Die Talmudschüler lernen ein Handwerk oder die Gärtnerei. In der Anstalt, welche Schüler aus ,allen Gauen des Landes beherbergt, befindet sich eine wohleingerichtete Tischler-, Schneider-, Schuhmacher- und Korbflechterwerkstätte, die Gärtnereizöglinge arbeiten in der Herrschaftsgärtnerei und im Anstaltsgarten, die Schlosser heim Schlossermeister des Ortes. Der eine halbe Tag ist den talmudistischen Disziplinen, der andere dem Handwerke gewidmet. Dabei wird auch dem Sporte (Turnen. Fußball. Laufen, Schwimmen, Ausflüge bei klingendem Spiele usw.) entsprechend gehuldigt, so daß sich der Körper und Geist des zukünftigen Handwerksmeisters, Gärtners, Talmud-