Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022095--22840-3048007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 6V Eugenik sund Antisemitismus. Der Ungarische Sozialwissenschaftliche Verein verunstaltete im Vereine mit dem Königlichen Aerzteverein und mit dem Landesverein für Hygiene im Prunksaale der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft eine stark besuchte Konferenz, in welcher über Fragen der Eugenik Vorträge gehalten wurden. Der k. u. k. Vizekonsul Geza Hofjß mann befaßte sich zunächst mit der Geschichte der Eugenik. Die Eugenik untersucht die Faktoren, welche bei der Veredlung und bei der Dekadenz der Rasse in Betracht kommen. Ihre Hauptaufgabe besteht dementsprechend vor Allem in der Sammlung von Daten und in der Erfor-> schung der Gesetze der natürlichen Entwicklung, um die Mittel und Wege der zielbewußten Rassenveredlung festzulegen. Das elementarste Postulat der Rassenhygiene ist die obligatorische Untersuchung der Verlobten, welchen die Ehe lediglich auf Grund eines ärztlichen Befundes gestattet werden soll. Ts ist unumgänglich notwendig, die Fragen der Eugenik vom Gesichtspunkte der ungarischen Rasse einer Revision zu unterziehen, um die Vorbedingungen der Fortentwicklung derselben zu fixieren. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag entwickelte Universitätsprofessor Dr. Apathy das rassenhygienische Programm des Sozialwissenschaftlichen Vereins und kritisierte in schärfster Meise die Freud 'sche Psychoanalyse. Hiebei erging sich der Professor in antisemitischen Ausfällen, welche weder ^durch den auf dem Tapet befindlichen Gegenstand, noch durch den ..Freudismus" begründet waren.. Die Zuhörer waren über diese Ausfälle des Redners erstaunt und entrüstet. Dr. Freud ist wohl Jude, allein seine wissenschaftlichen Theorien sind nicht aus den Quellen des Judentums geschöpft.und haben mit dem Judentum nichts zu tun. Ueberdies gibt es keine falschere Behauptung als die, daß die Genußsucht um jeden Preis (und Apathy spielt speziell auf sexuelle Perversität an) eine der charakteristischesten Eigenschaften der semitischen Rasse sei. Selbst solche Kulturhistoriker, denen eine Konnivenz für die Semiten nicht nachgesagt werden kann, anerkennen das reine Familienleben der Juden, ihre Mäßigkeit im Genüße von Alkohol etz. etz. Der Redner zeigte, daß man ein Naturforscher sein kann und dabei von der Kulturgeschichte keine Ahnung haben kann. Russisches, allzu russisches. Ueber eine russische Paßge'chichte berichtet das . Wr. Extrablatt": Ein Wiener Operettentenor wollte mH einer The-aterg efellschüft nach Rußland reisen. In Lodz sollte der Sänger zunächst anstreten, dann mit seiner Gesellschaft weiterziehen nach Moskau und St. Petersburg. Den Bemühungen, einen Paß zu erlangen, stellten sich Schwierigkeiten entgegen. Aus konfessionellen Gründen" gewährte man bloß eine Aufenthaltsbewilligung für eine knapp bemessene Dauer. Mt einer solchen über konnte der Sänger nichts anfangen, seine russische Verpflichtung lautete für sechs Wochen. Während er mit dem Theateragenten und dem Impresario Gedanken über die Lage anstauschte, trat ein Unternehmer in das Zimmer, der eine Varietegesellschaft nach Rußland führte. Er hörte von der Verlegenheit und glaubte einen Ausweg gefunden zu haben: ..Vielleicht kann'ich helfen- Ich habe fünf Pässe für fünf jüdische Mitglieder meiner Gesellschaft. Ein Herr ist plötzlich erkrankt und muß zurückbleiben. Ich habe also einen Juden bei der russischen Regierung — gut . . wenn es Ihnen paßt, dann nehme ich den Herrn Operettentenor mit und liefere ihn franko Lodz." Unter Lachen schloß man den Pakt ab. Die Ost-Jude« in Amerika. Die „Dokumente des Fortschritts" bringen folgende Mitteilung über die jüdische Bevölkerung von Amerika: „Die beständige Einwanderung von Juden aus Rußland, Rumänien und Galizien, welche besonders in den letzten Jahren überaus intensiv gewesen ist, hat die Zahl der in Amerika wohnhaften Juden auf zwei Millionen anfchwellen lassen und die Handelsmetropole Newyork, die eine volle Million Juden zu ihren Einwohnern zählt, ist damit zur weitaus bedentendsten Judenstadt der Welt geworden. Interessant ist, in welchen Erwerbszweigen sich die jüdische Bevölkerung konzentriert hat. - Die Kleiderfabrikation war bis zum Jahre 1880 in den Händen gebürtiger Amerikaner, sowie einiger deutsch-jüdischer Firmen. Deutsche und Irländer waren ihre Arbeiter. Heute ist die überwiegende Mehrfirmen von Newyork haben allein einen Umsatz von >M) Millionen Mark. Sie besorgen wohl die Bezahl der Firmen jüdisch und die jüdischen Konfektionskleiüung von reichlich der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung von 93 Millionen. Sehr viel Arbeitsamkeit, Sparsamkeit. Befähigung und Wille, auch die ärgsten Entbehrungen zu ertragen, haben den aus Rußland und Galizien ohne jedwedes Vermögen kommenden Juden die Begründung dieser Konfektionsfirmen ermöglicht, allerdings mir um den Preis schwerer Ausbeutung ihrer Hilfsarbeiter. die hauptsächlich in Heimarbeit beschäftigt werden, auch ihrerseits überwiegend Juden, sei es am Anfang der Unternehmungen Familienangehörige oder Bekannte des Konfektionärs, fei es Fremde. Auch andere Geschäftszweige, speziell in Newyork, werden mehr und mehr von jüdischen Firmen beherrscht. Speziell auch, was vielleicht Wunder nehmen mag, das Theaterwesen der Handelsmetropole. Andererseits suchen viele junge Juden, und zwar sowohl Söhne der reichgeworüenen Kaufleute wie auch vollständig mittellose junge Leute, zum Teil direkt aus Rußland angekommen, sich den Zugang zu den freien Berufen zu eröffnen,' nicht selten arbeiten sie tagsüber in Werkstätten oder Handelskontoren und gehen abends zur Evening-HighSchool, von der sie dann weiter zur Universität aufsteigen können. In diesen allerletzten Jahren wurden denn auch mehr und mehr Lehrstellen der Universitäten russisch-jüdischen Bewerbern verliehen, nnd scheint die weitere Entwicklung der jüdischen Berufsverteilung dahinzugehen, daß die aus Deutschland. Galizien und Ungarn stammenden Juden sich vorwiegend dem Handel widmen, während ein sehr wesentlicher Bruchteil der aus Rußland stammenden Juden, speziell diejengen, welche in der Heimat revolutionäre Ideen eingesogen haben, zunächst noch durch manuelle Arbeit ihr Brot erwerben, mehr und mehr jedoch auf dem Wege höherer Studien zur freien, jenseits des Handels liegenden Betätigung emporsteigen. Der Verein .Lenman Zion." Der Wiener Arzt Dr. M. Ticho, in Boskowitz (Mähren) gebürtig, wurde vor ungefähr zwei Jahren vom Frankfurter „Lemaan-Zionverein" als Leiter der Augenklinik tu Jerusalem berufen. Vor einigen Tagen kehrte Dr. Ticho zu knrzenr Aufenthalt nach Wien zurück und veröffentlichte einen kürzen, nur zwölf Seiten umfassenden Bericht über keine Tätigkeit an der von ihm geleiteten Augenklinik in Jerusalem. Dieser Bericht dürste die gesamte jüdische Oesfentlichkeit in hohem Maße inter-