Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 68 Dr» Bloch« Wochenschrift. Nr. 5 Rußland verlassen und meine Eristenz an einem Orte suchen, wo auch ein Jude ohne Angst und Gefahr leben kann. Ich erkläre jedoch hier öffentlich, daß sobald die Behörde zum Zwecke der Auffindung des wahren Mörders Justizinskis meine Anwesenheit hier als nötig erachten, sollten, ich mich auf den ersten Ruf unverzüglich einstellen werde. Es stiegt mir fern, mich verborgen zu halten. Meine Freunde und Bekannten kennen meine Adresse. Als Beweis für meine lautere Absicht diene der Umstand, daß ich den Termin für b^e Appelation erst abgewartet habe und auch alle mir gemachten Anerbietungen von Amerika und anderswo kurzweg abgewiesen habe." Kampf der deutschen Jude» um ihre wirtschafliche Exiftens. Ueber dieses Thema hielt gm Saale des Hotels „Kaiserhof" in Kattowitz auf Einladung des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Kattowitz, der Syndikus Dr. Holländer-Berlin einen Vortrag. Nach Begrüßung der zahlreich Erschienenen durch Baumeister Goldstein nahm der Redner das Wort und machte etwa folgende Ausführungen: Wenn man sich mit politischen Fragen beschäftige, so wird man sich sagen, daß die politischen Rechte für die Juden nur erreicht werden können, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden so günstig sind, daß die Juden leben und existieren könnten. Dieses Gebiet ist noch recht unerforscht. Unter Hinweis auf das Werk von S eg all, das sich mit der wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden im ganzen genommen sich zur Zeit ausmale, welche Prognose für die bestehenden Verhältnisse in Zukunft man annehmen könne und welche Maßnahmen da und dort zu ergreifen seien, wo es sich unter Umständen um Verhältnisse handle, die besserungsbedürftig sind. Nach seinen Studien an den verschiedensten Orten in Deutschland könne er die Schlußfolgerung aufstellen, daß die Juden zu einem wirtschaftlichen Pessimismus keinen Anlaß haben, daß aber bei der ständigen Veränderung der Wirtschaftspolitischen Konstruktur in Deutschland Insbesondere auch im Hinblick daraus, daß sich selbstverständlich die Umstände im Wirtschaftleben verschlechtern, die Juden auf der Hut sein müßten, das Augenmerk nicht allein auf den wirtschaftlichen Antisemitismus, sondern auch auf die einzelnen Tendenzen im Wirtschaftsleben zu richten. Es sei davon auszugehen, daß die Selbständigmachung heute sowohl bei den Juden wie bei den Christen sich verschlechtert habe und das sei von besonderem Interesse für die Juden, da gerade sie sehr rege im kaufmännischen Leben stehen. Dr. Hollaender ging dann an die Untersuchung der Frage, ob für den jüdischen Nachwuchs die Möglichkeit, eine Stellung in Handel »und Industrie" zu erwerben, derselbe ist, wie bei dem christlichen Nachwuchs. Er wies darauf hin, daß der jüdische wie der christliche Mittelstand unter den sich immer mehr breit machenden großen Unternehmungen zu leiden habe. Das Rad der wirtschaftlichen Entwicklung lasse sich aber nicht hemmen, was die Juden gegenüber anderen Mittelstandspolitikern offen einräumen. Nur müsse man darnach streben, die Mißstände zu beseitigen. Diese lägen darin, daß bei der Einstellung jüdischer Angestellten gewisse Einschränkungen zu beobachten seien, deshalb müsse man auf dem Posten sein, diesen Einschränkungen entgegenzutreten. Redner meint, daß bei der Industrie und ganz großen kaufmännischen Unternehmungen eine Abneigung gegen die Juden bestehe, die nicht mit den landläufigen Argumenten der Antisemiten in eine Reihe zu stellen, sondern aus anderen Gründen zu erklären sei. Es müsse darauf hingewiesen werden, daß bei den großen Unternehmungen, nicht allein die Tüchtigkeit des Angestellten maßgebend sei. sondern im großen Rahmen bie gesellschaftliche Beziehung resp. Protektion, die unter Umständen sehr viel bedeutsamer seien, als selbst die besten Empfehlungen und die persönliche Tüchtigkeit. Der Vortragende streift in dieser Hinsicht die Einwirkungen der Couleurstudentenkreise und des Reserveoffizierswesens. Es gäbe einzelne Berufskreise, die den Juden heute noch vollkommen verschlossen seien. Soweit der kaufmännische und industrielle Mittelstand in Frage steht, sei davon auszugehen, daß der Widerstand gegen die jüdischen Angestellten im deutschnationalen Handlungsgehilfenverband zu erblicken sei. Deshalb müßten die Juden auf diese antisemitische Organisation vor allem ihr Augenmerk richten. Der deutschnationale Handlungsgehilfenverband sei im Prinzip bisher nichts anderes gewesen, als ein organisierter antisemh tischer Verein. Das ergebe sich aus dem offiziellen Organ des Verbandes, seinen allgemeinen Anschauungen und dem Auftreten seiner Führer in der Oeffentlichkeit. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens habe die Tatsache festgestellt, daß jüdische Angestellte aus verschiedenen Geschäften direkt vertrieben worden sind durch die Agitation des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes. Das Problem des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes sei aufs ernsteste ins Auge zu fassen, um die wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden zu erstreben. Der Redner führte weiter aus, es zeige sich also eine Bekämpfung der Juden in den unteren und oberen Schichten. Man müsse sich deshalb fragen, was geschehen kann, bezw. müsse, um diesen Tendenzen in wirksamer nachdrücklicher Weise entgegenzuarbeiten. Eine Besserung sei sehr wohl möglich g. V. bei industriellen Betrieben und anderen großen Unternehmungen, wo das jüdische Kapital eine Rolle spiele, in geeigneter Weise darauf hinzuarbeiten, daß bei der Stellenbesetzung der jüdische Nachwuchs nicht ins Hintertreffen gerate. Redner bespricht einige markante Fälle. Weiler müßten die Juden ganz energisch die Tendenzen des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes bekämpfen. Die jüdischen Chefs sollten sich zum Grundsatz machen, unter keinen Umständen Angestellte zu dulden, die Mitglieder des antisemitischen deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes sind. Es müsse weiter darnach gestrebt werden, daß bei den Wahlen zu den Kaufmannsgerichten die Juden mehr als bisher eingreifen. Endlich müsse dafür gesorgt werden, daß die jungen jüdischen Leute sich den Organisationen, soweit sie den Antisemitismus bekämpfen, anschließen. Am Schlüsse seines Vortrages erörterte Dr. Holländer noch weiter die Aussichten der Juden in den einzelnen Erwerbszweigen und wies darauf hin, daß namentlich in den kleineren Städten, insbesondere iniPosen noch, ^manches Erwerbsfeld für die Juden mit gutem Erfolge beackert werden könnte. Die Versammlung nahm die Ausführunmit großem Interesse und reichem Beifall entgegen. Die Ausführungen des Redners enthielten viele dankenswerte Anregungen. Die Schwierigkeiten sind noch größer, wenn es sich um junge Leute handelt, die den Sabbath heilig Hallen. Aber die Kleinjuden hat Herr Dr. Holländer vergessen. Der Zentralverein möge hen Hilfsverein der Deutschen Juden, die I. C. A. die deutsche Abteilung der Alliance ersuchen, auch einmal vfiir deutsche Kleinjuden etwas zu tun. Eine große Darlehenskasse ist notwendig, die jungen Leute, die sich selbständig machen wollen, dem Mittelstände, den Kleinhändlern Geld zu billigem Zinsfuß leiht. Eine recht dringende Sache!