Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 66 Dr. Blochs Wochenschrift. 6 einem Ort, wo man die Empfindung hat, nur geduldet zu werden und mit zahlreichen Beschimpfungen bedacht zu werden, wenn die Kampagne des Fremdenverkehrs zu Ende ist und die politische anfängt. fkine große Stätte dieser Politik, „nicht schön, aber gesund", ist auch Karlsbad. Hier kommt allerdings nicht der Sport der Gesunden in Betracht, sondern die Kur der Kranken. Karlsbad ist ein Ort mit einer radikalen antisemitischen Stadtvertretung, die in der Saison zwar ruhig ist, dafür aber in den Wintermonateil ihrem bedrängten Herzen ausgiebige Luft inacht. Nun ist das Kontingent der Juden in Karlsbad besonders groß und wenn sich die geheimen Wünsche der Stadtvertretung auf Vertreibung der Juden erfüllen sollten, wäre der Schaden für die Stadt ungelnein groß. Daher ist man iin Sommer klug, und erst im Winter radikal und unterstützt und betreibt antisemitische Propaganda in der kalten Jahreszeit mit dem Geld, das man in der warmen bei den Juden verdient hat. Wenn die Bäume in den Gärten wieder blühen, ist Karlsbad ein Weltkurort mit der Devise „non ölet", wenn die Herbststürme wieder brausen und Odin, der Einherier wieder auf dünnem Abendhimmel mit der wilden Jagd reitet, dann zieht in die Karlsbader Stadtväter das Bewußtsein ein, daß sie die Juden eigentlich um keinen Preis mögen. Am sympathischesten wäre ihnen wohl, wenn sie ihren jüdischen Kurgästen das Geld bei der Ankunft am Bahnhof wegnehmen und sie dann zurückschicken könnten. Das haben wir alles nicht nötig. Ts gibt reinen Ort. den wir zwangsweise besuchen müßten, dessen Quellen, Sportplätze und Naturschönheiten nicht auch anderswo zu finden wären. Wir brauchen uns nirgends dulden und' in unserer Anwesenheit oder Abwesenheit beschimpfen zu lassen. Wenn wir unsererseits den Reiseverkehr nach der allgemeinen politischen Lage.und Agitation einrichten, dann wird man es sich schon abgewöhnen, zu glauben, daß wir uns alles gefallen lassen. Wßr tun ja mit unsere Abwesenheit nichts anderes, als den allgemeinen Wünschen zu entsprechen. Wir gehen in jedem einzelnen Falle anderswohin, ersparen unseren Wirten die grausame Enthaltsamkeit, ihren Antisemitismus erst nach der raison entfalten zu können. ll>om Sfabtrmarfct dcs Lebens. Das Ende der deutschen Judenschulen in Böhmen. In deutsch-nationalen Kreisen wird jetzt darüber gejammert, daß die letzte jüdisch-deutsche Privatschule im czechischen Gebiete seit dem heurigen Schuljahre geschlossen ist. Es ist bezeichnend, für die deutsch-antisemitischen Kreise, daß sie diese Erscheinung nur dem czechischen Terror zuschreiben, und nicht mehr daran denken wollen, daß die Deutschen in Böhmen nichts dazu getan haben, um die Juden, welche die opfermutigen Exponenten des Deutschtums in Böhmen gewesen find, zu schützen. Bon den ehemals 94 deutschen Privatschulen mit Oeffentlichkeitsrecht, die israelitische Kultusgemeinden erhalten haben, ist, so schreibt ein deutsch-nationales Blatt, die in Beraun die letzte gewesen. Dank dem czechischen Terrorismus der deutschen und jüdischen Kaufleute mit Boykott und Gewalt drohte, wenn sie ihre Kinder in deutsche Privatschulen schicken, ist das Werk gelungen. Im Jahre 1900 hat es in den czechischen Schulbezirken noch 27 von israelitischen Kultusgemeinden erhaltene Schulen gegeben, diese sind nunmehr verschwunden. Es sind also im Durchschnitt in den letzten 13 Jahren alljährlich zwei solcher Schulen durch die czechische Agitation und durch den Druck auf das Judentum zur Sperre gebracht worden. Die Hauptarbeit auf diesem Gebiet fällt allerdings in das Jahrzehnt 1690 bis 1900. Ein Vergleich des Volksschulfchematismus für 1900 mit dem für 1890 weist einen Rückgang von 69 deutschen Judenschulen in Böhmen auf. Von diesem Rückgang entfallen 61 auf die czechischen Schulbezirke, also Schulen mit deutscher Unterrichtssprache, die nicht nur von Juden, sondern auch von christlichen Kindern besucht waren. Nach,Rauchberg waren die in Rede stehenden 69 Schulen 1890 von 2296 Kindern besucht, wovon 2190 Juden und 106 Christen waren. Von jenen 2296 Kindern sprachen im Jahre 1890 125 nur deutsch, 182 nur czechisch, 1989 deutsch und czechisch. Die ganze überwiegende Mehrheit stammt demnach aus solchen Verhältnissen, daß sie es in der Hand hatte, sich späterhin den Deutschen oder den Czechen anzu? schließen. Die Entscheidung wurde durch die deutsche Unterrichtssprache der Judenschulen wesentlich beeinflußt. Es kann wohl angenommen werden, daß die Mehrzahl derjenigen. welche späterhin eine Mittel- oder Handelsschule besuchten, einer deutschen Anstalt sich zugewendet haben, so daß, die nkeisten, die ohne weitere Ausbildung in die Handelslehre kamen, zu Deutschen oder zu deutsch redenden Lehrherren erzogen worden seien. Das hat sich nun geändert. Die Iudenkinder, die in der Volksschule czechisch unterrichtet werden, finden auch späterhin schwerlich Anschluß an das Deutschtum und diejenigen von ihnen, die mittlere oder höhere Schulen besuchen, wenden sich überwiegend czechischen Anstalten zu. Die Folge davon ist, daß die Quote jüdischer Schulkinder in den czechischen Mittelschulen rasch anwächst, während die Juden ihre Söhne früher in der Regel in deutsche Schulen schickten. Es handelt sich dabei also um eine Bewegung, deren Bedeutung für den Besuch der höheren und mittleren Schulen in Böhmen und in ihrem weiteren Verlauf für das nationale Gefüge jener Berufe, zu denen jene Schulen. befähigen, nicht unterfchÄtzt rverden därf. JNach Rauchberg. S -429-f.’) Nur zu spät kommen die Deutschen in Böhmen, die in jenen Gegenden, wo sie Majorität besitzen, noch immer extremsten Antisemitismus treiben, dahinter, daß sie selbst schuld sind, wenn die Juden von ihnen abrückten, nachdem sie dort weder nationale noch konfessionellen Schutz gefunden haben. „Eine interessante Resolution der Ophtalmologen in Moskau. Auf dem dieser Tage.in Moskau stattgehabten Kongreß der Augenärzte wurde auch ein Referat des Dr.- Gurfinkel verlesen, in welchem ^auf den sogenannten Trachomaskandal hingewiesen wird, unter welchem die Emigranten so viel zu leiden haben. Es ist nämlich erwiesen, daß in Newyork und in anderen amerikanischen Landungshäfen sehr viele Emigranten zur Deportation verurteilt werden, weil sie angeblich an Trachoma leiden, während die Betreffenden in Wirklichkeit vollständig gesund oder schon gründlich geheilt sind. Dr. Gurfinkel der sein Referat schriftlich erstattet, verlangt pun, daß wegen dieses Vorgehens in entsprechender Weise Stellung genommen werden müßte. Der russische Arzt Dr. Markow machte nun darauf aufmerksam, daß nicht alle russischen Emigranten unter diesem Vorwände zurückgeschickt werden, daß es vielmehr fast ausschließlich jüdische Emigranten seien, gegen die auf die geschilderte Weise in Amerika vorgegan,-. gen werde. Nun erklärten sämtliche Anwesenden, daß es unter solchen Umständen erst recht die Pflicht der russischen Augenärzte sei, gegen ein solch unmenschliches Vorgehen, durch welches jährlich soviele Familien ins Unglück gestürzt werden, portestiert werden müsse. Der Kongreß der russischen Aerzte, der eigentlich die Einleitung zu dem kommenden internationalen Ophtalmologenkongresse bildet, hat auch eine solche Protestresolution gegen die amerikanischen Einwanderungsbehörden beschlossen. Es bleibt nun abzüwarten, was die Aerzte der amerikanischen Ein-