Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Dr. Mochs Wochenfchrtst. Nr. 4 Seite 56 sitzer, der alle Saizew, ebenfalls ein streng orthodoxer Jude und er hätte keinen jüdischen Angestellten beschäftigt, der den Sabbath entweiht, so wenig wie er selber den Posten angenommen hätte, wenn er dadurch genötigt wäre, am Sabbath zu arbeiten oder zu schreiben. Nach dem Tode des alten Eigentümers übernahmen die Söhne die Verwaltung und er hatte dann nur die Wahl, entweder den Posten zu verlassen, öder am Sabbath im Kontor zu arbeiten. Ohne Aussicht auf einen andere Erwerb und in Rücksicht auf die Not der Familie mußte er sich seitdem bequemen, den Sabbath zu entweihen. Als später das Unglück über ihn hereingebrochen, und er unschuldig und unvermutet in plötzlicher Nacht von Polizeischergen verhaftet und in den . finsteren Kerker geworfen wurde, habe er das als eine gerechte Strafe dafür angesehen, daß er entgegen dem seinen verewigten Vater auf dem Totenbette geleisteten Versprechen, das Sabbathgebot übertreten habe. „Der schrecklichste Moment meiner Leidenszeit war wohl gekommen, als ich sah, daß man auch meine Familie verfolgte. Bald nach meiner Gefangennahme hörte ich plötzlich während eines Verhörs im Zimmer nebenan einen Knaben weinen. Mit Schrecken erkannte ich die Stimme meines jüngeren Sohnes, den man, wie ich nun erfuhr, auch verhaftet hatte. Vor Schrecken und Schmerz fiel ich in Ohnmacht. Die harten Leiden, die ich durchzumachen hatte, ließen in mir den Gedanken aufkommen, meinem Leben freiwillig ein Ende zu machen. Ich begann die Nahrungsaufnahme zu verweigern. Da kam .mir aber der Gedanke, daß ich um meines Glaubens willen leben müsse. Solange der schreckliche Verdacht auf mir ruhte, dürfe ich nicht sterben, sagte ich mir und ich begann wieder zu essen, um für meinen Prozeß die nötige Kraft zu sammeln. Endlich sprachen mich dann die Geschworenen frei, erst nach Eintritt der Dunkelheit durfte ich das Gefängnis hinter dessen Mauern ich schuldlos so Schweres erlebt hatte, als freier Mann verlassen. Man gab mir eine starke Wache mit, da man fürchtete, daß die maßlos erregte Volksmenge mich auf dem Heimweg angreifen und erschlagen werde. Wie ein Dieb schlich ich mich so in mein Haus. Tag für Tag erhielt ich nun zahlreiche Drohbriefe, in denen ich als Mörder beschimpft und mit dem Tode bedroht wurde. Ich wagte es daher nicht, meine Wohnung zu verlassen, und hielt mich die ganzen zwei Monate die seit meinem Freispruch verflossen sind, im Zimmer auf. Die Aufregungen und der fortwährende Schrecken nahmen mich hart mit. Ich war früher ein gesunder starker Mann. Als ich das Gefängnis verließ, war ich leidend. Die schreckliche Zeit, da ich michin meiner Wohnung versteckt halten mußte, nahm mich noch mehr her, so daß man es begreifen wird, wie ich aufatmete, als ich Mittwoch in Podwoloczpska österreichischen Boden betrat. Aber nicht nur Feinde, ich lernte auch viele Freunde kennen. Juden und Christen kamen nach meiner Frei- . lassung zu mir geeilt, um mich zu beglückwünschen. Aus aller Welt erhielt ich Glückwunschtelegramme, es waren mehr als 1500. Jeder brachte mir etwas mit: der eine Blumen, der andere Bücher, ein dritter schenkte mir eine goldene Uhr samt Kette ulw. Besondere Freude machte mir das Geschenk des jüdischen Dichters Schalem Meckern, der mir seine Werke sendete. Mit Unaeduld aber ersehnte ich den Tag, da ich Rußland verlassen konnte. Ein amerikanischer Impresario hatte mir angeboten, mit ihm nach Amerika zu gehen, wo er mir für mein Auftreten im Variete große Summeil in Aussicht stellte. Ich lehnte sein Angebot ab. da es mir wie eine Entweihung meines traurigen Schicksals vorkam. Die jüdischen Hilfsorganisationen stellten mir die Mittel zur .Verfügung, daß ich nach Palästina auswandern kann. Dort will ich mir ein Stück Land kaufen und als Landwirt eine neue Existenz gründen und meine Kinder zu guten Juden erziehen." In Wien war Beilis und seine Familie seitens der Leitung der Wiener Iudenschaft Gegenstand besonderer Fürsorge. Im Laufe des Tages fanden sich mehrere Vorstandsmitglieder der Israelitischen Allianz und der Kultusgemeinde ein, um nach dem Ergehen der Familie sich zu erkundigen. Die Familie B e i l i s nahm dann gemeinsam mit dem Präsidenten der beiden Organisationen Dr. Alfred Stern und den Herren Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, Wilhelm Pappenheim, Vorstand der Jsr. Allianz, Oberkantor M o r g en st er n und den Beamten das Mittagessen im Hotel ein. Beim Mahle redigierte Oberkantor Morgenstern zu Ehren des auswärtigen Gastes ein feierliches Mischaberach. Im Laufe des Nachmittags hat der Oberkantor Morgen st ern die Familie B e i l i s eingeladen, mit ihm im Automobil eine Rundfahrt durch die Stadt Wien zu machen, um der Familie die bemerkenswerten Schönheiten der Stadt zu zeigen. Er besuchte sodann mit ihm den großen Tempel in der Leopoldstadt, wo das Abendgebet verrichtet wurde. Am Abend reiste B e i l i s mit seiner Familie nach Triest, wo er sich in den nächsten Tagen nach Jaffa einschiffen wird. Ueber den österreichischen Export Der Andrang zu dem am 01. ds. im Festsaaale des n.-ö. Gewerbe-Vereines stattgehabten Vorlagsabend des ^Vereines zur Hebung der Gewerbe" war ein so riesiger, daß viele unverrichteter Weise den Heimweg antreten mußten. Aus allen Kreisen stellten sich würdige Vertreter ein. Unteranderen sah man: Die Herren Bankier Geiringer, ferner Dr. Bauer, Dr. Grunwald, Dr. Koranyi, Minister a. D. von Knesinsky, Baron Kutschera, Hofrat von Haberka, Sektionsrat Hussa., Oberst, Hann er, Oberstleutnant Ullrich, Oberstabsarzt Dr. Schneider, vom Kriegsministerium, Justizrat Dr. S am u ely, General-Konsul Kutsch er a, Staatsbahnrat Neuda, Vertreter der chnesischen und japanischen Botschaft, die Industriellen kaiserl. Rat R o e d e r - Rabe, Robitschek, Janowitzer, Geheimer Rat Schweiger,'Weil, Wolf, Zimbler, vom ,n.-ö. Gewerbe-Verein kaiserl. Rat Schweinburg, Direktor der Länderbank Fiedler. Der Präsident Herr S. B r o d führte in geradezu glänzender Weise aus, daß die Armseligkeit unseres Exportes im Vergleiche zu dem des deutschen Nachbarstaates und anderer gleichwerten und gleichgroßen Staaten nicht bloß in unserer geographischen Lage, in dem agrarischen Charakter, in den mangelhaften (Verkehrsmitteln, scheu Charakter, in den mangelhaften Verkehrsmitteln und kommerziellen Einrichtungen alllein gelegen sei, sondern in uns selbst, in dem noch immer mangelhaften Anpassungsvermögen unserer Fabrikanten und Großkaufleute an die Eigentümlichkeiten der Bewohner fremder Länder. — Vor allem sollte man meinen, müßte jeder, der nach einem fremden Land Waren versenden will, vorerst Land und. Leute daselbst kennen, deren Geschmaksrichtung, Bedürfnisse, Eigenarten studiert haben.. In Deutschland war es seit ältester Zeit Tradition. Jeder Vater sagte zu seinem Sohne: „Mensch/ hilf Dir selbst,, dann wird Dir Gott helfen!" oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt auf Reisen."