Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 55 bei dieser Gelegenheit nicht, ihre Meinung über die eigentlichen Motive zu äußern. Es wäre „klar abzunehmen und zu ersehen, daß der von dem ersagten P. Zeleny gebrauchte Vorwand unrichtig, und die hiedurch bemäntelte Verzögerung der Expedition vielmehr, als eine bloße Wirkung der von Seiten der Pragerischen Jesuiten mehrmal schon gegen die arme Buchführerin von Brünn geäußerten Unwillen und Abneigung anzusehen wäre". Diesen Vorschlag der Zensurkommission hat der Staatsrat gebilligt, sowie die Kaiserin Maria Theresia zum Inhalte einer Kesolutio Angustissimae gemacht, worüber dann am 20./V. das Protokoll durch den Hofrat Stupan abgefaßt wurde. Unter dem 6./VI. 1761 ist nun die Allerhöchste Entschließung' nach Prag abgegangen. Dieser Zensucstreit darf füglich deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit auf sich lenken, weil er uns die verschiedenen Kräfte aufdeckt, welche in das religiöse Leben der Juden eingriffen. Es entbehrt sicherlich nicht einer gewissen Komik, wie der Täufling für das jüdische Gebetbuch eine Lanze bricht. Lehrreich und bezeichnend für den tatsächlichen Gang der Ereignisse sowie für deren Verständnis ist der Anblick, wie die Jesuiten aus Glaubenseifer, Judenhaß und Konkurremneid (nach der Behauptung Neumanns) ihren Kampf um die Vorherrschaft mit den staatlichen Faktoren und den weltlichen Elementen auf dem Boden des jüdischen geistigen Lebens auskämpfen, wobei die wissenschaftliche Ueberzeugung des Gelehrten diesmal parallel läuft mit dem politischen Interesse der Regierung ben Herrschaftsgelüsten des allmächtigen Jesuitenordens einen Riegel vorzuschieben, mit deren Gerechtigkeitssinn sowie nickt minder mit dem finanziellen Interesse, daß dein „Allerhöchsten aerario" eventuell kein Schaden erwachse, wenn der Buchdrucker nicht imstande sein sollte, auch fernerhin für das Privilegium eines Monopols in ganz Mähren die 300 fl. jährlich zu zahlen. Der letzte Umstand wurde auch seiner Anschaulichkeit halber in den Vorstellungen Neumanns und der Mährischen Repräsentation immerfort gebührend hervorgehoben. Dieses ganze Spiel von Kräften wurde hinwiederum durch das persönliche Interesse des materiell interessierten Buchdruckers und seiner Rechtsnachfolger wach und lebendig erhalten. Den Juden konnte der Ausgang dieses Gefechtes nicht gleichgillig sein, denn gerade damals be schäftigte sich die Regierung mit angeblichen Lästerschriften gegen die christliche Religion. Äm 19./IV. 1760 erging ein „Befehl?) daß die dortländige Judenschaft aller Bücher, wo der Weltheyland und unsere Religion nahmentlich und offenbar gelästert und verfluchet wird, bei schwerster Straff enthalten sollte" ..an die Repraesentationen und Cammern" in Mähren. Böhmen, Schlesien. Niederösterreich sowie an „den Landes Fürstlichen Oomiui88arium" zu Görz. Der Vortrag der B. Oest. Hoffanzlei vom 31./III. 1764 betreffs des „von einem Anonymo gemachten Vorschlages über die mittels Stempelung der Jüdischen läster und Fluch-Bücher angetragenen Ausrottung derselben" wurde vom Staatsrate'B gutgeheißen und darauf von der Kaiserin genehmigt. Die kaiserliche Regierung mußte nämlich durch die fortwährenden Anzeigen wegen des bedenklichen Inhaltes der hebräischen Bücher geradezu beunruhigt werden, wiewohl sie in der Praxis das Richtige denn doch zu treffen verstand. Die Prager Jesuiten haben nämlich im Jahre 1763 selbst den approbierten Katalog der Wiener Zensurbehörde bemängelt. Am 15./'X. 1763 wurde mit Bezug darauf „an das Landes-Gubernium zu Böhmen" ein Dekret") gerichtet, „daß die angetragene Anmerckung bey dem von der allhierigen Censurs-Hof-Commission der privilegierten Buchhändlerin zu Brünn. Anna Francisco Neumannin ertheilenden Jüdischen Bücher-Eathaloge ftlr mmöthig befunden werde". Zum Schluß sei bemerkt, daß gerade damals die Leitung der sogenannten geistlichen Zensur, welche der Amtshandlung der weltlichen Behörden vorauszugehen und als Grundlage zu dienen pftegte, den Prager Jesuiten genommen und in die Hände des dortigen eben neu ernannten Erzbischofs gelegt worden ist.") Korrespondenzen. Mendel Beilis in Wien. Auf der Durchreise nach Palästina weilte der Angeklagte im Kiewer Ritualmordprozeß. Mendel Beilis, mit seiner Familie Donnerstag den 15. Januar in Wien und noch ain selben Tage ist er nach Triest weilergereist. Am 14. in der Nacht hat Beilis Kiew verlassen, niemand wußte von seiner 'Abreise, nicht einmal die nächsten Nachbarn erfuhren davon und diese Vorsicht wurde beobachtet, um jede Art von Demonstration zu vermeiden. Er reiste zunächst allein von Kiew mit dein Zuge weg und seine Familie kam mit einem späteren Zuge nach, auf Umwegen ist er zu in Bahnhof gefahren und trachtete, unerkannt zu bleibeIn der Station Ka'atyn vereinigte er sich mit der Fauna?. Die Angst verließ ihn erst, als er auf österreichischem Boden sich wußte, die russische Grenze hinter sich. Jetzt erst kam ihm das Gefühl der Sicherheit und er wagte sich frei zu bewegen. Hier in Wien wurde er über Anordnung des Präsidenten D r. Alfred Ster n von Beamten de? Jsaelitischen Allianz und der israelitische!! Kultusgemernde empfangen und ins Hotel de l'Europe gebracht. Bereits um 7 Uhr früh kam der greise Präsident. Herr Dr. Alfred Stern, in das Hotel, um Beilis und seine Familie zu besuchen, um sich zu überzeugen, wie die Familie die Fahrt überstanden hatte. Beilis hatte kaum Zeit. Toilette zu machen, und war erfreut, den Präsidenten der Kultusgemeinde zu begrüßen. Beilis ist ein -Mann von mittlerer Größe, etwa in der Mitte der vierziger Jahre. Die lange Leidenszeit hat ihre tiefen Spuren an ihm hinterlasfen. Das magere. von dunkelbraunem Bart uimäumte Gesicht ist blaß, die Backenknochen treten scharf hervor, der vornüber gebeugten Haltung sieht man es an. daß ein hartes Geschick auf dem Manne lastete. Beilis macht einen lehr intelligenten Eindruck. der durch eine Brille, die er beim Sprechen in die Höhe rückt, noch erhöht wird. Wenn er spricht oder lächelt, sieht man. daß ihm alle Zähne fehlen, nur die Eckzähne des Unterkiefers ragen hervor. Als er im Gefängnis war. hatte er noch alle Zähne, man hat sie ihm dort ausgeschlagen. Frau Beilis ist das Prototyp der Jüdin aus den arbeitenden Schichten Das Ehepaar ist ' von drei Söhnen im Alter von 15, 12 und 8 Jahren, durchweg sehr aufgeweckten und intelligenten Knaben, und zwei Mädchen von 7 und 6 Jahren begleitet. - Stundenlang plauderte er mit dem Präsidenten Dr. Stern, erzählte Erinnerungen ans seiner frühesten Jugend, seine Erlebnisse im väterlichen Hause. Herrn Präsidenten Dr. Stern verdanken wir auch die folgenden Mitteilungen. Der Vater des Beilis war ein streng orthodoxer Junge und Mendel mußte ihin vor dem Tode versprechen, st'eng religiös zu leben. Als er in die Verwaltung der Ziegelei eintrat, war der Be- '■') Lp. Arch? i d B. ö. HoftauzlA 23 rr Aoäl 1780. 1,J) Vql.'Staatratsiklen 931 v I. 17H4 und Archiv der B. £ -övskanzlec 18 ex Avril 17K4. n) Vzl. Ibidem 3691 v I. 1763. ") Vgl. Jbidrm 214 v. I. 1762.