Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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6«te 34 Lr. Älochs Mochenschrist Nr. S Einbruchsdiebstähle in Freiheit. Das vor dem Beikisprozetz gegen ihn eingeleitete Strafverfahren wurde aus unbekannten Gründen niedergeschlagen. Diese Taktik der russischen Justizbehörde liefert einen sonderbaren Kommentar zu der vor kurzem erfolgten Beförderung des Staatsanwalts' beim Kiewer Appelhof und eigentlichen Schöpfers der Anklageschrift' gegen Beilis, Tschaplinski, sowie des Präsidenten des Kiewer Kriegsgerichts Boldyrew zu Senatoren. Die gewissenlose Agitation der Antisemiten! dauert unterdessen fort. Sie veranstalten öffentliche Vorträge, j>n denen ausgeführt wird, das Kiewer Kreisgericht habe durch sein Urteil das Vorkommen . jüdischer Ritualmorde festgestellt, der katholische Priester Pranaitis habe über die russischen Theologen, die die Ritualmordlegende haben vernichten wollen, einen glänzenden Sieg errungen, der geniale Forscher und tiefgründige Gelehrte Sikorski habe die übrigen psychiatrischen Sachverständigen vollkommen widerlegt und eine erschöpfende Schilderung desalt Juschtschinsky ~ von Juden begangenen Ritualmordes gegeben. Es ist merkwürdig, daß eines der Mitglieder des Kiewer Appelhoses namens Tutkowitsch es für möglich gehalten hat, sich den antisemit-schen Agitatoren anzuschließen umb in einem in Petersburg gehaltenen Vortrag seinen Hörern mitzuteilen, die Freisprechung des Beilis finde ihre Erklärung darin, daß die Geschworenen einen untergeordneten Mitschuldigen an dem Morde nicht haben verurteilen wollen, während die Hauptschuldigen es verstanden hätten, sich der Justiz zu entziehen. Die Wortführer der antisemitisch-reaktionären Parteien jwollten sich mit alledem noch nicht begnügen und hahen eine Geldsammlung, eröffnet.zur Errichtung einer Kapelle an dem Orte wo die Leiche Juschtschjnskis Munden wurde. Die Sammlung verläuft nicht gerade glänzend, hat aber doch einen kür den Zweck ausreichenden Betrag von gegen 10.000 Rubeln gebracht. Natürlich -wollen, die Antisemiten durchsetzen, daß bei der Errichtung der Kapelle ausdrücklich sestgestestt werde, daß Juschtschinski „von den Juden zu Tode gemartert" worden fei- So soll Juschtschrnski zu einem neuen Heiligen gemacht und eine Art Genugtuung für die Freisprechung des Beilis erreicht werden. rrIudrnbanke« " Unsere Wien« Christlich-Sozialen dürfen unbestreitbar für sich das Recht in Anspruch nehmen, . hen Rekord an demagogischen, die DHasse verwirrenden Schlag- Worten geschlagen zu haben. In ihrem Schimpslexikon befindet sich auch der Ausdruck „Judenbanken", sie bedienen sich dessen immer dann, wenn sie an die wildestell Instinkte der Massen appellieren. Daß sie mit diesem Geschimpfe den Banken eigentlich nichts anhaben, wissen sie gut, es liegt gar nicht,in ihrer Absicht den Bankett zu schaden. Diesen edlen . Rittern genügt es vollkommen, wenn . die Masse der Ansicht ist, daß das Judentum identisch ist. mit den Großbanken und damit finden sie ihren Zweck vollkommen erreicht. Daß gerade derjenige Teil des Judentums, der am wenigsten die wirtschaftlichen Vorteile des modernen Bankwesens genießt. unser diesem Geschimpfe zu leiden hat, läßt die edlen Herren ganz kalt. Wie gut die Herren Christlich-Sozialen im täglichen praktischen Leben gerade mit den Judenbanken auskommen; jeder von uns kann sich stündlich davon überzeugen. Für heute haben wir uns es zur Aufgabe gestellt, die Haltung einer solchen ..Jubank" (wir meinen die k. k. priv. österr. Länderbank) naher zu beleuchten. Im Jahre 1880 wurde die k. k. priv. österr. Länderbank auf Grund einer Konzession!, die die Herrorr Brandeis und Alexander Scharf besaßen und mit Hilfe eines Franzosen,, der - dieser Neugrügdung französisches Kapital zu" verschaffen - wußtegegründet^ Das erste Kapitalerhielt das Institut' ausschließlich Wm Juden. Außer dem Gouverneur Grafen Wodzicki wären es Mir Inden, die der- Länderbank zum Aufschwungs verhaften. Zur Illustration diene eine Reminiszenz aus jener Zeit. Ein sehr angesehner Bankmann hatte der Länderbank ein Geschäft zu proponieren und begab sich zu diesen: Zwecke zum damaligen Gouverneur Grafen Wodzjcki, dieser wies ihn mjt seinem Geschäfte zum damaligen Generaldirektor R. b. Hahn und dieser wiederum zu dem verstorbenen, gewesenen Reichsratsabgeordneten der Handelskammer von Krakau, Dr. A Rwpoport Edlen v. Porado. Nun schien dem Herrn dieses Herumschicken zu bunt zu werden und er fragte den' Generaldirektor, wer eigentlich der Dr. Rapoport fei. worauf er ihm antwortete, Dr. Rapoport ist die Landerbank. . . Heute erleben wir das belrü/mde und beschämende - Schauspiel, daß die Länderbank in ih er Liebe!;ne ei den Christlichi-Sozialen gegenüber so weit geht, dass si: ales was jüdisches aus der Gründungisperiode übrig blieb, auszumerzen sich bestrebt. Die alten jüdischen Beamten werden präteriert, neuen wird in?den meisten Fällen der Eintritt verweigert, während Söhne, Töchter, Reffen und Nichten christlichsozialer Mandatare und Agitatoren auch dann Anstellungen finden, selbst wenn gar keine. Verwendung für sie vorhanden und ihre notorische Unfäh i g k ei 1 n o ch so deutlich dokumentiert würde. Die Länderbank sinkt zur Versorgungsanstalt für antisemitische Kreaturen., Vor ungefähr zehn Jahren erfuhr man. daß ein sehr tüchtiger Funktionär der Länderbank, dom es gelang unredliche. Manipulationen eines Beamten, die dem Jnst'tutr cinen Millionen-Schabei verursachten aufzuüecken.- sich veranlaßt sah, trotzdem von dort auszureten und in die Nied-Oesterr. Eskampe-Gesellschast einzutreten. Sein Scheiden aus der Länderöanc hatte nicht in materiellen Vorteilen feine Ursache, vielmehr kam es diesem Herrn zum Bewußtsein, daß sein Bekenntnis zum Judentume, von dem er nicht lassen wollte, ihm. dort für die Folge sehr hinderlich wäre. Die Länderbank scheint ' auch die Geschäfte der ,/ christlichen MWonsgesellschaften zu besorgen. Auf die Taufe setzt sie besonders Prämien aus. Unter den jüngsten Prokuristen ihrer Anstalt' befindet sich ein Herr, der, wenn er sich nicht getauft hätte, heute infolge seiner Fähigkeiten weiter noch subalterner Schalterbeamter wäre,„nach der Taufe aber srättere ihn die Länderbank mit dem Prokuristenfitel und sein hoher Taufpate mit Ordenaus, so fungiert er jetzt als vollwertiger Vertreter der Länderbank im Komitee des Eucharistischen Kongresses und ähnlicher gottgefälliger Komitees. Zu Legionen wächst der Kreis des jüdischen geistigen Proletariats, trotz aller Vorbildung gelingt ef heute schwer der jüdischen Jugend sich eine Existenz zu schaffen. Staats- und Kommunalbeam tenlaufdähn bleibt dieser versperrt; viele inbuftricllc Unternehmungen folgen diesem Beispiele. Die jüdische Jugend steht rat- und hilflos da, ihrer uns änzunehmen, ist vor allem unsere publizistische Pflicht und die gleiche ^Pflicht verlangen wir auch von allen wackeren Juden. In der nächsten Generalversammlung der Länderbank hoffen wir manche Herren Aktionäre zu begegnen, denen das Schicksal unserer jüdischen Zukunft nicht ganz gleichgiltig ist, von ihnen erwarten'wir, daß sie das System das jetzt in der Länderbank praktiziert wird, öffentlich besprechen und von der Verwaltung Remedur verlangen, da sonst das Beispiel der Länderbank bei anderen verwandten Instituten nur zu leicht Nachahmung finden könnte.; ,