Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 38 .und dah wir, wenn wir mit mehr Zutrauen zu der Opferwilligkeit und dem Gemeinsinn unserer Glaubensgenossen die Durchführung dieser Frage in Angriff nehmen, wir auch diese Angelegenheit zu einem gedeihlichen und für unsere Gemeinde segensreichen Ziele zuführen werden." (Lebhafter Beifall).' Bei der hierauf eröffneten Debatte ergriff zunächst Kultus-Vorsteher Dr. Jakob Ehrlich das Wort zur Kritik der Verwaltung, die nicht auf der H ohr der Situation stehe. Dem Kultusvorstand sei es nicht einmal gelungen, die gesetzliche Organisation der Gemeinde durchzusetzen auch ein Beweis, daß. der Wiener Kultusvorstand nicht die Führung unter den Juden Oesterreichs habe. Die Struktur des Vorstandes sei eine verfehlte, vom Vertreterkollegillm, in welchem alles schon vorher bestimmt wird, komme nie eine Initiative. Er sei daher gezwungen, abermals die endliche Erfüllung der Programmpunkte des zionistischen Kultusprogrammes u. zw- Oeffentlichkeit der Vorstandssitzungen, Herabsetzung des Steuerminimums auf zehn Kronen, die Reform des Wahlrechts und insbesondere die Abschaffung der Wahlkurie der Höchstbesteuerten zu fordern. Dr- Ehrlich urgiert auch die Einsetzung und Konstituierung der Palästina-Kommission und erklärt, das Budget nicht votieren zu können. Kultus-Vorsteher Oberingenieur Stricker bespricht die Vorgänge in Palästina, tzvendet ffch in scharfen Worten gegen den ..Hilfsverein der Deutschen Juden",- der in Palästina preussische Politik macht. Da der Hilfsverein auch, die Verwaltung der Lämelschule, die eigentlich eine österreichische Anstalt sein sollte, in Händen hat, so sei es Pflicht des Vorstandes, zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen. Er stellt den Antrag, die budgetären Sub veniionen für die Lämelschule zu streichen. Kultus-Vorsteher Dr. phil. et jur. Dr. Markus Spitzer wendet sich gegen die Ausführungen des Dr. E,h r.lj.ch..,..9sedner .selbst, anerkenne die Verdienste des Zionismus, er selbst sei za cutdj in'gewissem Sinne Zionist, aber er könne es nicht zugeben, dah die Frage so gestellt werde: Iudentum oder Zionismus. Der Zionismus kann niemals an Stelle des Judentums treten, das in allen seinen Phasen vorwiegend religiös war. Und so oft das Judentum in Gefahr geriet, war es immer die Religion, die uns gerettet hat. Es gehe daher nicht an, in Verkennung der historischen Entwicklung den Kampfruf „Hie Zionismus — hie Judentum!" in die Masten zu schleudern. Was das vorliegende Budget, welches Redner einer eingehenden Erörterung unterzieht, betrifft, so ist es ein eminent jüdisches, das in allen seinen Punkten die Tendenz zeigt, das Judentum zu konservieren. Dah die Gesamtorganisation nicht zustandekam, wird mit Unrecht dem Kultusvorstande zum Vorwurfe gemacht. Präsident Dr. Alfred Stern habe sich alle Mühe genommen, die Differenzen auszugleichen, alle Gemeinden zu einem Zusammenschlüsse zu bewegen, doch hat er darin leider nicht die gewünschte Unterstützung gefunden. Kultus-Vorsteher Salo Cohn nimmt den Unterricht an der Lämelschule in Schutz. Die österreichischen Juden haben nichts dazu getan, um die Lämelschule zu erhalten, die deutschen Juden haben die Kosten für den Bau und die Erhaltung der Schule beigestellt und es sei nur selbstverständlich, dah. sie auch auf den Unterricht Einfluh nehmen, da sie übrigens auch die ganz bedeutenden Zuschüsse decken. Herr Salo Kohn tritt ferner für die dreijährige Wahlperiode ein und stellt einen diesbe züglichen formellen Antrag. Was die Forderung der Zionisten auf Herabsetzung des Steuerminimums betrifft, so mache er darauf aufmerksam, dah die Kultussteuer von den meisten nur als ein Aft der Pietät betrachtet wird. So lange es aber möglich ist, einfach durch einen Weg zum Magistrat die ganze Kultussteuer von sich abzuschütteln, sei es gefährlich, zu erperimentiern. Kultusvorsteher Emanuel Hoff mann bemängelt es. dah die aus Stistungsgeldern zustandegekommene Hilfskassa zur Unterstützung von aus dem israelitischen Spital Entlastenen schon seit geraumer Zeit ihrer Zweckbestimmung nicht zugeführt wird und wünscht rasche Abhilfe. Kultusvorsteher Profestor Dr. S. Ehrmann kennt den Direftor der Lämelschule, Herrn Ephraim Cohn, als einen eifrigen Zionisten, einen hervorragenden Hebraisten und er könne nicht annehmen, dah er leine Hand zu einem solchen Staatsstreich gegen die hebräische Sprache hergegeben habe, wie es hier dargestellt wurde. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen spricht Herr Prof. Dr. E h r m a n n den Wunsch aus, dah auch für diejenigen ein Freitag-Abendgottesdienst eingerichtet werde, die arbeiten müssen und nicht die Zeit haben, besonders im Winter zu den festgesetzten Stunden an dem Gottesdienst teilzunehmen. (Erster Sekretär, kais. Rat, Dr. Lieben,, macht hiezu die Bemerkung, dah ein diesbezüglicher Antrag des Bureaus bereits im September 1911 eingebracht wurde.) Gegenüber den Bemängelungen, dah die Derpflegskosten im jüdischen Spitale zu hoch seien, weist Redner darauf hin, dah Versorgungshaus und Spital in dieser Beziehung nicht miteinander verglichen werden können. Während das Versorgungshaus die Aufgabe hat, den Lebensabend des Pfleglings möglichst angenehm zu gestalten. muh das Spital heilen und zu diesem Zwecke alle modernen, auch die teuersten Mittel in Anwendung bringen. I. Vice-Präsident Dr. Gustav Kohn refleftiert auf die bisherigen Ausführungen. Der Gemeindebund wäre schon längst zustandegekommen, wenn die Aktion nicht von anderer Seite gestört worden wäre. Nichtsdestoweniger wurde von Seite des Gemeindebundes weiter gearbeitet und es besteht die Hoffnung, dah die gesetzliche Organisation — ohne die Renitenten zustandekommt. Die Erhöhung der Schächtgebühren wurden schon beschlossen. die Durchführung des Beschlußes muhte jedoch wegen der Zwischen eingetretenen wirtschaftlichen Krise vorläufig sistiert werden. Die Regulierung der Einhebung und Aufteilung der Scheidungslaren wird in absehbarer Zeit zur Durchführung gelangen, und auch die Vorarbeiten. betreffs Stellungnahme zur Frage der Wahlordnung und des Steuerminimums sind im Zuge. Redner bemerkt gegenüber einer Aeuherung des Kultus - Vorstehers Stricker, dah es kaum eine zweite Körperschaft gebe, die sich solcher ausgezeichneter Beamten rühmen könnte, wie die Wiener Kultusgemeinde. (Stricker: „Gerade deshalb müssen die Unbrauchbaren beseitigt werden.") Auf die Angelegenheit der Lämelschule übergehend, ersucht er den Ersten Sekretär, kais. Rat. Dr. Liebest, den diesbezüglichen Bericht zu verlesen. Aus diesem Bericht geht hervor, dah der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde schon seinerzeit, als er die Verwaltung an dem Franffurter Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, mit dem Sitze in Franffurt am Main, innehatte, als auch später, da der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin die Verwaltung der Schule übernahm, darauf bestand, daß die Erziehung in der Anstalt im Sinne des Stiftbriefes eine streng jüdische sei und die Schule in jeder Beziehung ihren österreichischen Charafter bewahre. Meritorssck sei übrigens die Uebernahme der Anstalt durch den Hilfsverein, wie aus der Korrespondenz hervorgeht, auch nicht erfolgt, da hierzu noch die Zustimmung der Stiftungsbehörde ausstehl. Was jedoch die jüngsten Vorgänge in Palästina und insbesondere in der Lämelschule anlangt, so seien die Ausführungen der Herren Dr. Ehrlich und Stricker insofern ü b e rh o l t, als das Präsidium gleich, nachdem es durch Zeitungsnachrichten von den Vorfällen in der Lämelschule erfuhr.