Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seitens „Warum gehen die Kiu«ler so spät nocli nicht in die Schule?", fragte Dr. Nathan. „Wir wollen nicht hingehen“, antworteten die Mädchen. Dr. Nathan erschrak. Wie nicht einmal den kleinen Kindern kann man'befehlen?! Eifordert die Erzieherinnen auf, die ,Kinder in vdie Schule zu schicken. Die Erzieherinnen kündigen ihm den Gehorsam und Dr. Nathan zog wiederum leer ab. Cohen und Madame Cohen blieben zurück, und begannen den Kindern zuzureden, u. zw.: „Wir sind Eure Eltern, Ihr seid unsere Kinder u. s. w." Die Kinder jedoch-antworteten: „Ja das wäret ihr bis nun, haute aber ist das zu Ende, wir wollen eine nichthebräische Schule nicht besuchen." Cohen verspricht ihnen, daß die Schule ganz hebräisch sein wird. Dr. Nathan werde das unterschreiben. Die Kinder aber antworten: „Warum also habt ihr unsere lieben Lehrer und Lehrerinnen, die uns erzogen haben, weggejagt?" Zuguterletzt richteten auch diese nichts aus. Madame Cohen weinte und Herr Cohen fragte: „Habt Ihr kein Ei-barmen mit den Tränen Eurer guten Mutter?" Die Kinder antworteten: „Das hat mit diesem nichts zu tun, wir wollen national sein, und unsere Sprache haben, u. s. w.". Endlich aber begann man die Kinder gewaltsam fortzuschleppen. Und so schleppte man 26 Kinder weg, die über die Straße weindend hinliefen, laut schreiend: „Wir sind Verräterinnen!" — Madame Cohen kam zurück und schloß das Tor und behielt den Schlüssel in der Hand, ohne jemand aus- oder einzulassen. Tag und Nacht redet sie den Kleinen zu, . sie hat alle Eltern und Verwandten gebracht, die den Mädchen Zureden, in die Schallen des Hilfs Vereins zurückziikehren. Vergebens! So verlief der Freitag und der Samstag. Sonntag früh kam Goldschmidt, um sie in die Schule zu rufen. Die Erzieherinnen aber jagten ihn fort, mit den Worten: „Wenn Sie Gott im Herzen haben, sollten Sie auf unserer Seite sein! Erinnern Sie sich, was Ihre Schwester in eben diesem Institute getan hat. Sie haben kein Kecht, unter den ‘Zerstörern zu weilen.“ Goldsch'midt ging und es kam Cohen und forderte von den Erzieherinnen, die Kinder in die Schule zu schicken. Auch er bekam dieselbe Antwort: Sie werden die Kinder nicht schicken, die Kinder seien ihrer Obhut anvertraut und werden sie nicht zu den Verrätern gehen lassen, u. s. w. Cohen ging weg, und wer weiß, was er jetzt noch vorhat. Unterdessen war die Straße voll Neugieriger. Die älteren Mädchen beschlossen, die kleineren zu überwachen, damit ihnen kein Leides zufügen könne. Jedesmal rufen die größeren den kleineren zu: „Wir sind keine Verräterinnen, wir und unsere Fräuleins sind treue Hebräerinnen!“ Gestern am Samstag, gegen Abend, kam ein großer Zug- Menschen in unsere Straße, standen vor dem Hause Ben’jJehudas und riefen: „Es leben die Waisen, die für unsere Sprache kämpfen. Es lebe Ben Jehuda u. s. w.“ Im Lager unserer Gegner herrschtgroße Unordnung. Colien behauptet, der Konsul wäre listigerweise vorgegangen, die Polizei hätte Dr. Nathan gebracht. Dr. Nathan behaup- - tet, daß der Konsul die Polizei gebracht hätte, Bernhard Cohen droht mit Demission, wenn man nicht die Polizei wegnehmen wird. Am selben Tage hielt er in der Lelirerversammlung eine Hede in diesem Sinne. Die Begeisterung ist groß, es wird Geld (gUsammolt. vom Komitee für die hebräische Erziehung bängt viel ab. * * * Detfkuce'-neur des Mutessarflik Ie u'alein 3 Medschid Schevket veröffentlicht in der lokalen Hebräischen Presse folgenden Erlaß vom 30. Tischri 1329.: "Es ist uns zur Kenntnis gekommen, daß von gemisster Seite Agitationen gegen die Schulen, welche von deutschen und österreichischen Gesellschaften gegründet wurden, betrieben werden. Man verhindert die Schiil-er am Schulbesuch, versammelt sich um die Schulhäuser, beängstigt, bedroht, demonstriert und veranlaßt Handlungen, welche die allgemeine Ruhe und Ordnung der Stadt stören. Da es Eltern und Verwandten sreistcht, ihre Kinder in jede Schule zu schicken, welche mit Erlaubnis der Regierung gegründet wurde, einerlei ob die Schule ottomaniich ist oder nicht, hat Niemand das Recht sich in die Angelegenheiten des Anderen zu mengen; es darf Niemand die Ordnung durch Gewalttätigkeiten und Drohungen stören. Die Regierung ist entschlossen gegen alle diejenigen, welche sich erdreisten, der Verordnung zuwider zu handeln, nach der Strenge des Gesetzes zu verhandeln. ©earidjuei: Medschid Schevket, Gouverneur des Mutessarifiik Jerusalem. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die christlrchsozialen Mvralpächter. Wir sind nun einmal Juden und als solche durch langjährige Uebung daran gewöhnt, von unseren arischen Sittenpredigern täglich zu vernehmen, daß wir schon vermöge unserer Religion und unserer Rasse moralisch minderwertig sind; sittlich verderbt zur Höhe christlichabendländischer Moral uns nie cruffchwingen werden. Derlei eindringliche Strafreden hört man laut in allen Versammlungen unserer sittenstrengen! kDeutschncrtionalen und moralisch gefestigten Christlichsozialen; wir lesen dergleichen Deklamationen morgens und abends in frommen christlich-arischen Zeitungen. Nur hie und da dringt aus dem Gerichtssaal die Kunde von Geschehnissen in die Oesfentlichkeit, welche unsere arischen Sittenprediger in ihrer Nacktheit enthüllen, die arische Auffassung von Sitte und Gesetz, selbst bei den Trägern der Staatsordnung, in einer Weise illustrieren, daß man nicht umhin kann, das interessante Bild historisch festzuhalten. Einer der lautesten Schreier gegen semitische Moralverderbnis ist zweifellos der christlichsoziale Landesausschuß Joses Sturm. Seinem Kampfe gegen die semitische Korruption verdankt er es, daß er einer der Führer der frommen christlichen Partei geworden, ertragreiche Ehrenstellen erlangt hat, Reichsrats- und Landtagsabgeordneter geworden, Landesausschuß, k. k. Landesschulrat und Gemeinderat- Das alles als Belohnung für den erfolgreichen Kampf gegen semitische Verderbnis für die Reinheit der arisch-christlichen Moral. Nun brachte vor einigen Tagen eine Gerichts- Korrespondenz die Mitteilung, daß die Ehe des Beamten August Wagner, dessen Frau plötzlich verschwunden und nach England gezogen war, wegen Untreue, an der der christlichsoziale Landesausschuß Sturm beteiligt ist, vom Landesgericht geschieden wurde. So sieht also die christliche Moral und die deutsche Sitte ans, für welche der Herr Landesausschuß Josef Sturm, k. k. Professor, seit Jahren öffentlich den Verteidigung stampf gegen semitische Anfechtung führt. Gewiß ist es wahr daß es auch unter den Juden Ehebrecher, Diebe und Betrüger gibt; allein bei uns gelangen solche Männer nie zur Führung des Judentums, sie bleiben in ihren- Schranken. streben nie nach öffentlichen Ehrungen. In der arischen Gesellschaft, seitdem die Antisemiten die Herrschaft führen, sind es die Häuptlinge und Führer, die Moralprediger und Sittenrichter, welche im Gerichtssaal plötzlich in der Gestalt des Herrn Pros. Joses Sturm erscheinen. So sind die Fahnenträger der christlich-arischen Moral. Und noch einige Begleitumstände werdenenthüllt, welche das staatliche Leben unter der Herrschaft des Antisemitismus grell beleuchten. Die Eheftau des Beamten August Wagner erhält von der Polizei einen Auslandpaß zur Flucht nach England. Sonst wird einer Eheftau der Paß nur mit Bewilligung des Ehegatten ansgefolgt. Frau Wagner erhält einen solchen Paß auf Befürwortung — des Herrn Landesansschuß Sturm. Allein mich in den Augen des Richters hat der Ehebrecher sobald er im Strahlenglanz der antisemitischen Partei sich sonnt, eine Ausnahmsstellung. Das Gericht verurteilt die an geklagte Frau Wagner wegen Ehebruches mit einem „anderen Mianne" und die Ehe wurde geschieden. Das ist gegen die Gewohnheit der Gerichte, die sonst immer auch den Namen des „anderen" in das Urteil schreiben. Der Anwalt des Ehemannes. Dr. Viktor Rosenfeld brachte daraufhin eine Klage auf Berichtigung des Urteilstatbestandes ein; er