Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 2 Dr. Blochs Wochenschrift. dcl JEltei'ii und Schüler, Boykott, etc. aufs kräftigste unterstützt. Dem Ultimatum vorangegangen war eine plötzliche ^Demission der * meisten Lehrer der Hilfsvereinsschule in Jaffa: als Dr. Nathan in Palästina ankam, fand er die dortige Schule auf die Hälfte reduziert, statt 190 nur 90 Schüler. Die Hälfte war mit den al »rächenden Lehrern in ein anderes Schullokal übergegangen. Zu diesem unglückseligen Schritt hatten sich die Lehrer in Jaffa erst dann entschlossen, nachdem sie in einer Konferenz unter Vorsitz des Herrn Yellin dazu animiert wurden. Die einzige Antwort, die Herr Dr. Nathan geben konnte, war die Suspendierung der renitenten Lehrer.Diese Suspendierung hinwiederum wurde durch den sofortigen Austritt der Lehrer beantwortet, welche nach dem Beispiel der Jaffaer Lehrer einen Teil der Schüler unter großem Eklat und zumeist gegen den Villen der Eltern gewaltsam in ihre neue Schule schleppten. Sie fahren fort, die Schüler zu verhetzen und sie von Eltern und Schule abwendig zu machen. Die streikenden Schüler und Lehrer gingen, unterstützt von sozialistischen Arbeitern in ihrem Terrorismus so weit, daß die Behhörden entschreiten mußten, trotzdem sich die Schuldirektion die größte Mühe gegeben hat, eine solche Intervention zu verhindern. Abgesehen von den mitternächtlichen Demonstrationen vom sogenannten Beth-Haam aus, belagerten streikende Seminaristen und suspendierte Lehrer, unterstützt von ihren Helfershelfern, am 10. Dezember die Lämelschulstraße und veranstalteten vor der Lämelschule Szenen, die jeder Beschreibung spotten. Nicht einmal das Erscheinen der Polizei hat den Szenen Einhalt bieten können. Der Tumult vor der Lämelschule veranlaßte den deutschen Generalkonsul persönlich in die Mädchenschule zu gehen, um Ruhestörungen dort vorzubeugen. 'Verbreitete Gerüchte, daß die Polizei Lehrenaus dem Schullokal mit Gewalt entfernt habe, sind boshafte Erfindungen. Niemand wurde mit Gewalt entfernt, trotzdem die Lehrer die Kinder nicht unterrichteten, sondern sie verhetzten und durch Brandreden veranlassen wollten, ihnen in die neuen Schulen zu folgen. Der Terror ist bis heute noch nicht ganz behoben. Die Bedrohung der Eltern und die Verhetzung der Schuljugend nimmt ihren Fortgang. In einer Versammlung der Eltern der Schüler und Schülerinnen wurde gegen diese Vorgänge mit Entrüstung protestiert, dem Hilfsverein der Dank der Bevölkerung für sein segensreiches Virken ausgesprochen und der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß er unbekümmert um die gehässigen Angriffe sein Werk zum Heile der Jugend fortsetzen möge. Die Agitatoren begnügten sich nicht damit, die Schulkinder auf den Straßen «-egen Eltern und Lehrer zu verhetzen sie belagerten auch das „Jüdische Mädchenheim" ein musterhaftes und überall beliebtes Institut. Mitglieder der ..Poale Zion“ hielten sich Tag und Nacht vor diesem Institut auf. versetzten, unschuldige Waisen in Angst und Schrecken und forderten sie durch eingeschmuggelte Hetzbriefe zur Gehorsam Verweigerung auf. Aber trotz der feindseligen Angriffe einer böswilligen Partei sind die Unterrichts ans talten des Hilfsvereines ebenso wie die österreichische Lämelschule intakt geblieben und der Unterricht wird regulär fortgesetzt mit relativ nur wenig reduzierter Schülerzahl’. Die Demoralisation, welche die Hetzarbeit geschaffen, wird — das ist das Traurigste an der ganzen Sache — noch lange nachhalten. II. Aus einem hebräischen Privatbrief an einen Sephardi in Wien. Zwei Wochen habe ich Dir nicht geschrieben, weil ich keinen Moment Zeit hatte. Jeden Tag arbeiteten wir von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags. Dies alles des großen Kampfes wegen für die hebräische Sprache, in welchem wir uns jetzt befinden. Es war vor drei oder vier Wochen, da kam die erschütternde Nachlieht betreffs des Technikums, die uns alle in größte Aufregung versetzte. Eine Volksversammlung wurde einberufen, Ben Jehuda hielt, eine Rede, eine scharfe Protestresolution wurde . angenommen. Nach zwei Tagen war eine zweite Versammlung unter freiem Himmel gegenüber der Lämelschule; es präsidierten Ben Jehuda, Disenhof, Sch. Ben Zion, Ben Ascher u. s. w. Eine große Begeisterung, umso mehr, da einen Tag zuvor, 80 Schüler des Lehrerseminars den Streik erklärt haben. Ben Jehuda schrieb den bekannten Brief an Dr. Nathan und schickte ihn nach Berlin. Zwei Tage nachher erfuhr man, daß Dr. Nathan kommen werde, Nathan sei auf der Reise. Am folgenden Tag gegen Mittag war Dr. Nathan in Jerusalem. Inzwischen streikten in Jaffa die Schüler der Knabenschule und unsere Leute öffneten sofort ein neue Schule. I)ie Leute von Jaffa kamen nach Jerusalem ein Komitee zu gründen für die Erhaltung der hebräischen Erziehung in Jaffa und in Jerusalem unter dem Vorsitz Ben Jehudas. Ben Jehuda schickte an I)iv Nathan eine Kopie seines Briefes. Nathan dankte und lud ihn zu sieh ein, um die Angelegenheit zu besprechen. 'Tagtäglich waren im Hause Ben Jehudas Versammlungen von 20 bis 30 Personen, das waren die Vertreter der nationalen Organisationen aus Jaffa, den Kolonien und Jerusalem. Ben Jehuda ging zu Dr. Nathan. Es kamen auch Frau Ben Jehuda, Diesenhof, Hofien, Bezalel Jafe, Eisenberg, Kluriski u. a. Nichts aber konnte inan ausrichten, Dr. Nathan forderte, unbedingte Unterwerfung, nachher wolle er unterhandeln. Wir aber forderten, zu allererst das Prinzip anznnehmen, ,,Hebräisch als Unterrichtssprache in allen Schulen." Dr. Nathan antwortete jedoch, daß er das nicht tun kann ohne die Zustimmung seiner Berliner Kollegen. Wir forderten wenigstens vorläufig hebräisch zu unterrichten, und daß er uns nachher aus Berlin weitere Weisungen geben solle. Er behauptete abeL, das wäre eine Kapitulation seinerseits, das könne er nicht. Er begann aber trotzdem nachzugeben. Es scheinha her, daß Efraim Collen ihn daran verhindert hat, und ilm in die größte Aufregung versetzte Ein Teil der Seminarlehrer und alle Lehrer der Mädchenschule legten ihr Amt nieder. Unsererseits beschloß man ein neues Seminar und eine neue Mädchenschule zu eröffnen. Auch Dr. Nathan und Cohen beschlossen ihrerseits ein Lehrerseminar zu eröffnen und die Mädchenschule zu hallen, wenn auch kein einziger Lehrer sein sollte. Es kam der Tag der Eröffnung ihres Seminars. In aller Frühe schon standen bewaffnete Polizisten vor demselben. Draussen standen zwei Reihen der Streikenden, dazwischen gingen die verräterischen Streikbrecher hindurch, dreißig an der Zahl, die tags zuvor am Kommers Dr. Nathans und Cohens teilgenommen hatten. Die Erregung im Publikum war groß, der Polizei wegen, die man gebracht hat. Cohen jedoch lachte angesichts dieser Erregung und ging umher wie ein Sieger im Hofe der Lämelschule. Da aber entstand in der Lämelschule ein großer Tumult. Zwei Hassen verließet das Gebäude und folgten ihren vertriebenen Lehrern. Cohen, Goldschmidt und die Diener liefen ihnen nach, und schleppten, sie zurück., DieKinder aber, die man durch das Tor in den Hof hineinstieß, entschlüpften wieder, indem'sie über das Gitter kletterten. Von dort gingen sie in einem großen Zuge zur Mädchenschule. Dort war alles in Ordnung, d. li., man lernte nicht, sondern in jeder Klasse sprach, der Lehrer über den Kampf wegen des hebräischen. Da erschienen plötzlich in der Schule: der deutsche Konsul, Bernhard Cohen, Efraim Cohen, alle verräterischen Lehrer, gefolgt von bewaffneten Polizisten. Darauf protestierte die Leiterin Frau Pinczewer (Deutsch untert.j vor dem Konsul und vor allen gegen diesen Skandal, daß man es gewagt hat, bewaffnete Polizei in eine Mädchenschule hineinzubringen, trotzdem hier vollständige Ruhe geherrscht hat. Unter den Mädchen aber entstand eine große Panik, und ein Gejammer, so daß man es in einigen Gassen hören konnte; alle stürzten hinaus und niemand konnte sie mehr zurückhalten. Die Lehrer \ wurden gewaltsam entfernt, die Schule blieb leer und wurde geschlossen. Eine große Menge sammelte sich um den Konsul. Efraim Cohen und seine Leute zogen leer ab. Frau Pinczewer nannte laut den Cohen einen „Levantiner“, einen Lügner, daß er an allem schuldig sei, und alles in Anwesenheit des Konsuls. Wir aller halten viele Versammlungen ab, und suchen bereits Wohnungen für (drei Schulen, für das Lehrerseminar, eine Mädchenschule und eine Knabenschule, denn in der Lämelschule streiken die obersten drei Klassen. -Wir verbreiten Flugschriften, in welchen die Eröffnung unserer Schulen angezeigt wird. Auch jene plakatieren ihrerseits,, daß in ihren Schulen alles in Ordnung sei, und raten den Eltern ihre Kinder strenger zu überwachen. Am andern Tag kamen in ihre Mädchenschule ungefähr 50 Schülerinnen (statt 450), zu uns kamen 150, die übrigen blieben zuhause, um das Ende abzuwarten. Natürlich wird ihnen mit 50 der ärgsten Schülerinnen, ohne Lehrer und ohne Leitung, ein bischen schwer sein, Stand zu halten. Rokacli wurde zum Leiter der Schule ernannt, Frau Weinberg als Lehrerin(l) Salman Ben-Towim auch ein Lehrer, der Diener Jussuph. der Yemenite — auch ein Lehrer, bei Frau Mayer. (Frau des Buchhändlers) stahl'man die Magd und ernannte sie zur deutschen Lehrerin! Natürlich machten sie sich mit solch einer Schule auch bei ihren Anhängern lächerlich. Am anderen Morgen um acht Uhr früh kamen Dr. Nathan, Frau Cohen, Herr - Cohen, und Goldschmidt ins Mädchenwaisenhaus. Alle saßen noch beim Frühstück.