Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 Dr. Btochs Wochenschrift. Nr. 1 und kulturellen Verhältnisse wieder eine große Brüderschaft, resp. Schwesterschaft zu machen, schwebt Frl. Pappenheim als ideales Ziel vor. — Wenn wir zu dem konkreten Programm übergehen, wird sich die Wiener, im Wohltun seit einem Fahrhundert so eingeübte Frauenwelt diesen Wpg wohl selbst in eigener Richung bahnen müssen. Die Diskussion an der sich so hervorragend wirkende Frauen, wie Regine Ullmann, Sofie Grünfeld und andere, ferner besonders schneidig das junge Frl. Paula Roth, eine große Hoffnung für unsere Zukunft, und namentlich auch Herr Heinrich Mendl beteiligten, erwies, daß Frankfurter Verhältnisse nicht ohne Weiers auf Wien übertragen werden können. Auch haben die Wiener Frauen schon bisher so Hervorragendes geleistet, daß sie wie FrauAntonie Graf als Ausspruch der kompetenten Richterin Marianne Hainisch zitierte, für die christliche Armenpflege mustergiltig waren, keineswegs von ihr zu lernen haben. Die künftigen Schritte einzuleiten und den Weg zu bahnen, wurde auf Vorschlag der Fron Benedikt aus der Versammlung ein achtzehngliedriges Komitee gewählt, welches gänzlich unverbindliche Vorarbeit zu leisten hat. Tie Versammlung entschied sich für folgende Damen i Thekla Blech-Mervin, Clotilde Benedikt. Frl. Lea Bondy, Eugenie Frank. Elsa EhrlickfiFränkl, Sofie Grünfeld, Dr. Hopfinger, Frl. Gemma Lettner, Hermine Kadisch, Luise Kuffler, Helene Kuranda. Anita Müller, Hermine Pisko, Sofie Quittner, Frl. Paula Roth Mal' vine Schütz. Regine Ullmann, Rosa Wien, Ella Zi'ner- Zwieback. Hierauf dankte Frau Dr. Hopfinger der Vorsitzenden für die glänzende parlamentarische Führung und Frau Ulmann schloß die Versammlung. Das Komite wird seine Vorarbeiten erst nach Neujahr beginnen. Aber schon heute rufen wir hiermit schon alle zu uns, Vereine und einzelne, die sich um ein edles Ziel scharen wollen- Wir erwarten den Beitritt jeder Frau, der vornehmen und geringen, der peinlich frommen und der fortschrittlichen, der Matrone, die, auf reiche Lebensarbeit in der Armenpflege zurückblickend, doch mit den Forderungen der Gegenwart und Zukunft in lebhaftester Fühlung steht, sowie des jugendsrischen Mädchens, das die Zeit anders, als mit Tand und Flirt aussüllen will, bis die Pflichten der Ehe an sie herantreten. Wir erwarten die glückliche Familiennmtter, die einen Teil ihres Sonnenscheins in die Höhlen der Armut und es sind oft schauderhafte Höhlen — dringen lassen will, wir erwarten die gramgebeugte Witwe, die einsame Frau, die in erfolgreicher Arbeit sich geistige Werte als Ersatz für verlorenes Glück schafft. Namentlich rechnen wir auf jene , wachsende Zahl von Mädchen, die sich zur Ehe nicht entschließen können und die gerade in sozialer Arbeit eine Befriedigung finden kverderr, die sich ihre so zahlreichen angelsächsischen Schwestern jedes Glaubens zu beiden Seiten des Ozeans schon lange geschaffen haben. Wenn auch Wien den Ideen der beiden Proponentinnen keineslvegs so fremd gegenüber gestanden ist, als beide zu meinen schienen — hat doch Frau Dozent Grünfeld seit einem Dezennium, Frau Rosa Zifferer kurz vor ihrem Tod in einem glänzenden Referat, Frau Fränkel- Ehrlich in politischen Blättern und ich an dieser Stelle sie in letzten Fahren wiederholt verfochten, so bedarf es in Oesterreich leider off des Sturmwindes aus dem Westeil, um hier schlummernde Keime zur vollen Entfaltung zu bringen. Es ist nicht Opfer an Geld — der Jahresbeitrag ist mit einer Krone festgesetzt, — die wir verlangen, sondern solche an Zeit, an Selbstzucht, an Eigen- und Nächstenliebe- Wir gründen eigentlich keinen neuen Verein, wir wollen nur die Sannnelstelle sein, wo die Leistungen der einzelnen Vereine zufaminenfließen, wir wollen, der Biene gleich, das Gute der einzelnen Vereine konzenriert in die Behausung des Armen in möglichst rascher Weise tragen. Wir verhehlen uns nicht, daß unser Ziel nur in engster Gemeinschaft und unter dem fördernden Wohlwollen der Kultusgemeinde, der Zentralstelle des Muster- Wvchnerinnenverbandes und aller einzelnen so trefflich geführten Wiener Frauen- und Männervereine erreichbar ist. Wir hoffen, daß wir über Jahessrist rufen können: Die Armut rief und alle, alle kamen. Sollten aber unsere Hoffnungen trügerisch gewesen sein, so wäre es nicht zur Ehre Wiens, den: Grenzgebiete zweier Kulturen, wenn es sich dort allein ausschließen wollte, wo die Frauen Deutschlands, nnd sicherlich auch die Ungarns und Böhmens, sich vereinen. Tann bliebe uns nur das Bewußfein, das Beste gewollt zu haben und die Hofftrung, daß nach uns ein anderes Geschlecht heranwachsen wird, welches dieselben guten-Absichten hat, wie wir, aber besser geistig nnd ethisch herangebildet ist, sie durchzusühren. Clonlde Benedikt. Israelitischer Humanitäts-Verein für die westlichen Bezirke Wiens. Am 17. Dezember 1913 fand im neuen Freitischlokale VI., Esterhazygasse 30, Restaurant Rosenberger, die diesjährige Generalversammlung dieses Vereines statt. Derselben wohnten nebst zahlreichen Mitgliedern mehrere Gäste bei, und zwar Herr Kultusvorsteher Dr. Jakob Engel in Vertretung der Kultusgemeinde und zugleich als Präsident des Tempel- sowie als Ehrenpräsident des Frauen-Wohltätigkeits- Bereines, die Vorstandsdamen des letztgenannten Vereines, Frauen Josefine Engel und Rosa T a g l i ch t, das langjährige Ehrenmitglied Herr Dr. Josef.' Samuel Bloch und die Funktionäre des Bezirkstempels die Herren Rabbiner Dr. I. Taglicht und Oberkantor L. D ü n m a n n. Der Präsident Herr Dr. Karl L ö w y begrüßte die genannten Gäste sowie alle anderen Erschienenen und erstattete, nachdem das Protokoll der vorjährigen Generalversammlung verifiziert worden war, den Jahresbericht. Aus demselben ist hervorzuheben, daß sich die allgemeine Wirtschaftskrise naturgemäß auch im Budget des Wohltätigkeitsvereines äußern mußte, indem einerseits die Anforderungen größer, anderseits die Zuflüße und Spenden geringer wurden. Hinsichtlich der Freitische ergab sich die Notwendigkeit, einen Wechsel im Lokal eintreten zu lassen und hat sich derselbe bisher als äußerst vorteilhaft erwiesen. An den Jahresbericht und dem von Kassaverwalter Herrn Hermann König erstatteten Kaflabericht knüpfte fich eine längere lebhafte Debatte, in deren Verlauf Mitglied Lemberger den Vorschlag machte, hehufs Popularisierung des Vereines den heute schon vielen Leuten ganz unverständlichen Namen „Nachlat Jeschurun" zu streichen und lediglich „Freitisch"-Verein zu sagen. Dieser Vorschlag wurde jedoch von mehreren Rednern energisch bekämpft, u. a.von Herrn Dr. B l o ch der in seiner äußerst interessanten Weise die Verhältnisse Amerikas zum Vergleiche heranzog. Auch Rabbiner Dr, T a g l i ch t sprach sich gegen die Namensänderung aus. Der Präsident Dr. L ö w y erledigte die Sache zur Zusiicdenheit des Antragstellers mit der Mitteilung, daß dem Wunsche desselben in der Praxis ohnedies vielfach schon Rechnung getragen werde, eine förmliche Statutenänderung jedoch untunlich sei Eine Anregung des Mitgliedes Liebermann auf Erhöhung des Bereinsbeitrages auf 18 Kronen jährlich wurde vom Vorstande ebenfalls bekämpft.. Rach Abschluß dieser Debatte wurde dem Vorstande auf Antrag der Revisoren das Absolutorium erteilt und sodann zu den Wahlen geschritten. Dieselben ergaben die einstimmige Wiederwahl der ausscheidenden Vorstandsmitglieder, Herren Adolf Hirsch, Richard Knepler und Jakob Winkler, während an Stelle des ebenfalls ausscheidenden Herr Moriz T i l l e r, der wegen vorgerückten Alters auf eine neuerliche Kandidatur verzichtete, Herr Richard T e w e l e s neugewählt wurde. Zu Revisoren für das kommende Jahr wurden die Herren Adalbert Bräe und Ludwig Liebermann bestellt. Auf die Generalversammlung folgte in gewohnter Weise ein gemeinsames Abendessen der Teilnehmer, in dessen Verlauf mehrere Toaste ausgebracht wurden.