Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Heite 4 $)t. Bkochs Wochenschrift. Nr. 4 den galizischen KultuSgeineindcn die größten Vorteile bringen würde, bisher nicht Zustandekommen konnte. Herr Grobtuch ist also im Unrecht. Eher hätten die westösterreichischen Juden Ursache, sich über ihre Behandlung durch die galizischen Juden in den vitalsten Fragen zu beklagen. Herr Grobtuch schließt seinen Artikel mit der Ausforderung an die galizischen Juden in Wien: „Organisiert Euch!" Zweckdienlicher und loyaler wäre cs, diesen Appell an die galizischen Kultusgemei'n'd'en zu richten: Organisiert Euch! Ein KultuLvorsteher einer westöstereichischen Provinzgeinemde. Dr. Wilhelm Fächer. 1850—1913. Tie orientalische und jüdische Wissenschaft, die un- ^arisäie Judenbeit bat einen unersetzlichen Verlust erlitten: der Rektor des Vudapester Rnbbinerseminars Tr. Wilhelm Bacher ist in der Nacht vom 24auf den 25. d. im 64. Lebensjahre von schwerem Leiden, an dem er seit dem Frühjahr laborierte, erlöst worden. Bacher war die Verkörperung des Typus des nur seiner Wissenschaft lebenden, bescheidenen Gelehrten, aber der Ruf seiner Gelehrsamkeit war weit über die Grenzen Ungarns, ja bis über den Ozean gedrungen, und wenn man die berühmtesten Orientalisten und Hebraisten erwähnte, nannte man ihn in allererster Reihe. Er war eine Leuchte in Israel, wirkte aber auch auf die allgemeine Wissenschaft befruchtend, besonders auf die vergleichende Sprachwissenschaft und Völkerkunde. Wie jeder wahre Gelehrte auch für die Allgemeinheit wirkt, so hat auch er zur Belehrung, Erleuchtung und Erhebung der ungarischen Judenheit beigetragen, in erster Linie durch die Herausgabe der neuen ungarischen Bibelübersetzung, an welcher er nebst anderen Gelehrten Jahre lang arbeitete und der er die letzte Vollendung angedeihen ließ. Als seine Verehrer und Hörer ihn vor kaum vier Jahren anläßlich seines 60. Geburtstages feierten, dachte wohl Niemand daran, daß der zwar nicht robuste, aber rüstige Mann, dessen sonores Organ sich den Hörern ins Ohr schmeichelte, durch eine mit Influenza einsetzende tückische Krankheit so rasch dahingerafft würde. Tie allgemeine Teilnahme wendet sich der treuen Lebensgefährtin des Verblichenen, der ausgezeichneten Professorin an der höheren Mädchenschule' geb. Ilona Goldzieher zu, welche die schönste Seelenharmonic an ihren unvergeßlichen Gatten knüpfte. Möge sie Trost und Linderung finden in dem Bewußtsein, daß ihr unermeßlicher Schmerz von der gesamten ungarischen Judenheit geteilt wird. Tr. Wilhelm Bacher wurde am 12- Januar 1860 in Lipto-Sz.-Miklos geboren. Er entstammte einer alten jüdischen Familie, die ursprünglich Bacharach hieß und im Verlaufe von Generationen eine lange Reihe jüdischer Gelehrten hervorgebracht hat: fein Vater selbst, Simon Bacher, der als Kassier bei der Pester israelitischen Gemeinde wirkte, war ein hervorragender hebräischer Dichter, der Lefsing's „Nathan der Weise", Gedichte von Petöfi, Vörösmarty etc. in vollendeter Weise ins Hebäische übertrug. Seine Mittelschulstudien absolvierte er in Beßterczebanya und am Pozsonyer evangelischen Lyceum, dann bezog er die Universitäten von Budapest und Breslau. Seine theologischen Studien absolvierte er am Breslauer Rabbinerseminar. 1876 wurde er Rabbiner der Szegeder Kultusgemeinde und 1877 Professor an dem damals eröffneten Rabbinerseminar. Hier war Wilhelm Bacher bis an sein Lebensende tätig, nach dem Ableben Moses Blochs als Präsident und seit 1912 als Rektor. Anläßlich seines 60. Geburtstages veranstalteten im Jahre 1910 — wie schon erwähnt — seine ehemaligen Schüler eine große Feier und der König verlieh ihm den Eisernen Kronenorden 3. Klasse. Er und Joseph Banoczi waren die Begriinder der Zeitschrift „Magyar Zsido Szemle", und er rvar es, der im Vereine mit Tr. Joseph Banoczi und Dr. Samuel Krauß die neue Uebersetzung der Bibel ins Ungarische leitete. Er hat nrca fünfzig größere selbständige Werke erscheinen lassen und in hebräischen, ungarischen, deutschen, englischen, französischen und italienischen Zeitschriften etwa 600 Abhandlungen veröffentlicht. Er war anerkannt einer der hervorragendsten Bibelforscher unserer Zeit und auch von den christlichen Fachgelehrten als einer der berufensten Deuter der Heiligen Schrift angesprochen. Seine Schüler waren ihm in geradezu schwärmerischer Liebe zugetan. Von seinen größeren Werken führen wir die folgenden an: Nizamis Leben und Werke (mit persischen werten als Anhang); Die Agada der babylonischen und palästinensischen Amoräer und Die Agada der Tannaiten (in mehreren Bänden), Sadi's Aphorismen. und Sinngedichte (mit Subvention der kaiserl. Akademie in Wien herausgeben). Die Bibeleregese Moses Ahaimuni's etc. Er war Hauptmitarbeiter der Jewish Encyclopädia' redigierte Jahre lang im Vereine mit Banoczi das Jahrbuch des ung.- isr. literarischen Vereins etc. Seine letzte, noch nicht veröffentlichte Arbeit war eine volkstümliche ungarische Bibel, die sich in seinem Nachlasse vollendet vorfinden dürfte. Merka»t»r Mayer Scharr s. A. Am 1. Chanukataze, am 24. Dezember, verschied im 56. Lebensjahre Oberkantor Mayer Scharr vom Bethause „Bet-Jsrael", II., Leopoldsgasse, Vizepräses des österreichisch-ungarischen Kantoren- Vereines, ein nicht nur in seiner Synagogengemeinde, sondern innerhalb der großen Wiener Judenschaft und in Fachkreisen allgemein geachteter und beliebter Mann von lauterem Charakter, ein Meister in seinem Fache, dessen Hinscheiden den vielen Tausenden, die ihn gekannt und verehrt hatten, unerwartet kam und alle in aufrichtige Trauer versetzte. Das zeigte auch die imposante Leichenfeier am 26., um 10 Uhr vormittags, die vom Hause, II., Obere Donaustraße 47 aus stattfand. Kopf an Kopfstanden sie alle, schier unzählbar, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Oberkantor Bauer vom türkisch-israelitischen Tempel, der Präsident des österreichisch-ungarischen Kantorenvereines, nahm im Namen der zahlreichen Vereinsmitglieder und Kollegen in der Wohnung von dem Dahingeschiedenen, dessen Sarg seine aufopfernde Gattin und die fünf wackeren Söhne weinend umstanden, rührenden Abschied und unter den Klängen des 91. Psalms, vorgetragen von Oberkantor Morgen st ern und begleitet von allen Oberkantoren, Kantoren und Synagogensängern Wiens, wurde der Dahingeschiedene aus der Wohnung getragen. Ein unabsehbarer Zug Wiener und auswärtiger Trauergäste begleitete den Totenwagen bis zur Synagoge in der Leopoldsgasse, an der Oberkantor Schorr zwanzig Jahre sein heiliges Amt versehen hatte. In der Vorhalle daselbst, wohin der Sarg gebracht wurde, nahmen Freunde und Leidtragende vom Toten Abschied und ein großer Zug von Wagen gab dem Verstorbenen das Geleite bis zum Zentralfriedhof, wo schon viele die Ankunft des Sarges erwarteten. Mit tränenerstickter Stimme trug Herr Oberkantor Morgenstern unter Mitwirkung fast sämtlicher im Ornate erschienenen Wiener Kantoren, die rituellen Totengebete vor und nachdem die letzten Töne verhallt waren, trat Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. B a ch an die Bahre. Er hob die vielen guten Eigenschaften des Verblichenen hervor, gedachte seiner großen Verdienste nm alle Vereine, denen er angehört hatte, der hohen Gesangskunft, mit der er seine Zuhörer zur Andacht begeisterte und pries ihn als besten Gatten, Vater und echten Menschenfreund.