Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S.-ite 2 Dr, Blochs Wochenschrift. Nr. 1 mit den Antisemiten bleibt, die doch auf Schritt und Tritt eine entschiedene Gegnerschaft finden müjsen, wenn sie nicht allzu übermütig werden sollen. In den Spalten unseres Blattes Haben oft auch die parlamentarischen Verteidiger des Judentums Anregungen und Stofs gefunden und manches Wort ist auf öffentlicher Tribüne gesprochen worden, das zuerst in unserem Blatte stand. Neben dieser zerstörenden Tätigkeit wurde auch eine aufbauende von gewiß nachhaltiger Bedeutung geleistet. Die „Oeslerreichilche Wochenschrift", welche zuerst vor einer Wandlung in Liberalismus warnte, hat auch zuerst die Juden aufgefordert, sich auf ihr eigenes Gebiet zurückzuziehen und sich dort geistig und politisch zu wappnen. Man hat schließlich ihre Ideen in die Praris umgesetzt und eine Reihe von Organisationen gegründet, welche speziell dem Judentum dienen. Um die größte davon hervorzuheben, nennen wir: Den österreichisch-israelitischen Gemeindebund und die österreichis'ch-i,raeliti,che Union, den galizischen Hilfsverein, das Ferienheim. Sie alle sind zuerst am Papier der „Oesterreichlschen Wochenschrift" und dann erst im Leben gestanden. Ihre Gründung ist ein Teil des Programmes, das wir feit je vertreten haben und weiter vertreten werden. Wn haben stets die Forderung aufgesiellt, daß die Juden sich zusammenschlietzen und ihren Besitzstand an Rechten, an geistigem und materiellem Vermögen, mit stolzer Selbst' ständigkeit für sich verteidigen und benützen mögen. Wir sind der oft bestätigten Ansicht, daß unsere andergläubigen Freunde den Schutz für uns als eine Gabe und ein Geschenk betrachten, während wir vor den Gesetzen und Behörden durch unsere Arbeit, unsere Loyalität, unsere Redlichkeit, ein Recht darauf haben, zu fordern, staU zu bitten. In diesem Sinne sind wir bei den letzten Wahlen in Wien und den Provinzen aufgetreten. Noch ist die große Einigung nicht erfolgt, aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß sie noch kommen wird, da gute Ansätze dazu vorhanden sind. Jedenfalls werden wir nach wie vor unablätzig dahin wirken, wie überhaupt urfer Gedenktag alles eher als einen Tag der Aenderung bedeutet. Unseren Feinden einen unermüdlichen Gegner, dem Judentums ein durch keinerlei Anfechtungen umzustimmender publizistischer Freund und Berater, geht die „Oesterreichische Wochenschrift" in ihr viertes Jahrzehnt über und bittet ihre und alle Freunde des Judentums ihr als Vorkämpfer die notwendige Unterstützung nicht zu versagen. Eine antisemitische Prrtzbüberei. In den „Deutsch-Sozialen Blättern" Nummer 103 vom 24. Dezember 1913 liest man unter der Ueberschrift „Rabbiner über „bekehrte" Juden" einen Artikel, der ein klassisches Dokument bildet der skrupellosen Verlogenheit der Feinde des Judentum, ob diese nun in Kreisen des politischen Antisemitismus oder in jenen der Iudenbekehrnngsgesellschaften ihr Unwesen treiben. Wie einst in grauer Vorzeit die schamlose Unzucht als Gottesdienst betrieben wurde, so wird gegenwärtig in Kreisen der Judenhasser aller Sekten ein einziger Kultus geübt, der Kultus der schamlosen Lüge. Nachstehend bieren wir den Artikel in vollem Wortlaut: »Dem Nachricbtenblatt der Berliner Judenmission Nr. 4 entnehmen wir folgende sehr bemerkenswerte Stellen: Lin Zeichen unserer Zeit. Nach G. M. Löwens Bericht: Der jüdische Missionär Christ Rosen I»erg teilte unserem Missionär Löwen in Wien mit, daß daselbst in der Stadt- Synagoge der Oberrabbiner am Schabuoth- (Wochen-) Feste eine Predigt über Hes. 8, 7—11 gehalten habe. Der Redner sprach von dem Greuel der Kinder Israel, den der Prophet erblicke. Das benutzte er so, daß er, zum Fenster hinaus, jene jüdischen Männer andonnerte, die am Judentum Verrat übten, zu den Nichtjuden hingingen und ihnen talmudische und sonstige rabbinische Stellen überlieferten, die heute keine Geltung mehr hätten, den Nichtjuden aber ein großes Aergernis gäben. Diese Verräter hätten den Judenhaß geschaffen. und sie seien es, die ihn noch heute erhielten und förderten. Die Nichtjuden würden von all den Stellen keine Kenntnis haben, wann verräterische Juden sie nicht gesammelt, übersetzt und den (Unkudigenbpreisgegeben hätten. Gegen diese Abtrünnigen und Getauften unter dem Volke müsse alle Zeit mit Macht angekämpf! werden. Das seien die schlimmsten Feinde der Juden, viel schlimmer als die arischen Antisemiten es wären. »Nach Schluß der Predigt ist, — so erzählte Rosenberg unserem Missionar, — dem Oberrabbiner am Tor ein jüdischer Mann entgegengetreten, der ihn darüber zur Rede stellte, daß er das Bibelwort so verdreht und mißbraucht habe. Der Prophet habe doch von Talmud und llabbinismus noch gar keine Ahnung gehabt und deshalb wohl auch nicht von den Verrätern des Talmud reden können. Er selber v e rd am me den Talmud, obgleich er ein guter Jude sei und der Synagoge angehöre. — „Sie sinu entweder Zionist oder Sozialdemokrat“, antwortete der Rabbiner. Der Mann darauf: „Halten Sie mich für das eine oder das andere. Das ändert nichts an der Sache, daß Sie eine unwahrhafte Anwendung des Prophetenwortes dargeboten haben, die geistig tote Gemeinde noch mehr einschläfern. Die Propheten haben dem Volke einst die Wahrheit verkündigt, Sie verdrehen und vertuschen Sie. Tun Sie es lieber nicht mehr so« »Ein grober Kreis von Männern und Frauen haben dem Gespräche beigewohnt, und der Oberrabbiner war froh, als jener Mann ihm endlich die Bahn freigab.« „D der B.r fit gibt tu trunefur Hinst t>t z i betiftn. Ec bestätigt, hast noch Heute jener jüdische Haß lebendig ist, der selbst vor dem Aeßersten nicht zurückschreckt, wenn es gilt, einen gefährlichen Gegner zu beseitigen. Er zeigt, wie diesem Haß alle anderen Regungen untergeordnet werden, wie sich die geistigen Leiter Israels bemühen, ihm allenthalben zum Siege zu verhelfen. Dann aber tritt auch klar daraus hervor, welch eineEefahr für das Judentum die llebersetzung des Talmud bedeutet.' „BKnn scho! die Bekanntmachiina cintelner Sollen emeu solchen Sturm der Entrüstung entfesselt, wiemag erst die Aebersetzung des ganzen Talmud wirken! De: H.rr Oberrabbirer betont um, daß jene von ge.a.iften Juden bekannt gegebenen S eilen heute nicht mehr in Gebrauch seien; das entlaste naiür i) nicht, denn es stellt sich al ein: bloße Behaupt.mg dar, die überha p nicht nicht objekti; bewiesen werden kann. Bewiesen weben kann aber, ob in derartigen Ueoer eßungen eine Fälichung ro'riegt; und da geht der Herr Obe raübiner sorgsäliig drum herum." „Warum ist er so m ßlos erregt üoer diese Uev-ns,tzunaen, die übrigen; in der Hauptsache auf den Arier Eisenmenger zurückg hen? Warum ne in er Jude i, die de ' Talmui» über etze i, B rrä e.? Äenn der Talmud ein kulturförde.des Buch ist, dann kann e doch auch ohn: weiteres zugänglich gemacht werden. Da; Judentum liebi es doch immer, sich un; als besondere Kulturnaiion vo^ustell'n. Weshalb ist es daher so hartherzig, uns die Dokumente seiner Kultur vorzucn halten? Wir Deutsche sind doch fremden Kul ur chätzen gegenüber sehr aufnahmsfähig. Und es gi.'t doch sicher genug Leute, d.e sich die Mügr machen würden, das Werk durch^anuo-rren." Soweit der lügnerische Arikel. Es braucht kaum hinzugesügt werden, daß an der ganzen Erzählung nicht ein einziges wahres Wort zn finden ist- Oberrabbiner Tr. Güdemann hat weder am Wochenfeste noch sonst irgend emmal eine derartige Predigt gehalten und ebenso erlogen ist natürlich die Erzählung von dem Manne, der an^eblich den Oberrabbincr wegen seiner Predigt zur Rede gestelli hätte. Natürlich wird da auf die Leichtgläubigkeit und die Unwissenheit der großen Menge spekuliert, der es unbekannt ist. daß gerade von jüdischer Seite eine Uebersetzung des Talmuds so ost unternommen worben, daß bereits eine „Kritische Geschichte der Talmud-Uebersetzungen" geschrieben werden konnte. Der Talmud wurde von den^zuden sehr früh io die Sprachen der Lanber ihrer Wohnorte übersetzt. Im 10. Jahrhundert war es R Joseph ben Isaak Stonos, der mehrere Tractate des Talmuds arabisch übersetzte. Im