Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 52 (26.12.1913)
- Date
- 1913-12-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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deite 9L2 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. br Umstande, als es wahrscheinlich nicht unbekannt ist, daß der Zar die Zarin sterblich geliebt hat, drängt sich wohl die Frage aus, woher eigentlich diese Tragödie kommen mag. Aber eben deshalb, weil der Zar die Zarin geliebt hat und noch liebt, dieser Umstand eben war die Grundlage dieser düsteren Tragödie, deren stumme Zeugen die Wände des zarischen Hofes gewesen sind. Der Zar wollteeinenSohn haben, um in dessen Hände das Szepter legen zu können. Indessen lesckenkte ihn die Zarin bei jeder Entbindung mit einem Töchterchen, obgleich der Zar das Schlafzimmer der Zarin häufig ausgesucht hat, von wo man ihn oft ohnmächtig heraustrug und obgleich er sich des öfteren von den allerersten Autoritäten auf medizinischem Gebiete untersuchen ließ und sich den von ihnen angeoröneten Kuren unterzog und endlich, obwohl er sogar zu einem Rabbiner Zuflucht nahm und denselben zwecks Beratung in die Burg kommen ließ. Väterchen Zar geriet in eine schreckliche Verzweiflung, die in einen grezenlosen Zorn ausartete und sich über den Kopf der Zarin, über die Köpfe der Aerzte, der Dienerschaft und auch der Minister ergoß. Nach jeder Entbindung der Zarin wurde die -arische Burg geradezu in eine Hölle verwandelt, die sehr vielen Persönlichkeiten unerträglich war und als die Aerzte den Mut hatten, den Zaren darauf aufmerksam zu machen, daß jede Hoffnung auf einen männlichen Nachkommen ausgeschlossen sei, überstieg die Wut des Zaren alle Grenzen. In dieser mißlichen Situation begann man, den Zaren zu einem Kompromisse mit seinen eigenen Mannesgefühlen, mit seinem Stolze, mit seiner Eifersucht zu veranlassen. Man schob ihm namentlich den Gedanken unter, ja das Väterchen wurde sogar dazu gedrungen, daß er auf — einen gewissen Gardeofsizier einaebe. der im Offizierkorps den Namen „Männerschneider" trug. Der Zar erklärte sich notgedrungen mit dem Gardeofsizier einverstanden, war aber blaß wie eine Truppe und der Schweiß rann in Strömen von seiner Stirn, als er das leise Jawort von sich wren ließ. Auch die Zarin erklärte sich damit einverstanden, um den unausstehlichen Vorwürfen des Zaren ein Ende zu machen und die Minister haben diese Proposition bestätigt und sich mit einem feierlichen Schwur zum Schweigen verpflichtet. Als Kompensation wurden dem Zaren die allerschönsten Mädchen versvrocken und er lebte einige Zeit wie ein türkischer Pascha. Dagegen wurde das Schlafzimmer der Zarin dem Gardisten geöffnet, der ein gesunder, wunderschöner junger Mann war, für den die Petersburger Frauen nicht wenig geschwärmt haben. Selbst die Zarin gerußte auf ibn ohne Abscheu zu blicken und die Atmosphäre des Schlafzimmers verband die Verliebten noch stärker als es nötig war. Die Zarin verriet es nickt dem Zaren, daß der Offizier bei ihr den Vorzug dem Zaren gegenüber genieße, doch kaum absorbierten die Aerzte die ersten Zeichen der Mutterschaft, mußte sich das Liebesparchen trennen. So befahl es der Zar, der gleichzeitig einen Befehl zur Versetzung des Gardisten in ein in Kaukasien garnisoniertes Regiment unterschrieb. Der Gardist bestrebte sich um Verschiebung der Transferierung unter dem Vorwände daß er krank sei und unterhielt nach wie vor das süße Verhältnis. Der Zar überwachte ihn jedoch überaus strenge und erwischte ihn schon nach Unterfertigung des Versetzungsbefehles in flagranti. Dies versetzte den Zaren in solch heftige Wut. daß er den armen Gardisten vor den Augen der Zarin nieöerstach. Dieser blutige Racheakt erschütterte das Nervensystem brr Zarin bis ins Innerste. Sie konnte sich keinesfalls beruhigen und verfiel in eine langwierige, schwere Nervenkrankheit. Von dieser Zeit datiert diese ihre Nervenkrankheit, von der die Hofbulletins nur von Zeit zu Zeit sehr spärliche Nachrichten bringen. Der Thronfolger erblickte das Licht der Welt unter wahrhaft seltenen Ausnahmsbeöingungen und der Instand der Zarin gab den Aerzten Grund zur nicht geringen Besorgnis, da eine direkte Geisteskrankheit zu erwarten war. Tatsache ist, daß die Zarin längere Zeit nach der Geburt des Thronfolgers an keinem öffentlichen Feste teilgenommen hat. Der Zar nahm sie auf keine von ihm unternommene Reise mit, indem er eben auf den schlechten Gesundheitszustand der Zarin hinwies. Die Presse berichtete über ihre Krankheit, aber die Ursache derselben wurde auf hie Besorgnis um das Leben ihres Mannes zurückgeführt, während diese lediglich in der Sehnsucht nach dem ermordeten Geliebten zu suchen war. Die Sache hat offenbar auf die Nerven des Thronfolgers sehr nachteilig gewirkt, indem er ununterbrochen krank war und zu einem faulen Leben in der Wiege verurteilt wurde. M. T . . ler. Die Tnrkestaner Inden heimatlos geworden. Der russische Senat hat, wie aus Petersburg gemeldet wird, in einer seiner berüchtigten „Erklärungen" die Entscheidung gefällt, daß dieJuden von Mittelasien als Ausländer zu betrachten seien, die kein Recht haben, in Turkestan Boden und überhaupt unbewegliche Güter zu erwerben. Diese Senatentscheiöung ist deshalb von großer Bedeutung, weil der Senat bisher in vielen Entscheidungen den Standpunkt vertreten hat, daß die Tnrkestaner Juden auf dem Gebiete von Turkestan vollständig gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern sind. Durch diesen neuen Standpunkt sind die Juden in Turkestan, welche dort seit undenklichen Zeiten leben, und verschiedene Besitze erworben haben, mit einem Male heimatlos geworden. - . ... "" 'H ' Tragikomik des Renegatentums. Aus Budapest wird der „Zeit" geschrieben: In der hiesigen Gesellschaft spricht man jetzt viel über eine gütlich beigelegte „Affäre", in der ein nicht mehr junger Minister und ein noch nicht alter Aristokrat die Hauptrolle spielen. Der betreffende Minister, dessen Ahnen dem auserwählten Geschlecht angehörten, der aber selbst gern ein wenig „antisemitelt", befand sich in einem Klub, wo just über jene getauften Juden gesprochen wurde, die in Ungarn in glänzenden Stellungen sind. Die Konvertiten kamen in der Debatte sehr schlecht weg, und es war kein Wunder, daß der Minister sich unbehaglich fühlte, was auch in seinen Mienen unwillkürlich zum Ausdruck gelangte. Zu spät merkte die Gesellschaft . die Verstimmung, denn die Spötter glaubten offenbar, ganz unter sich zu sein und alle Bosheiten riskieren zu können. Als aber die sichtbare Depression des Ministers allenthalben wahrgenommen wurde, trat eine peinliche Pause ein, die der vorerwähnte Aristokrat dazu benützte, um den gekränkten Minister, der sich bis dahin als Arier erster Klasse sühlte, einige Trostworte zu spenden. „ Aber, lieber Freund," sagte er besänftigend, „du kannst doch die Malicen, die hier fielen, nicht auf dich gemünzt oder gar als Beleidigung hinnehmen . . . . Du kennst uns alle fest Jahren und weißt sicherlich, daß wir dich stets, schätzten, denn wir haben dich trotz alledem immer — für einen Juden gehalten . . . " — „Tablau", wie man ehedem sagte und „Schlutzpunkt", wie man derzeit in Budapest zu sagen pflegt. Der Minister verließ die Gesellschaft und verlangte Aufklärungen, die ihm auch in der Weise zutM wurden, wie man sie schon in der „Fledermaus" fingt: