Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 52 (26.12.1913)
- Date
- 1913-12-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 940 Dr. Blochs Verkehrs. Daneben bestanden die Generalprivilegierten mit ihren Norrechten in Handel und Wandel unbeschränktem Erbrecht, die Tolerierten, die F irentristen und die Schützgenossen, die, streng in acht Abteilungen gesondert, verschieden abgestufte Rechte besaßen. An ihrer Spitze stand der röniglich geordnete Landrabbiner und die Aeltesten. Eigene Gerichtsbarreil war ihnen versagt. Erlaubt war nur der Anrauf zu einem Friedhof und die Vereinigung zu einer einzigen Synagoge, deren Eröffnung erst 128 Jahre später stattfand- Dennoch verbreitete sich hier sehr schnell die von Moses Mendelssohn in Berlin ausgehende Aufklärung und Bildung. 2m Jahre 1780 entstand bereits die Gesellschaft der Brüder, die wohlwollende Unterstützung bei dem Grafen Hoym fand. Diesem Minister verdankte die Gemeinde die humanere Verfassung vom 21. Mai 1780, durch die im folgeden 2ahre die Eröffnung der für die männliche Jugend bestimmten Kgl. Wilhelmsschule ermöglicht wurde. 1801 wurde dann dir Industrieschule für israelitische Mädchen begründet, die erste derartige Schule in Deutschland. Das Rabbinat litt jedoch unter den Streitigkeiten, die eine Folge der Aufklärung waren; erst dem in hohem Ansehen stehenden R. Abraham Tiktin gelang es, seine Würde wiederherstellen. Neue Hoffnungen erweckten die Befreiungskriege. Die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung ging auch an den Juden nicht vorbei. Das Edikt vom 11.' März 1812 erkannte sie als preußische Staatsbürger an, und sie zeigten sich dessen würdig im Kampf fürs Vaterland. In Breslau brachte ^in Vürgervecein altestamentarischer Glaubensgenossen große Mittel auf zur Ausrüstung freiwilliger Krieger und zur Pflege der Verwundeten. Eine Gedenktafel in der Alten Synagoge nennt die Namen derer, die für das Vaterland starben. Als aber der Friede kam, da erwiesen sich die Hoffnungen auf Gleichberechtigung als trügerisch. Unter dem Einfluß der heiligen Allianz wurden ihnen die gegebenen Versprechungen nicht gehalten und dies führte zu einer großen Entmutigung, deren Folge der Abfall gerade der Begabten und Fähigen war, und mancherlei inneren Kämpfen. Auch in Breslau machte sich das bemerkbar, als im Jahre 1842 zwischen dem Oberrabbiner Salomon Tiktin und dem berühmten Gelehrten, Dr. Abraham Geiger, dem neu eingetretenen Beisitzer ein schwerer Zwist ausbrach, der erst durch die noch jetzt geltende Gemeindeverfassung vom 6. Mai 1856 beigelegt wurde. Von diesem Zeitpunkte ab, waren die Schwierigkeiten überwunden, die sich einer gedeihlichen Entwicklung der Breslauer Gemeinde hinde.nd entgegengestellt hatten. Sie ward zu dem, was sie jetzt ist, zu einem blühenden Gemeindewesen, das muste giltige Einrichtungen geschaffen hat und vielen anderen Großgemeinden zum trefflichen Vorbild geworden ist. Schwer war der Weg, der aus dem Dunkel des Mittelalters zum Lichte der Neuzeit emporführte; er ist allen Hemmnissen zum Trotz zurückgelegt worden, und wenn auch die Gegenwart immer neue Ziele steckt, es sind doch jetzt die Hilfsmittel vorhanden. die eine neue Lösung der neuen Aufgaben ermöglichen. Vor allem fühlen sich die Juden in Breslau nicht mehr als geduldet: sie wissen, daß sie in einer sicheren Heimstätte wohnen, deren Wohlfahrt, wie sie genug bewiesen haben, auch ihnen, den vollberechtigten Bürgern, am Herzen liegt. vom Aabrmurkt des Lebens. Auf dem Felde der Ehre gestorben. Die Tagesblätter berichteten kurz, daß ein junger Arzt, Dr. Paul Breuer, Sohn des städtischen Bezirks-Oberarztes in Währing Dr. Moriz Breuer, plötzlich in Leipzig gestorben ist. Wochenschrift. Nr. 52 Diese wenigen Worte enthalten eine jener erschütternden Tragödien, die sich nur nachfühlen aber nicht beschreiben.lassen. Paul Breuer war ein innerlich veranlagter junger.Mann, der gegen den Willen seines Vaters der-ihm-die Kämpfe des Juden in diesem aufreibenden Berufe —. ersparen wollte, M<b zia studierte. Stille und in sich gekehrt lebte er aus tiefster N-igunz heraus — ausschließlich seinem Studium, der Familie und der Musik. Als cr sich für die Cyirurgie spezialisierte, war <s wieder der Vater der Einsprache erhob. -Es-war als hätte die besondere Gefährlichkeit dieses 'Zweigesder Medizin, bange Ahnungen in ihm hervorgerufen. Vielleicht auch machte es ihn besorgt, daß dem jüdischen Chirurgen in Wien, die chirurgischen Universitäts-Kliniken eine höhere Ausbildung fast'unmöglich machen. -; , Der eiserne Fleiß und sittliche Ernst'des jungen Mannes lenkten die Aufmerksamkeit Prof. Schnitzlers auf ihn, der ihn als Secundarius auf seine Abteilung im Wiedner Spital berief, und ihn zu seinem Assistenten^bestimmte. Er empfahl ihn auch nach Leipzig an den berühmten Chirurgen Geheimrat: Payer, der dem jungen Wiener Operateur - bald . wichtige Fälle überließ. Bei einer' solchen Arbeit hartesich- Doktor Breuer insiziert. Der Patient wurde geretet der Arzt ist gestorben. Die Leiche wurde nach Wien gebracht. Dienstag d. -17. ist Dr. Paul Breuer. auf dem TöblingerMriedhofe begraben worden. Zahlreiches Trauergeleite hatte sich eingefundsn. An-der Spitze utc ter Aerzte und Aerztinnen sah man die Professoren Schnitzler, Sternberg und Schütz. Das'Wiedner Spital hatte eine Aerzte - Deputation und eine Ehrenwache von Wärtern in Uniform entsandt. Rabbiner Dr. Feuchtwanger trug der ungewöhnlichen Erregung Rechnung," indem er nur in knappen, charakterstiischen, aber tief ergreifenden Worten, ein Bild des so jäh dahingerafften gab und besonders seinen innigen Zusammenhang mit der Familie hervorhob, Anmerkung b e*r R e daktio n, . Die Bemerkung in diesem Berichte, betreffend die Verhältnisse auf den Wiener Chirurgischen Universitäts-Kliniken, veranl ißte nns zu eingehenden Recherchen. Da die Prof. v. Hocheneeg und Eiselsberg nie einen Juden als Assistenten genommen haben sind die Chancen.der Juden für eine genügende Spezial-Ausbildung in diesem Falle so gering, daß jüdische Operateure nach dem Auslande müssen, um ihr Fach gründlich zii erlernen. Billroth, der sicher kein unbedingter Philosemit war, sah bei seinen Assistenten auf die Tüchtigkeit und wählte sie ohne Rücksicht auf die Konfession. Damas galt die Wiener chirurgische Klinik als eine der ersten der Welt. Heute ist Wien sogar von Leipzig weit überholt, wo die Klinik des Geheimrates v. Payer cirka 1000 Betten hat. - - Noch intmer der rote Zettel in PaWina. Das zionostische Organ „Arore" in Konstantinopel meldet die folgende' bezeichnende Nachrichtaus Jaff: Die Meldung von der Abschaffung des „röten Zettels" hat unter den eingewanderten Juden aus-.Hußkand eine F.sude erweckt, die nur von sehr kurzer, Dauer war. Ungefähr hundert jüdische Emigranten,, welche diese Unterdrückung der beschränkenden Maßregel, bepützen wollten, kamen jüngst nach Palästina, müßten, jedoch die Wahrnehmung machen; welch seltsamem. Mißperständnisse sie hier begegnen mußten. AlsZie in Jaffa ans Land stiegen, wurden ihnen'ihre Pa.se abgenommen, mittd.em Bemerken, daß die Papiere ihnen wieder zurückgestellt werden, wenn sie nach Ablauf des Zeitpunktes, bis zu welchem sie das Aufenthaltsrecht besitzen,' das Land wieder verlassen werden. Als die Einwanderer darauf betonten, daß der „rote Zettel" bereits abgeschafft sei,- erhielten sie die Antwort, haß das wohl stimmet und .baß sie ja eben deshalb keinen roten Aufenthaüs'che'n bekommen hätten, daß aber andererseits „die Schutzmaßnahmen gegen die ständige Niederlassung'von Juden im Lande noch immer in Kraft sind." '