Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 933 Heute wird die Notwendigkeit der Hilfsarbeit an Säuglingen und Kindern, an den Schulpflichtigen und Schulentlassenen, an der gesunden und an der geistig und körperlich kranken Jugend besonders betont. Der weitere Ausbau des Mäöchenschutzes, Bekämpfung des Mädchenhandels, Gefangenenfürsorge und Mitarbeit in der öffentlichen Armen- und Waisenpflege sind die hochwichtigen Fragen, deren Behandlung uns beschäftigen. Wie weit entspricht nun die jüdisch-soziale Frauenarbeit der Gegenwart diesen Forderungen? Unter all den deutsch-jüdischen Gemeinden, die anerkannte Leistungen auf dem Gebiete der Wohlfahrtsfplege auszuweisen haben, darf Frankfurt am Main von jeher wohl mit an erster Stelle genannt werden. Es wird wohl kaum eine Stadt im deutschen Reiche geben, deren jüdische Wohlfahrtspflege von altersher auf sosch breiter Basis erichtet ist, und deren Vereine, unbeschadet ihres religiösen Standpunktes, ihren Stammesgenossen den Schutz sozialer Fürsorge ö.ngedeihen lassen. Doch waren es auch hier bis vor relativ kurzer Zeit nur M ü n n e r, die diesen Institutionen Vorständen und in Fragen der ausübenden Hilfsarbeit maßgebend waren. Erst seit etwa 30 Jahren haben die Frauen Frankfurts in dem Rahmen jüdischer Ethik und Religiosität, vereint mit den allgemeinen Ideen der Frauenbewegung, ihre Tätigkeit auf sozialem Gebiete entfaltet. Im Anschlüsse an die, vielfachen Zwecken dienenden Wohlfahrts-Einrichtungen und privaten Stiftungen der Gemeinde Frankfurt ist die Zahl der Institutionen, die in der neuesten Zeit der Initiative und Arbeit von jüdischen Frauen ihre Entstehung und ihr Dasein verdanken, sehr beträchtlich. In diesem Zusammenhänge will ich Ihnen keine Aufzählung der Frankfurter jüdischen Wohltätigkeits- Bereine geben. Ich möchte nur Ihre Aufmerksamkeit aus jene Frankfurter Anstalten lenken, die von modernem Frauengeist durchdrungen sind. In Frankfurt am Main wurde der Weg zur o r g a n i s i e r te n j ü d i s ch>s o z i a l e n Frauen- Arbeit bereits beschritten, und es dürfte Sie interessieren, daß es eine Oesterreicherin, eine Wienerin ist, die die Frankfurter jüdische Armenpflege durch Frauen-Arbeit auf eine neue rationelle Basis brachte. Fräulein Berta Pappenheim ist es, die vor einem Jahrzehnt begann, die Frauen und Mädchen auf organisierter Arbeit zu erziehen und zusammenzuschließen. Sie schuf neue Einrichtungen, die in der Frankfurter jüdischen Armenpflege die Frauen-Arbeit zu einem bedeutsamen Faktor in der jüdischen Ge- Gemeinöe und über dieselbe hinaus machten. Die Wichtigkeit dieser Arbeit liegt nicht in Stiftungen oder Gründungen, die ja schließlich immer mehr oder weniger von den verfügbaren Mitteln abhängen, sondern in der Art und Auffassung derselben. Wie sich diese Aufgabe im Laufe der Jahre entwickelte, will ich Ihnen nun an Händen der Organisation des Vereines „W eibliche Fürsorge" darstellen. Der Verein „Weibliche Fürsorge" bezweckt, wie es der 8 1 seiner Statuten ausspricht, einerseits die Förderung der Gesamt-Interessen der jüdischen Frauenwelt, andererseits jüdischen Armen-, Wohlfahrt-, Jugend- und Kinderpflege als ausführenöe Stelle der Frankfurter lokalen Unterstützungsvereine. In dieser Tendenz liegt die neue Note der Fürsorgearbeit: es wurde keine neue Unterstützungsstelle, sondern nur die Basis zur Zusammenarbeit geschaffen. In Frankfurt am Main wird die Armenunterstützung nicht von der Gemeinde, sondern von großen privaten Vereinen geleistet. Der Verein „Weibliche Fürsorge" übt seine Tätigkeit im Anschlu s s e an diese Bereinigungen aus. Eine F ü r s o r g e k o m m i s s i o n bildet den Kern der lokalen Arbeit des Vereines. Diese Kommission übernimmt mit einer großen Anzahl freiwilliger Helferinnen die Recherchen und Nachprüfung der Unterstützungsfälle, wodurch gar oft erst Einblick in die meist unklaren Verhältnisse der Bedürftigen gewonnen wird, die nun ein möglichst wahrheitsgetreues Bild ergeben. Der praktische Erfolg dieser Art der Arbeit liegt in dem Vekanntwerden aller Tatsachen der einzelnen Fälle, die nun auch anderen Vereinen, die Hand in Hand arbeiten, mitgeteilt werden können. Dadurch stellt der Verein „Weibliche Fürsorge" eine innere Verbindung und Zentralisation dar. Die wachsende Tätigkeit dieser Fürsorgekommission verlangte aber bald eine Differenzierung in der Arbeit, und es wurden neue Kommissionen für die verschiedenen Arbeitsgebiete geschaffen, und zwar entstanden im Laufe der Jahre: eine Kinüerschutzkommission, eine Wohnungsfürsorgekommission, ein Stellennachweis für Frauen und Mädchen und eine Berussberatungsstelle. Die „K i n d e r s ch u tz k o m m i s s i o n nimmt sich selbstredend der ehelichen und unehelichen Kinder gleichmäßig an. Sie sorgt, soweit die Eltern nicht selbst verantwortlich gemacht werden können, für gute, einwandfreie jüdische Unterbringung der Kinder, die dann unter der ständigen Aufsicht der Kommission stehen und in ihren Pslegestellen regelmäßig besucht werden. Da sich ein großer Mangel an guten jüdischen Pflegestellen herausgestellt hat, so veranlagte der Verein „Weibliche Fürsorge" die Gründung eines „Kim d e r h a u s e s", in dem Säuglinge bis zum 6. Jahre gegen ein Pslegegeld ausgenommen werden. Die „W ohnungsfürsorgekommiss i o n" besichtigt die Wohnungen und ist bemüht, die darin zutage tretenden Mängel in sozialhygienischer und ethischer Hinsicht zu bessern. Die Frauen werden zu größerer Reinlsichkeit angehalten, die Schlafstellen von Kindern und Erwachsenen, Gesunden und Kranken nach Maßgabe der Verhältnisse getrennt, im äußersten Falle werden Betten geliefert oder die Familie zum Umzuge veranlaßt. Diese Wohnungsfürsorgekommission ist besonders wichtig als Ausgangspunkt im Kampfe gegen die Tuberkulose. Eine außerordentlich empfehlenswerte Neueinrichtung des Vereines „Weibliche Fürsorge" sind die „W o h n r ä u m e" für im Erwerb stehende Frauen und Mädchen. Zu ganz billigen Preisen ist hier ein behagliches Heim für alleinstehende, berufstätige Mädchen geschaffen worden mit vollständiger Bewegungsfreiheit für seine Insassinnen. Dieses Unternehmen hat durchaus nicht den Charakter einer Wohltätigkeits-Anstalt, sondern es ist ein Wohlsahrtsunternehmen, dessen Erhaltungskosten aus dem Betriebe gedeckt werden sollen. (Lebhafte Zustimmung.) -(Schluß folgt.) Literatur. Der neue Schiller-Roma». Wenn ich deri Artikel „D er neue Schilter-Roman und der Jade" in Nr. 47 l. I. überlese, so entstehen in mir zwei Gefühle, die zum Schlüsse wieder eins sind: Schmerz! Ich bin nämlich der Meinung, daß einesteils die Be-