Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 932 D«. Blochs Wochenschrift. Nr. bl düng -er Logenbrüder, sie alle legen Zeugnis ab für die Verbrüderung nnö Hilfsbereitschaft -er Juden untereinander in den verschiedenen Ländern. Aber die Not und der Jammer unserer unterdrückten Glaubensgenossen verlangen immer größere Hilfe, die neuen Fragen, die durch die schwierigen Erwerbsverhältnisse entstehen, fordern frische Kräfte, um das uralte Leid der Unterdrückung und des sozialen Elends, der Entwicklung der Zeit entsprechend, lindern zu können. Der Gei st moderner Sozialpolitik muß auch die jüdische Hilfsarbeit öurchöringen, um der Not vieler abzuhelfen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist im öffentlichen Leben ein neues starkes Moment zutage getreten: öieMitarbeitöer Frau. Ich will hier nicht vom Kampfe und den Erfolgen der Frauenbewegung sprechen, aber ich glaube es gibt heute wohl kaum ein Gebiet kulturellen Fortschrittes, das von dem Einflüsse, der von der Frauenbewegung ausgeht, unberührt geblieben wäre. Auch nicht von den Rechten will ich sprechen, die sich die Frauen Schritt für Schritt erobern, sondern von dem einen schweren Kampfe gegen die große Not der Menschheit, den Männer und Frauen gemeinsam führen müssen. Doch für ihre neuen großen Aufgaben in der sozialen Hilfsarbeit brauchen die Frauen Erziehung und Schulung. Die Mithilfe in der Armen- und Waisenpflege, die Ueberwachung von Pflegekindern, die Kinder- und Jugendfürsorge, die Gefangenenfürsorge, Haus- und Wohnungspflege, der Kampf gegen Alkohol, Tuberkulose und andere Volkskrankheiten sind heute ein reiches Betätigungsfeld für die Frauenarbeit geworden. Nur auf dem Boden der allgemeinen Frauenbewegung konnten sich die Frauen die Freiheit und die Kenntnisse erwerben, um die Fragen der Volkswohlfahrt mit Verständnis zu erfassen. Auf diesen Gebieten ist die Mithilfe der Frau schon einfach unentbehrlich geworden. (Rufe: Sehr richtig!) Und wie ist nun die Stellung der jüdischen Frau innerhalb dieser gemeinsamen Kulturaufgaben? Weniger durch Schulung als durch Tradition ist sie vor allen anderen berufen, sich in Werken der Wohltätigkeit und Nächstenliebe zu betätigen, worin sie feit jeher mit Opferfreudigkeit ihre erste Pflicht erblickte, aber Rechte im Sinne unserer heutigen Frauenforöerungen wurden der jüdischen Frau in ihrer Gemeinde bis zum heutigen Tage nicht eingeräurnt. Daher sind auch die großen jüdischen Institutionen, die ich eingangs erwähnte, nur von Männern geleitet. Dieses Fernstehen der Frauen von den Problemen der sozialen Fürsorge innerhalb der Gemeinde ist wohl nur auf die religiöse Tradition und die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau vom Manne zurückzuführen, nicht aber auf ihre Unfähigkeit, soziale Pflichten zu erfüllen, denn auf dem Gebiete der großen allgemeinen Frauenarbeit ist sie in Deutschland heute eine anerkannte Mitarbeiterin. Und von diesem Plane ernsten Schaffens soll die jüdische Frau neue Anregung hereintragen in ihre eigene Gemeinschaft, und soll neue Ideen bringen zur Höherentwicklung des sozialen Lebens innerhalb der Tradition jüdischen Glaubens. (Allgemeiner Beifall.) Es ist bezeichnend, daß unter den Gründerinnen der deutschen Frauenbewegung vier jüdische Frauen zu nennen sind: Henriette Golöschmiöt, Lina Morgenstern, Jeanette Schwerin und Jenny Hirsch. Sie waren unter den e r st e n, die für die Mitarbeit und Gleichberechtigung der Frau die schwierigsten Pionierdienste verrichteten. Aber die moderne jüdische Frau darf sich von der konfesiionellen Hilfsarbeit nicht abschließen, die für die Erhaltung und Förderung i h re s Volkes eine gebieterische Notwendigkeit ist. Diese Arbeit soll sich uneingeengt durch die Fesseln alter Ueberlieferung entfalten in den geistigen und kulturellen Fortschritten, die uns die Frauenbewegung gegeben hat, so daß sie auf der ganzen Linie jüdische soziale Frauenarbeit wird. Alle unsere Verpflichtungen rufen zu sozialer Arbeit, die auf konfessionellem Boden doch niemals ein Abschließen von der Gesamtheit bedeuten soll. Und für niemanden ist diese Verpflichtung größer als für die jüdischen Frauen, die in dieser Arbeit ihr Bestes, ihr Weiblichstes geben können, und doch ihr Teil beitragen in der Verantwortung für das Wohl der Allgemeinheit, ohne ihre innere und äußere Zugehörigkeit zum Judentum aufzugeben. Für j ede von uns besteht eine soziale Verpflichtung. Das Leben darf nicht nur der Ku ltur ö er ei g e n en Persönlichkeit gehören. Indem wir tatkräftig an der Höherentwicklung der Ge meinschaft teilnehmen, erweitert sich auch unser Gesichtskreis und wir schaffen neue Werte. (Anhaltender lebhafter Beifall.) Worin besteht nun die moderne jüdische soziale Frauenarbeit, welche Pflichten hat sie schon erfüllt und welches sind ihre Ziele? Den jeweiligen lokalen Verhältnissen entsprechend hat sich die Frauenarbeit in den verschiedenen Ländern und Städten verschiedenartig entwickelt. Der Hauptunterschieö zwischen der Hilfsarbeit der früheren Jahrzehnte und den heutigen Bestrebungen zeigt sich in der Umwandlung der rein charitativen Tätigkeit in eine Arbeit auf rationeller Basis. Der wichtigste Bestandteil dieser ist die v o rbeugende Fürsorge geworden, die sich auf allen Gebieten sozialer Arbeit geltend macht. Zur Erfüllung der erwähnten Aufgaben ist theoretische und praktische Schulung des Einzelnen und Organisation der gesamten sozialen Hilfsarbeit unerläßlich. Als Wienerin, die ihrer Vaterstadt stets treu geblieben ist, möchte ich Ihnen nun von den neuen Erfahrungen und Anschauungen berichten, die ich in der jüdischen sozialen Frauenarbeit im deutschen Reiche, speziell in meiner neuen Heimatstadt Frankfurt am Main gesammelt habe. Es gereicht mir zur besonderen Vergünstigung, daß mir die freundliche Einladung der Zentralstelle für jüdisches Armenwesen die Gelegenheit bietet, Ihnen darüber berichten zu dürfen, und ein kleines Bild der vielseitigen Tätigkeit der jüdischen Frau in dem befreundeten Nachüarlanöe vorzuführen. Es ist kein neu erworbener Lokalpatriotismus, wenn ich Ihnen sage, daß gerade die Frankfurter jüdischen Frauen bereits Beweise erbracht haben, wie die ursprünglich rein charitativ gedachte Betätigung, ohne das religiöse Moment aufzugeben, sich den Forderungen einer modernen Zeit anzupassen verstanden hAt. Aus dem natürlichen spontanen Gefühl des Helfenwollens, das in vergangenen Zeiten unter anderen Verhältnissen in einem Augenblick der Not ausreichend war, entwickelte sich das starke Gefühl, der Pflicht, vorbeugend und erzieherisch der physischen und der moralischen Not der bedrängten Volksklassen zu begegnen. Gerade im praktischen Programm der jüdischen sozialen Frauenarbeit ist diese Wandlung vor allem fühlbar.