Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 909 sagen, müssen sich gefallen lassen, daß in öer Stadt, in welcher sie die Majorität haben, ein antisemitischer Agitator sein zersetzendes Werk treibt, baß ihre Mitbürger einmal politisch isoliert, auch kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich, sich von ihnen abwenden und den klerikalen Dunkelmännern immer mehr in die Arme fallen. Der weitere Nachteil, den die Einführung des Proportionalwahlsystems in sechs galizischen Städten mit überwiegnder jüdischer Majorität bildet, besteht i« dem Umstande, daß die eventuellen jüdischen Vertreter im Landtage weder als Vertreter der gesamten Bevölkerung werden auftreten können, noch als spezifische Ghetto-Abgeordnete den Kontakt mit den polnischen und ruthenischen Parteien zu Gunsten der Judenschaft aufrecht erhalten werden können. Das wären die traurigen Aspekte, die der Judenschaft harrten, im Falle der Einführung des Proporzes in den galizischen Städten. Um diesen tristen Folgen vorzubeugen, hat Abgeordneter Dr. Loewenstein die polnische demokratische Partei mit dem Polenklubobmann Dr. Leo, dem Reichsratsvizepräsidenten Dr. German an öer Spitze von öer Notwendigkeit überzeugt, sich mit aller Kraft dem Proporz zu widersehen. Doch scheinen die Beweggründe, die den galizischen Klerus noch im Frühling des Jahres 1913 bewogen haben, sich für das Proportionalsystem auszusprechen, bei den jüdischen Separatisten und manchen schwächeren Elementen unter den jüdischen Abgeordneten — maßgebender gewesen zu sein, als die Rücksichtnahme auf die Interessen der jüdischen Massen. Denn zur allgemeinen Ueberraschung erklärten sick> sowohl die Zionisten als auch diejenigen unter den jüdischen Führern, die weitab vom praktischen Leben einmal voraefaßte theoretische Kombinationen verfolgen, für die Bo^ulate öer vereinigten anti-jüdischen polnischen Parteien. Da öm'ck diese Erklär,rna für den Proporz den klerikalen und antisemitischen Parteien ein Liebesdienst erwiesen wurde, wie ihn kein Freund dem besten Freunde macken konnte — wurde von seiten der Gegner des Provarres aleicksam als ballon d'effay der Vorschlag gemocht, doß statt der sechs zweimandatiaen Wos,lde?.irke mit iüdischer Maiorität 12 einwanöatiqe Wahlbezirke geschaffen werden, in welchen auch die Inden eine ausschlaggebende Rolle spielen würden. Selbstredend würde dadurch die Sicherung öer Wahl snerifisch iüöischei' Abgeordneter nicht so arundfest spiu wie bei Einfübruna des Niwnorzes — jedoch öer Eiaslnü von Juden auf die Wahl würde an Intensität bedeutend zunebmen. Die Juden batten statt nur in 6 Stä^t-n in 12 einen eminenten Einfluß und könnten volitisch in weit höherem Mäße, als gegenwärtig, eine führende Stellung einnehmen. Dieser Vorschlag war — wie gesagt— als ballon d'essay gedacht. War doch vorauszusehen, daß vor allem die Antisemiten sich gegen eine derartige Erweiterung des jüdischen Einflusses sträuben werden. Aber was nicht vorauszusehen war, was aber doch eingetroffen ist: gegen diesen Vorschlag opponierten . . . manche jüdische Abgeordnete! Die Einbürgerung des krassesten Antisemitismus, des durch ein Wahlsystem legalisierten Judenhasses war ihnen recht,' gegen eine Erstarkung des jüdischen Einflusses, gegen die Erweiterung jüdischer Machtbefugnisse auf eine Reihe neuer Mandate legten sie ihr Veto ein ... Unter solchen Umstünden muß das Schlimmste befürchtet werden. Sollte nicht gleichsam vor Torschluß das Vorhaben der klerikalen, antisemitischen Elemente und separatistischen Mandatjäger vereitelt werden können, dann steht den Juden Galiziens eine sehr triste Zukunft bevor. Die Verantwortung für das Unbill, das da kommen wird, werden diejenigen tragen, die aus opportunen, parteipolitischen Gründen die Postulate öer organisierten antisemitischen Gegenblockparteien als die eigenen annehmen. In Nr. 45 der „Welt" war in einem interessanten Artikel des Dr. D. Posmanik die Bemerkung zu lesen: „Die galizischen Zionisten haben eine fieberhafte Gegenwartsarbeit entwickelt und die Resultate sind kläglich. Das wird jeder Kenner der galizischen Verhältnisse zugeben. Man tröstet sich damit, daß man die Führer der Unfähigkeit bezichtigt, das ist die Erklärung der Denkfaulen." Woran scheiterte im Reichsrat der jüdische Klub? In seiner Isolierung von allen Parteien war er zu einem positiven Schaffen unvermögend und auf leere Demonstrationsreden beschränkt. Wenn die Wähler in ihren tausendfachen Nöten Hilfe brauchten, mußten sie sich an jene Abgeordneten wenden, die infolge ihrer Stellung in den großen Klubs auch Einfluß auf die Regierung haben. Ja häufig sah man christliche Abgeordnete, die mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt waren, unermüdlich von Minister zu Minister laufen, um Bitten und Wünsche jüdischer Wähler durchzusehen. Das gleiche war in öer Lanötagsstube. Wird in Zukunft der polnische Abgeordnete der Rücksicht auf jüdische Wühler ganz enthoben, so werden die verhängnisvollen Folgen bald zu Tage treten. Man denke sich einmal die geplante ^onöerung auch bei den Reichsratswahlen durchgeführt und es gelangt ein Antrag Schmidt zur Verhandlung, für welchen die Chriül'chsozialen und der Deutsche N"tional-Verband einhellig eintreten? Der Antrag fiel seinerzeit, weil der Polenklub in Rücksicht der jüdischen Wähler Galiziens die Ablehnung beschlossen hat. Nach Wegfall dieser Hindernisse wäre die Annahme des Antrages zweifellos. Aehnliche Situationen entstehen auch im Landtag. Deswgen sollten Alle, denen das jüdische Interesse höher steht als öer Partei-Vorteil, höher als eine Popularität bei urteilslosen Massen den hohen Ernst des Momentes wohl erwägen — ehe es zu spät wird. KUHl'chl. Do- E»r»st Fleischer. ffiaMo*1?. Die deutsch radikale Partei wird entschieden von Pech verfolgt. Ihr Programm besieht aus zwei Punkten: Erstens aus der nationalen Hetze und zweitens aus der antisemitischen Hetze. Der erste Programmpunkt hat jedoch in letzter Zeit an Zugkraft stark eingebüßt und alle Ueberredungskünste der Herren Wolf, Pacher und Konsorten vermögen die Wählerschaft nicht mehr zu überzeugen, daß es nationale Arbeit sei, Kulturforderungen für christlichsoziale Reaktion, Brot für Steuern, Volksrechte für feudal-klerikale Gewaltherrschaft einzutauschen. In dieser schweren Not und Bedrängnis kam Herr Oskar Teufel, Gurkenhändler in Znaim und Kronprinz der deutschradikalen Partei, auf den Einfall, es wieder einmal mehr mit dem zweiten Programmpunkt, dem Antisemitismus, zu versuchen, diesem rettenden Strohhalm aller sinkenden Reaktion. In weiser Schonung seiner