Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-12-12 · 50 (12.12.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022086--22711-3047871
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 906 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 50 zu setzen, der die Juden in tiefster Seele treffen und verwunden soll. Sprichwörtlich ist die Liebe und Verehrung der Juden Oesterreichs für die erhabene Person des Kaisers, der in seiner beispiellosen Gewissenhaftigkeit, Pflichttreue und Gerechtigkeitsliebe allen Untertanen ein väterlicher und gütiger Regent ist. Aus allen Gotteshäusern der Juden steigen heiße Gebete zum Himmel empor für das Leben und die Gesundheit des Kaisers. Nicht bloß die Inden Oesterreichs, auch die aller anderen Länder neniren den Namen Franz Joseph mit Ehrfurcht und Liebe als den des edelsten Regenten, der fe einen Thron geziert hat. Man weih, wie widerwärtig Se. Majestät es empfindet, wenn Judenhetze mit Patriotismus garniert, bei antisemitischen Demonstrationen die Kaiserhymne entblößten Hauptes gesungen wird. 7,Die Versicherung der Huldigung und unverbrüchlichen Treue der israelitischen Kultusgemeinden nehme Ich dankend entgegen. In Meinem Herzen bildet der Unterschied der Religion Meinen Völkern gegenüber keine Scheidewand. Auf meine königliche Gnade und Meinen Schutz können daher auch Sie jederzeit rechnen!" Mit diesen herrlichen Worten nahm unser erhabener Monarch in B alassa-G y ar mat, wo er im September 1894, anläßlich der ungarischen Manöver verweilte, die Huldigung der Israeliten entgegen. Es war im Herbst 1692. Der niederösterreichische Landtag hatte seine berüchtigten antisemitischen Skandale, welche die Christlich-Sozialen dort aufgeführt. Am 3. Oktober fand in der Ofener Königsburg aus Anlaß der damals in Budapest eröffneten Delegationen Empfang der österreichischen Delegierten beim Kaiser statt. Se. Majestät sagte damals zu dem Delegierten Franz Richter in bezug auf die Ausschreitungen im niederösterreichischen Landtag: „Es sei eine Schande vor der ganzen Welt." Der Kaiser wendete sich sodann zu dem Delegierten Professor Eduard Sueß, mit den Worten: „Sie haben jetzt schwere Tage im niederösterreichischen Landtag durchgemacht. Es ist eine Schande und ein Skandal, wie es dort zugeht. Man weiß gar nicht, was man dazu sagen soll." Als 1886 der Statthalter v. Zaleski bei Sr.. Majestät in Audienz war, kam die Rede auf die Paßschlwierigkeiten jüdischer Geschäftsreisender in Rußland. Herr v. Zaleski wies darauf hin, wie sehr diese Schikanen den Handel Galiziens empfindlich schädigen. Se. Majestät erwiderte hierauf: „Ich bin von all diesen Verhältnissen genau unterrichtet und habe denn auch meinem Minister des Aeußern, Grafen Kaknoky, bereits die Weisung erteilt, auf diplomatischem Wege dahin zu wirken, daß diese gegen die fremden Juden gerichtete Verfügung, welche jedoch Handel und Verkehr im allgemeinen schädigt, beseitigt werde. Leider kann man hiebei keine Gewaltmaßregeln in Anwendung bringen! Würde die russische Verfügung dahin lauten, daß allen fremden Untertanen der Eintritt nach Rußland erschwert werde, Jo könnten auch Wir unsererseits dasselbe gegen die russischen Untertanen verfügen. Nachdem jedoch die russische Verfügung bloß gegen die fremden Juden gerichtet ist, wäre es doch das größte Unrecht, wollten wir unsererseits wieder die russischen Juden mißhandeln. Rußland würde das möglicherweise ja gerne sehen: doch ich werde ihm dieses Vergnügen nimmer machen." Das sind kaiserliche Worte, die das Herz des edelsten Menschen offenbaren. Bekanntlich hat der italienische Maler G e l l i ein Porträt des Kaisers Franz Joseph gemalt, zu welchem ihm der Monarch wiederholt gesessen ist. Während der Maler arbeitete, konversierte der Kaiser mit ihm sehr unbefangen über alle möglichen Themata. Einmal brachte Maler Gelli die Rede auf den Antisemititismus und bemerkte, in Italien sei diese Erscheinung etwas ganz Unbekanntes. „So ist's auch recht," meinte der Kaiser Franz Joseph; „ich schäme mich, daß der Antisemitismus nach Oesterreich gedrungen ist." An dieses erhabene Kaiserwort erinnere ich Sie, Herr Dr. Funder! Solcher Judenhetzer, hören Sie gut, Herr Komtur, schämt sich Se. Majestät der Kaiser und Sie haben die Unverfrorenheit, seine geheiligte Person bei der abscheulichen Ritualmordlüge zu nennen! II. Was aber ist's um den „sel. Märtyrer Rudolf"? Jüdische Geschichtsguellen haben über diese Tragödie der Judengemeinde von Bern wenige Nachrichten: was aber christliche Chronisten melden, erinnert unwillkürlich an die Aeußerung des Papstes Innocenz IV. in seiner berühmten Bulle: „Aus Habsucht und Blutdurst werden die Juden ohne Richterspruch beraubt, gemartert und getötet; um ungerechterweise ihre Güter zu plündern und sich anzueignen, werden gottlose Anschläge gegen sie ersonnen und erdichtet." Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts reichen Spuren einer wohlhabenden jüdischen Siedelung in Bern zurück.. Eines Tages werden sie beschuldigt, einen Knaben Ruff (Rudolf) ermordet zu staben: die Leiche findet man im Keller eines Juden, sie wirkt Zeichen und Wunder. Die angeblichen Mörder werden gerädert,- die übrigen Juden verbannt. Es ist der typische Verlauf, den derartige Fälle zu nehmen pflegten. Der gelehrte Prälat Stammler hat in den „Käth. Schweizer Blättern" vom Jahre 1888 diesem Rudolf eine eingehende Studie gewidmet, welche auch in der „Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte", 2. Jahrgang, Heft 1, 1908, S. 141, zitiert ist. Da heißt es wörtlich: „Canisius und alle anderen Autoren haben die Erzählung von der Ermordung des Christenkindes in' Bern dem alten Chronisten Justinger entlehnt. Die öffentliche Meinung beschuldigte die Juden dieses Verbrechens und diese wurden aus der Stadt vertrieben. Als sie dahin zurückkehrten, legte ihnen der Magistrat die Zahlung einer großen Summe als Strafe oder Entschädigung „de puero u t d i c i t u r a, judaeis occiso‘‘ auf. Eine Gerichtsverhandlung zur Fesstellung der Verantwortlichkeit für diesen Mord hat nicht stattgefunden und die Kirchenbehörde hat in dieser Angelegenheit nicht interveniert.“ Justinger selber, S. 30, meldet: „Dise mere, wie die juden .geredrot, beschetzot und ussgeslagen, und ewenklich verbotten wurden, kam bald für den römschen Küng, ßudolfejn, von österich; der hat die sach gar übel vnd wart er zornig vnd begerte an die von Bern, dat si im daz verb'essrotin und ableitin an sin gnad; won der juden lip und gut im zugehort und in des römischen richts kammer.“ (Leuenberger, Studien über bernische Rechtsgeschichte 1873, S. 195.) In der „Helvetischen Chronik" erzählt Tschudi, p. 194: „Anno Domini 1287, begiengen zu Bern etliche Juden ein Mord an einem Kind Ruff genannt, das sie heimlich zu tod martertend: das Kind ward hinter dem Altar, in der Pfarrkilchen begraben, und geschahen lange Zeit grosse Zeichen bey seinem Grab. Und ward tod fanden unver von der Juden Unseren, und fiel der Zwifel uf die Juden, si hettens ermurdt. Man. fieng si all die da wartend, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.