Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Vkochs Wochenschrift. Seite 893 gramme blieb er auch treu, als er als Jüngling nach Wien kam, wo er eine Zeit lang Obmann der Wiener Poale Zion gewesen. Schmidt war eigentlich vom Glücke ganz besonders begünstigt. Alle seine Herzenswünsche gingen in Erfüllung. Er hatte das Glück, als ganz junger Mensch in ein Geschäftshaus zu kommen, wo er Gelegenheit fand, nicht nur eine erstklassige kaufmännische schule, sondern auch die Hochschule jüdischer Politik durchzumachen. Sein Chef Johann Kremenetzky erkannte bald die hervorragenden Fähigkeiten des jungen Schmidt und bot ihm gerne Gelegenheit, sich auf dem gesamten kommerziellen Gebiete zu vervollkommnen. Aber gleichzeitig lernte Schmidt sowohl in R r e m e n e I3 X 9, als auch durch diesen in Theodor Herzl die zwei bedeutendsten und angesehensten Führer der damals noch jungen zionistischen Bewegung kennen und verstehen. Schmidt hatte das Glück, auch das politische Vertrauen dieser beiden Großen zu genießen und Einblick in die politische Technik zu gewinnen. Das Glück blieb ihm auch weiter treu. Seine Stellung war so gefestigt, daß er der Wahl seines Herzens folgen und ein Weib heimführen konnte, dem er in Liebe ergeben und das ihm für alle seine Bestrebungen ein so tiefes Verständnis entgegengebracht hat. Schmidt, der, wie wenige, ein unbedingter Anbeter Theodor Herzl's war, zog zur Zeit des Uganda-Streites aus seinem Herzlianismus dieselbe Konsequenz wie Israel Z a n gwill. Als dieser große Meister, dieser ehrlichste Jude der Jetztzeit, aus der zionistischen Partei auszog und die jüdisch-territorialistische Organisation gründete, war Schmidt einer der Ersten, die dem Rufe Zangwills gefolgt waren. Und wieder hatte Schmidt das Glück, das er sich ersehnt. Er trat mit Zangwill in Verbindung. Er warb um das Vertrauen des Meisters und das Vertrauen ward ihm zuteil. Schmidt erzählte mir gerne jene Episode, wie er nach jahrelanger Korrespondenz mit Zangwill diesem zum erstenmale begegnete. Der große Ernst, der gereifte weite politische Ausblick, der sich in seinen Berichten und Korrespondenzen an Zangwill kundgaben, ließen in dem Schreiber derselben einen durch Alter erfahrenen Mann vermuten. Wie groß war Zangwills Erstaunen, als er einen kaum dreißigjährigen, noch viel jünger aussehenden Menschen vor sich sah! Persönliches Mitleiden und die ernste Lebensschule, sowie das Leben in der Nähe von Kremenetzky und Herzl haben ihn so früh zur Reife gebracht. Wenn der territorialistische Gedanke in Oesterreich und in späterer Folge auch in Ungarn Wurzel gefaßt hat. so war es nicht zuletzt der zähen, unermüdlichen Agitationstätigkeit Schmidts zu danken. Eine Frucht dieser ausdauernden Propaganda ist auch der Zentralverein der jüdisch-territorialistischen Organisation (Jto) in Wien. Das Glück verließ Schmidt auch dann nicht, als er sich entschlossen hatte, die Stätte feiner kommerziellen Erfolge zu verlassen und sich selbständig zu machen. Wie er sagte, trieb es ihn immer und immer rastlos vorwärts, um so rasch als möglich jene wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, die es ihm ermöglichen könnte, sich ganz seinen Träumen von der Erlösung seiner bedrückten Stammesbrüder hinzugeben. Es schien, als sollte es ihm glücken. Sein Unternehmen blühte, dank seiner Energie, seiner Intelligenz und seiner Fachkenntnisse rasch auf. Und gerade, als er auf einer Geschäftsreise begriffen, kaum eine Stunde, nachdem er, vielleicht in einem unbewußten Todesahnen, seinem von ihm so sehr geliebten Weibe und seinem einzigen Söhnchen, das er in unendlicher Verehrung für den Verfasser des „Iudenstaates" den Namen Theodor gab, telegraphische Grüße abgesandt hatte, und mit einem Lächeln einschlummerte, da .... das Knarren einer willenlosen, morschen Kupeetüre, und Schmidt fiel aus seiner Glückseligkeit in den tiefen Abgrund, in dem er den Tod fand. So endete ein Leben, das ein Segen hätte werden sollen nicht nur für seine Familie, sondern für das gesamte leidende jüdische Volk. Darf ich da überhaupt noch davon reden, daß ich an Schmidt einen Freund und einen Gesinnungsgenossen verloren habe, mit dem ich Jahre hindurch Tag um Tag über Mittel und Wege sann, um unsere Sehnsucht und unseren Glauben auch anderen mitzuteilen? Nicht immer waren wir hierin einer Meinung. Aber immer mußte ich den grenzenlosen Optimismus, der übrigens einer der wichtigsten erhaltenden Faktoren unseres Voltes ist und der diesen lebenskräftigen Menschen so durch und durch erfüllte, bewundern. Schmidt hat in den 34 Jahren seines jungen Lebens für sein Volk mehr getan, als mancher, der Jah^ehnte hindurch die Ehren seiner Glaubensbrüder genießt. Desto tiefer empfinde ich mit der gramgebeugten Gattin und den von Schmerz niedergebrochenen Eltern unseres Freundes Schmidt. Wir werden alle, die wir ihn kannten, sein Andenken in Ehren halten. Jakob Krausz. Das Leichenbegängnis Mar Schmidt. Unter überaus großer Teilnahme fand letzten Sonntag das Leichenbegängnis des auf so tragische Weise verschiedenen Mitgliedes des Jnternationalrates der Jto, Mar Schmidt, statt. An dem Leichenbegängnisse nahmen außer der gramgebeugten Witwe und den Mitgliedern der Familie der Vorstand des Zentralvereines der jüdisch-territorialistischen Organisation in Wien, dessen Vorstandsmitglied der Verstorbene war, unter Führung bes Vizepräsidenten Dr. Krenberger, teil. Ueberdies waren die Angestellten und Beamten der Firma Kremenetzky, in welcher Schmidt viele Jahre hindurch in leitender Stellung tätig war, mit dem Chef der Firma, Herrn Johann Kremenetzky, sowie die Beamten der Firma Schmidt und zahlreiche Freunde des Verblichenen erschienen, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Rabbiner Dr. Grunwald hielt den Nachruf, in welchem er in eindrucksvoller Weise den großen Verlust schilderte, den die Familie und das Judentum überhaupt durch den Tod dieses jungen, arbeitsfreudigen und sein Volk liebenden Mannes erlitten hat. Namens der Jto schilderte der Vizepräsident der Jto, Dr. Krenberger, die großen Verdienste Schmidts um die Bewegung und insbesondere um die Regulierung der jüdischen Emigration aus Rußland. Am Grabe nahm Herr Kremenetzky gerührt Abschied von seinem langjährigen Mitarbeiter. Die kantoralen Funktionen versah Erster Kantor Schleifer mit Chor. Korrespondenzen. Wien. Der Vorstand der israelitischen Kultus gemeinde veranstaltete am 1. Dez., um V45 Uhr nachm, im israelitischen Tempel, 1. Bezirk, Seitenstellengasse 4, aus Anlaß des 65jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers einen Festgottesdienst, der einen überaus feierlichen Verlauf nahm. Es hatten sich eingefunden: Präsident Dr. Alfred Stern mit den Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K 0 h n und Hofrat Rappap 0 r 1, sowie den Vorstandsmitgliedern der Gemeinde, die Bethausvorstände der Gemeindetempel. Delegierte der Bezirkskommissionen, die Beamtenschaft mit dem ersten Sekretär kaiserlichen Rat Dr. Lieben an der Spitze, ferner Vertreter zahlreicher konfessioneller Vereine. Das Gotteshaus war von Gemeindenritgliedern dicht besetzt, als Oberkantor Don Fuchs unter Assistenz des von Professor S u l z e r dirigierten Tempelchors mit dem Vorträge eines Psalms die Feier einleitete. Nach Rezitation der üblichen Gebete und der Festpredigt des Oberrabbiners Dr. Gübemann fand die Feier mit der Absingung der Volkshymne ihren Abschluß.