Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 885 ihn von oben bis unten mit einem Blicke, drehte mich dann um und traf alle Anordnungen. Es handelte sich um eine recht schwere Zangengeburt, der Dorfbarbier und die Hebamme assistierten, und in verhältnismäßig kurzer Zeit war die Frau eines kräftigen Knaben entbunden. Der Barbier verständigte den Vater davon, ich aber blieb pflichtgemäß am Krankenbette bis zum Anbruch des Tages; dann gab ich der Hebamme noch die nötigen Weisungen und ersuchte sie, den Wagen Vorfahren zu lassen. Bei der Türe trat mir der Gutsbesitzer, sichtlich sanfter geworden, mit der Frage entgegen, was er mir für meine Mühe schulde. „N chts — ich habe als Arzt meine Pflicht getan." Damit ließ ich ihn stehen und fuhr weg. Nach mehreren Tagen langte aber doch ein Honorar von 500 Rubeln an. Am darauffolgenden Sabbath, als ich mich zur Thora aufrufen ließ und „Goniel benschte", widmete ich diese Spende eines Antisemiten dm in Kowno befindlichen jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen. Wlr hörten diese echt russische Geschichte mit großem Interesse an. Auch eine Ungarin, eine Zahnärztin aus Budapest, die mit ihrem Gallen gemeinsam praktizierte und in unserem kleinen Kreis durch ihre überaus lebhafte Art und die ein wenig übertriebene, schmuckreiche Eleganz ausgefallen war, schien von diesen merkwürdigen Zaständen im russischen Reiche seltsam berührt. Wir gerieten m ein Gespräch. Plötzlich bemerkte ich auf ihrem nicht unschönen Dekollete, wo sich zu meinem Vergnügen bisher ein mit Eoelsteinen besetztes Anhängsel — Moses, die zehn Gebote haltend — befunden hatte, ein Kruzifix. Ich war so überrascht, daß ich meinen Augen nicht traute. Schließlich erlaubte ich mir doch die Anfrage, was das zu bedeuten habe. Als Antwort griff die Dame rasch nach dem Kettchen, drehte es um — und schon war wieder Moses mit feinen zehn Geboten am Platze. Mein Gesicht mag nicht das Allerklügste gewesen sein. Aber ohne eine Spur von Verlegenheit, lächelnd erklärte sie mir, sie und ihr Mann hätten sowohl christliche als auch jüdische Patienten und wären leider genötigt, auf die Gefühle beider Konfessionen Rücksicht zu nehmen. Aus Geschäftsrücksichten könne man sich mit keiner verfeinden. Käme ein Christ, drehe sie das Wunderkettchen so um, daß das Kruzifix sichtbar sei, käme ein Jude, tauche Moses aus seiner Versenkung empor. Alle Einwendungen, alle Hinweise auf das Unethische und Unschöne einer derartigen Haltung zerschellten an dieser gleichgültigen „Lebensphllosvphie", die nur skrupellos nach dem momentanen Vorteil sucht und die Folgeerscheinungen nicht bedenken will. In einer Ecke des Saales saßen sie beisammen, zwei diametral entgegengesetzte Naturen, der offene, mannhafte Arzt, der sein Judentum im finsteren Lande der Verfolgung hochhält und frei bekennt, die wohlsituierte Jüdin aus Budapest mit der Gemischtwarenhandlung der jeweils notwendigen Gesinnung. Aus der einen schöpft das Judentum seine unendliche Kraft, aus der anderen seine Zerrissenheit und Schwäche. Der Märtyrer und der Renegat, diese zwei Erscheinungen, haben das Judentum aus seinem langen Leidenswege stets begleitet und haben seine große Geschichte mit unverlöschbaren Zeichen geschrieben. _ Literatur. Zoses ftijs. Zu seinem Dichter-Jubiläum. Von Dr. M. M. Tauber. Ein schlichtes Büchlein. Gedichte. Auf der ersten Seite das Bild des Dichters. Zart, schmächtig, semitischer Typus. Der Kopf ist zur rechten Seite geneigt, auf die rechte Hand gestützt, deren Zeige- und Mittelfinger gestreckt sind. Vom grauen, schütteren Scheitel fällt ein Büschel Haare auf die hohe, freie Stirne. In .den - Augen ist alles zu finden, was man einer geliebten Person andichten möchte. Doch eines auf den ersten Blick: wehmütige Resignation. Unter dem Bilde mit gleichmäßiger, ruhevoller Schrift vier Zeilen: l ack meine Ernte sind nur Blumen, schlichte I nck keine Aehre reift auf meinem Feld; l;nd meine Wonnen sind nur Traumgesichte, Und meine Welt ist eine Traumeswelt. (Ueberselzt von J. H. Cserhalmi.) Wie oft konnte ich als junger Gymnasiast stundenlang in den Anblick dieses Bildes versinken, und wie oft konnte ich mich nächtelang in das Lesen dieser Gedichte vertiefen l Jetzt, da das literarische Ungarn das siebzigste Wiegenfest des Dichters zu feiern rüstet, lebt das Bild in meiner Erinnerung wieder auf und all die seligen stunden, die er dem begeisterten Jüngling geboten; und das Fest des greisen Dichters wird auch für mich zu einem Feste der Dankbarkeit und Liebe, und es wird dazu für all jene, die jemals auch nur eines seiner Lieder gelesen. Wohl war Kiss nicht das schwere Schicksal so manchen Dichters beschieden. Er mußte nicht jahrelang um Anerkennung kämpfen, nie unverstanden zu seiner Nation zu sprechen. Schon die ,,Jüdischen Lieder" des 25 jährigen wurden beifällig ausgenommen; die einige Jahre später erschienenen „Ungarischen Balladen" trugen seinen Namen ins Land, und als er im Jahre 1892 seine „Festtage" herausgab, wurde sein Name mit den besten genannt, und der Sänger des „Märchens von der Nähmaschine" und „Jehova" erhielt einen Platz in der Weltliteratur. Und doch zieht ein stetes Entsagen, eine tiefe Wehmut, eine große Klage des ungerecht Verletzten wie ein roter Faden durch sein Werk. Woher dieses Moll seiner Gesänge? Es ist der große, tausendjährige Schmerz, der ihm diese Töne verleiht, der Schmerz des Judentums. Josef Kiss Judentum ist nicht jenes der Popularitütshascher und Eristenzsucher, das mit sich protzt und überlaut ruft: „Ich will mein Recht!" Es ist jenes, das still und ruhig, im Bewußtsein seines Vollwertes, seiner Würde und Größe bescheiden erklärt: „Ich will auch ein Recht." Ein Recht, das primitivste, das jedem Tiere ward: Das Recht auf Liebe zum heimatlichen Boden. Er sollte es nicht lieben dürfen und können, dieses Land, an dem er stets gleich einer Cordelia gehangen, die teuere Erde, die er li:bt, wie der Baum den Boden, da seine Blätter fielen, mit dessen gesegneten heiligen Schollen alle Fiber seines Herzens verflochten und verwachsen? Und doch trifft ihn die Klage: „Wir lieben nicht dies Vaterland. Leichtfertig klagt man uns dessen an. Der Aar darf sein Nest lieben, seine Höhle das Wild — nur nicht du - nicht ich" — belehrt er sein Söhnlein zu einer Zeit, da in seinem Vaterlande die Flammen des Judenhasses hoch aufschlagen, im Jahre des Tisza-Eszlckr-Prozesses. Diesmal, aber nur dies einemal, findet er Töne heftigster Leidenschaft, fast an Verzweiflung grenzende. „Ein Gespenst aus rauhen Jahrhunderten zieht durch die Lande, und wen es ergreift, von dem bleibt nur der leere Name zurück. Sie sagen, dein Vater trinkt Blut, und wenn du einst erwachsen bist, dann trinkst auch du, auch du Blut. Das Sklavenmal, von Henkershänden in die Stirne des Galeerensträflings eingebrannt, schmerzt nicht, wie dieser Verdacht, der allüberall auf uns lauert." Fast empfindet er es als Fluch, Jude zu sein. „Kann sein, daß du verfluchst das Erbe, daß ich dir hinterlassen." Doch er gedenkt segnend und liebevoll seines Mütterleins, das ihm dieses Erbe hinterließ. „Ein IudenweN war meine teuere Mutter — Maria nannte man sie in diesem Erdenleben. And ich, ihr ^-ohn, der wegverlorene, trage keuchend das Kreuz!" Ja, dieses Mütterlein, wie liebt er es! Der kleine Knabe, den seine Mutter in seinen Sabbathstaat kleidet, wenn er zur Pastorsgattin am Dorfende ein Buch und wohl auch einen Apfel holen geht und den die Bauernkinder auf der Straße mit Steinen bewerfen und spottend zurufen: Schaut nur, wie putzig der Iudenbube einherstolziert, berichtet seinem MütterleiM nur von der Liebenswürdigkeit und den Grüßen der Pastorsfrau, doch von dem Unbill, den er erlitten, schweigt er, um ihr nicht wehe zu tun. Wie ausgeprägt ist dieser spezifisch jüdische Zug der Liebe zur Mutter bei ihm! Kein zweiter Dichter hat solche in ihrer liebevollen Schlichtheit schöne Worte des Gedenkens an seine Mutter gefunden, wie Kiss. Irgendwo ferne, Irgendmal lange Gruben ein Grab sie Am Friedhofrande. Das Holzmal versank, Der Hügel fiel ein — Wer dortselbst ruhet, Weiß nur ich allein — Nur ich allein. — War nie dort, möcht’ hin Auf Flügeln des Windes, Sah's niemals, dennoch — Ich weiß — ich lind' es. Eine verborgene Kraft füllt mein Denken,