Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022084--22687-3047845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 884 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 48 Berlin seine theologischen Studien gepflogen hat, tritt hiermit seinen ersten Posten als Rabbiner an, hat aber schon viele Proben seiner hervorragenden Begabung und Eignung für sein Amt abgelegt. Die Festgesänge trug Herr Oberkantor Schlesinger aus Olmütz prächtig vor. — Die Beteiligung an der Feier war ungeheuer groß. In Vertretung der Bezirkshauptmannschaft waren Herr Kommissär NovLk und Herr Dr. Kretz erschienen, für die politische Jsraelitengemeinde der Herr Bürgermeister Klein, weiter Herr Kultusvorsteher Spitzer aus Leipnik, Herr Oberrabbiner Dr. Oppenheim aus Olmütz, die Vertreter der Ehewra-Kadischa in Prerau und des Israel. Frauenvercines in Prerau und eine Abordnung der Prerauer evangelischen Gemeinde. — Mit der allgemeinen Beglückwünschung des neuen Würdenträgers endete das erhebende und weihevolle Fest. Wiefelbnrg a. d. Erlaus. Samstag, den 15. November l. I., starb hier Frau Marie Gregrr nach langer, schwerer Krankheit im hohen Alter von 66 Jahren. Die Verstorbene war eine wahre Wohltäterin für Arme und sehr religiös bis zu ihrem letzten Lebenslage. Welcher Liebe und Wertschätzung sich die Verblichene erfreute, zeigte dir enorme Beteiligung an ihrem Leichenbegängnis. Von nah und fern kamen die Leute, um der Verstorbenen das letzte Geleite zu geben. Im Trauerhause hielt Religionslehrer Herr S. Fried aus Purgstall der Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf, am Friedhose Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Verlisch eine ergreifende Grabrede. An der Bahre trauerten 2 Söhne und 4 Töchter, denen sie eine zärtliche und treue Mutter war. Ihr Andenken sei gesegnet. Treditsch. (Ehrung.) Im Sitzungssaale des Rathauses der Israelitengemeinde wurde Samstag den 15. November 1913 in feierlicher Weise der Sicherheitswachmann und Kultusdiener Jonas Dörrheim mit der von Sr. Ercellenz, dem Herrn Statthalter verliehenen Ehrenmedaile für vierzigjährige treue Dienste ausgezeichnet. Zu der Feier waren erschienen: Der gesamte Ausschutz der politischen Israelitengemeinde, der Ausschutz der israelitischen Kultusgemeinde, die Mitglieder beider Ortsschulräte, die Lehrkörper der deutschen und tschechischen Volksschule, Rabbiner Dr. Stößler, die Abteilung der k. k. Gendarmerie unter Führung des k. k. Bezirkswachtmeisters Herrn Franz Wessely, die dienstfreie städtische Sicherheitswache unter Führung des Polizeirevisors Herrn Dampyk, und zahlreiche Gäste. Der Herr Bürgermeister A. Freund richtete an den Jubilar eine warm empfundene Ansprache, in welcher er dessen langjähriges, verdienstvolles Wirken heroorhob und überreichte ihm die hohe Auszeichnung. Gleichzeitig gab der Herr Bürgermeister seiner Freude darüber Ausdruck, dah der Jubilar noch fernerhin seine wohlbewährte Kraft in den Dienst der Gemeinde zu stellen gesonnen sei. Herr Gemeinderat und Polizeikommissär Sig. Weisl gratulierte gleichfalls und betonte insbesondere den Mut und die Energie des Gefeierten. Desgleichen gab Herr Oberlehrer Anton Mikunda seine Freude über diese wohlverdiente Auszeichnung kund. Tiefgerührt antwortete der Jubilar und dankte der Gemeinde für alle Beweise der Liebe. Mit einem vom Herrn Bürgermeister ausgebrachten und begeistert ausgenommenen Hoch auf den Kaiser wurde die Feier geschlossen. K. Bestrafung des antisemitifchM Polizeihauptmanns. Aus Maramarosßiget wird gemeldet: Wie erinnerlich, hat Polizeihauptmann Georg Jbranyi die hiesigen koscheren Fleischbänke auf wenig geschmackvolle Weise gemaßregelt. Die Disziplinarbehörde verurteilte den Polizeihauptmann gu 100 Kronen Geldstrafe und motivierte ihr Urteil damit, dah Jbranyi unerlaubte Mittel in Anwendung gebracht und die konfessionelle Empfindlichkeit verletzt habe. Der Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche hält in den Tagen vom 28. bis 30. Dezember in Breslau seinen Verbandstag ab. Die Verhandlungen finden in den Räumen der Lefiingloge, Agnesstraße statt. Das Hauptthema beschäftigt sich mit der „rechtlichen Stellung des jüdischen Religionsunterrichts und des jüdischen Lehrers". Da die gesetzliche Lage in den Bundesstaaten verschieden ist, so find Referenten aus allen Teilen des Reiches gewonnen worden. Mit der Tagung ist eine Ausstellung von Jugendschriften und Lehr- und Lernmitteln verbunden. Die Hauptversammlungen find öffentlich; Gäste haben also freien Zutritt. Alles Nähere wird später bekanntgegeben werden. Feuilleton. Iudenlyperr. Von Jakob S. Straßberg. Längst waren die Blätter verwelkt, auf den Abhängen der Hügel glühte die mattgewordene Sonne und reifte den jungen Wein. Mein Zug fuhr durch eine bunte, farbige Welt, in die der Herbst seine gelben, tiefroten und violetten Zeichen geschrieben hatte. Etwas von der unendlichen Wehmut des Herbstes legte sich auch auf meine Seele, der ich dahinfuhr, um in dem verlassenen und leer gewordenen Karlsbad, längst nach Schluß der Saison, meine angegriffene Gesundheit wiederherzustellen. Die große Symphonie des Scheidens und Vergehens übergoß den ganzen Ort mit einem eigenartigen Zauber — nie habe ich ihn in den Tagen rauschenden Lebens, bewegter Vergnügungen so gesehen. Aber auch die paar Besucher, die ich noch vorfand, schienen mein Interesse lebhafter in Anspruch zu nehmen, während sonst die große und flutende Menge der Saisonkurgäste daran schuld ist, daß man an dem Einzelnen vorübergeht. Die stille Einsamkeit des Oktobers schloß uns zusammen, brachte uns einander näher und so kam es, daß mir ein sonderbares Schicksal zwei Judenjypen in den Weg führte, die mir wie ein Symbol unseres Volkscharakters erschienen. Beide gewährten mir im offenherzigen Vertrauen Einblick in ihre wahre Natur. An einem Abend, den wir „Robinsonisten" in der einsamen Jnselecke des Speisesaales gemeinsam verplauderten, lernte ich einen interessanten Typus kennen. Es war ein Frauenarzt aus Kowno in Rußland, ein hochgewachsener, dunkeläugiger Mann, der jene offenherzige und schlichte Gradheit zeigte, welche bei biederen, hochstehenden Naturen das offenkundige Merkmal einer vornehmen Gesinnung ist. Dr. Sch. erzählte mir folgendes charakteristisches Erlebnis aus seiner Heimat: An einem stürmischen Winterabend, vor wenigen Jahren, klopfte es plötzlich derb an die Türe meines Wohnhauses. Ich öffnete und sah einen riesigen Bauer vor mir stehen, der mit einer Herrschaftskutsche vorgefahren war. Es war der Diener eines reichen Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, dessen Frau ihrer schweren Stunde entgegensah. Vergeblich hatte er den Hausarzt seiner Herrschaft gesucht, derselbe war nicht zu finden, weil er wahrscheinlich in einer der vielen Schenken, wie es öfters der Fall war, weilte. Angesichts eines Falles von solcher Dringlichkeit, nahm ich mir nicht einmal die Zeit zu erwägen, daß der Gutsbesitzer einer der wütendsten Antisemiten der Gegend sei, sondern packte meine Instrumente zusammen, schlüpfte in den Pelz und fuhr bei einer sibirischen Kälte zwei Stunden durch die Nacht dem Dorfe zu, wo das Gut lag. Dort wurde die Ankunft des Arztes bereits mit fieberhafter Ungeduld erwartet und der Gutsherr war nicht wenig überrascht, mich aussteigen zu sehen. Er wechselte rasch mit dem Kutscher einige leise Worte, trat dann ohne Gruß auf mich zu und ersuchte mich mit einer Geste, ihm zu folgen. Im Zimmer der Wöchnerin, wo seine Gattin in schweren Wehen lag, sagte er plötzlich, indem er einen Revolver aus der Tasche zog und seine Hünengestalt drohend vor mir aufrichtete: „Höre, Jude! Diese Waffe ist mit sechs Kugeln geladen. Sollte meine Frau unter deiner Hand sterben, laufen sämtliche Kugeln durch deinen Kopf." Sie werden mir zugeben, ich war in einer seltsamen Situation. Einen Moment dachte ich daran, einfach Kehrt zu machen, die Tür hinter mir zuzuschlagen und die Frau ihrem sicheren Schicksal zu überlassen. Aber bei einem Blick auf die jammernde Gestalt siegte der Arzt über den Menschen. Ohne den Gutsbesitzer einer Antwort zu würdigen, maß ich