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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bkochs Wochenschrift. richte der „Utopien nachjagenden" Ito, sondern - ooin deutschen Reichsamt des Innern. Also aus einer absolut zuverlässigen Quelle. Da ließ sich nicht mäckeln. Bekanntlich sind wir Juden in ähnlichen Fällen jüdischen Zeugnissen gegenüber recht mißtrauisch gestimmt. Wenn es aber ein Christ sagt —, da verstummen alle Zweifel. Mutzten wir uns dach auch von Christen erst bestätigen lassen, daß wir kein schwungvolles Exportgeschäft in Christenblut aus Rußland nach Galizien treiben. Wo liegt nun aber dieses schone Land? Vielleicht ließe sich da doch was machen? Nun. wir rennen dieses Land und wir wissen sogar, daß sich hier was machen ließe. Der Name des Landes ist uns bereits geläufig, und bereits vor einem Jahre machte eine jüdische Qrganisation auf dieses Land aufmerksam. Cs war aber eben eine — jüdische Organisation und das war natürlich verdächtig. Jetzt aber handelt es sich um das Deutsche Reichsamt und das jüdische Volk wird wohl besser auspassen. Freilich: das Deutsche Reichsamt kümmert sich herzlich wenig um die armen jüdischen Wanderer. And wie sollte es? Cs hat andere Sargen, andere Absichten, wenn es sich Angolas so warm annimmt. Es fragt sich aber, ob wir Juden r eine anderen Sorgen haben, als für die europäischen Kolonialmächte gute und noch zu habende Ländereien herauszusuchen und dann ruhig zuzuschauen, wie jene die Früchte unserer Arbeit genießen. Sv war es mit Uganda, so war es mit Cyrenaica. Wir haben nun unsere historische Mission auch auf diesem Gebiete redlich erfüllt. Ist es nicht Zeit, an unsere eigenen Bedürfnisse zu denken? Sollte es uns mit Angola ebenso ergehen wie mit den anderen Territorien? Könnte das jüdische Volk es vor seinem eigenen Gewissen je verantworten? Es liegt vor uns eine selten wiederkehrende Gelegenheit. Sollte sich nicht die vielgerühmte jüdische Wohltätigkeit endlich zu einer Wohltat ausraffen? Es ist noch gewiß nicht zu spät. Wir haben Chancen, wir besitzen, sobald es sich um ein solches Land wie Angola handelt, einen Trumpf in den Händen, wie ihn keine Regierung der Welt aufzuweisen hat: wir haben nämlich überhaupt keine Regierung hinter uns und können somit Portugal die sicherste Gewähr bieten, daß alles, was wir in Angola schaffen, auch restlos der portugiesischen Kolonie Angola zugute kommen wird. Zwar erklärte der Kolonialminister Herr Almeida Riheiro kürzlich,*) daß „er für die Kolonie keine Gefahr sieht, falls das jüdische Kolonisationsprojekt auch nicht angenommen werden sollte". Es ist jedoch zu bezweifeln, ob Se. .Erzellenz auch jetzt, nach den neuesten Ereignissen, auf dem Gebiete der europäischen Kolonialpolitik mit derselben Bestimmtheit diese Behauptung aufstellen würde. Wie die Dinge nun einmal liegen, wird wohl kein weitblickender portugiesischer Staatsmann leugnen wollen, daß die junge Republik noch auf Jahre hinaus im Mutterlande selbst volle Hände zu tun haben wird, um noch nebenbei in nennenswerter Weise an die Erschließung der gewaltigen Landstrecken Angolas herantreten zu können. „Die staatliche Kolonisation", sagt der Kolonialminister,**) „erwies sich bis nun immer als unrentabel und kostspielig, die Kolonisierung aber durch Vermittlung portugiesischer Gesellschaften — als undurchführbar, weil letztere für ihre Emissionspapiere vom Staate unerschwingliche gesetzliche Garantien verlangten." Weder der Staat, noch das portugiesische Privatkapital wären also in der Lage, die Besiedelung der afrikanischen Kolonie in die Wege zu leiten, während andererseits das Heranziehen fremder Kapitalien anerkanntermaßen gewisse Gefahren in sich bergen würde.***) Der Ausweg aus dem schwierigen Dilemma ergibt sich *) »Lumario das Lessoes do Leonado«, vom 12. J ini 1913. **) Daselbst, S. 1051. ***) Man vergleiche z. B. die Ausführungen des Senators Adriano Piments (vom 16. Juni), der offen die Befürchtung ausspricht, daß man, im Falle der Konzessionserteilung an eine deutsche Gesellschaft, sich daraus gefaßt machen muß, innerhalb Weniger Jahren in Angola eine mächtige deutsche .Ansiedlung zu gewahren. Seite 876 von selbst: die Schaffung einer ausgedehnten jüdischen Kolonie in Angola, deren Loyalität, gestützt auf geschichkliche Tatsachen, wohl von vornherein als festgsstellt betrachtet werden muß. Das konnte den portugiesischen Politikern nicht entgehen, und daraus erklären sich auch z. B. die folgenden Auslassungen des Kolonialministers: „Portugal ließ bereits zu wiederbolten Rialen günstige Gelegenheiten, die afrikanischen Kolonien zu be'iedeln. unbewußt verstreichen, und die Kammer sollte es nicht zulasten, daß eine neue Gelegenheit verpaßt werde, einen gewissen Teil des bis jetzt brachliegenden und foglich keinen Nutzen bringenden Territoriums zu erschließen."*) Daraus erklärt sich ferner auch, warum der Minister sich unbedenklich über die Nörgeleien mancher furchtsamer Geister hinwegsetzt und ein weitgehendes Entgegenkommen den jüdischen Wünschen gegenüber befürwortet. Diese Wünsche wurden betanntlich in allgemeiner Fassung in der am 30. Juni 1912 von der Wiener I t o - K o n f e r e n z an die portugiesische .Kammer gerichteten Depesthe präzisiert und gipfelten darin, daß die Juden nur dann auf das vom portugiesischen Parlament ausgearbeitete Projett eingehen würden, falls sie in die Lage gesetzt worden wären, eine wirklich großzügige Aktion unternehmen zu können. Daß dieser Wunsch nicht unge-echtsertigt ist, wird am beste» dadurch bewiesen, daß der Kolonialininister selbst durchaus der gleichen Meinung ist. „Damit die Kolonisation die auf sie gelegten Hoffnungen erfülle", sagt der Minister, „ist es notwendig, den Gesetzentwurf so umzugestalten, daß es gestattet, sei, an einzelne Individuen, sowie an leistungsfähige Körperschaften weitgehende (grandes) Konzession zu erteilen."**) * Jeder vorurteilslose und unparteiische Beobachter mußte eiusehen, daß im vorliegenden Falle kein Phantasieprodukt, wie manche Uebergescheite sich auszudrücken belieben, sondern eine konkrete Möglichkeit geboten wird, für die der gänzlichen Verelendung entgegengehenden jüdischen Massen Rußlands, Galiziens und anderer Länder eine Stätte ruhiger produktiver Arbeit unter menschenwürdigen Lebensbedingungen zu schaffen. Daß die objektiven Verhältnisse günstig sind, das ergibt* sich aus dem am Eingang angeführten Zitate zur Genüge. Daß auch die portugiesische Regierung einem ernsten Vorschläge in Weitgehendstem Maße entgegenkommen wird, das ist nach dem Ausgeführten wohl auch nicht zu bezweifeln. Daß endlich - die jüdischen Massen so etwas brauchen könnten, muß das noch ausdrücklich bewiesen und betont werden? Es wäre, mit einem Worte, ein reines Go-ui-d'^ «-Geschäft-, eine Form, die bekanntlich die sicherste Garantie dafür bietet, daß beide Kontrahenten bei einem bißchen guten Willens zu einer alle befriedigenden Einigung gelangen könnten. Run, die portugiesische Regierung hat das ihrige getan, indem sie das Projekt im Prinzipe angenommen hat. Wie steht es aber mit uns? Wie steht es mit dem jüdischen Volke, dem sich wieder einmal Gelegenheit bietet, eine radikale Kur in die Wege zu leiten für all die zahllosen Gebrechen, au denen Tausende seiner Söhne jahraus jahrein zugrunde gehen? Das jüdische Volk bleibt kühl, es verharrt in abwartender, reservierter Stellung. Unsere jahrtausendelange Leidensgeschichte scheint uns nicht für positive, aufbauende Arbeit gereift zu haben. Rur wenn uns der Keulenschlag eines Pogroms, eines Beilis- Prozesses auf den Scheitel trifft, - dann raffen wir uns auf, um — zu protestieren. Sind wir wirklich immer noch im Wahne besangen, daß so ein Protest - im besten Falle — etwas mehr als eine flüchtige momentane Linderung herbeiznführen imstande ist? Ist doch die Wurzel des Hebels viel, viel tiefer zu suchen. Lange Jahrhunderte hindurch lebte das jüdische Volk in beispiellos anormalen Verhältnissen. Im Gegensatz zu allen anderen Völkern war es nicht mehr in der Lage, seine Existeiizmittel u n - mittelbar der Mutter Erde zu entnehmen; zwischen ihm und der segenspendenden Naturkraft der Scholle waren die andere» *) Daselbst, S. 1051. **) Daselbst, S. 775.

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