Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 874 D§. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 Namkp und Ansehen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft erwerben; die Achtung, die er in diesem unseren inneren Kreise genießt, schafft ihm erst die allgemeine Reputation. Daher kommt es, daß unsere jüdischen Wohlfahrtsinstitute reichlich dotiert sind. Jndeß mit Geld allein ist es nicht getan, man muß auch für die gute Sache die eigene Persönlichkeit einsetzen, in der Verwaltung und Leitung der Institute den Mann stellen. Männer, wie Jakob Schiff, Marschall, Strauß, Guggenheim, Lewisohn usw. nehmen persönlich Anteil an allen Beratungen wichtiger jüdischer Angelegenheiten. Wir lasten es an Bemühungen nicht fehlen, unsere Kinder die gleichen Wege zu leiten und man kann nicht sagen, daß die neue Generation bei uns dem Judentum sich fern hält oder entfremdet. Wer es zu einer hohen Stellung gebracht, hegt nicht den Ehrgeiz, als einziger Stern am jüdischen Himmel zu strahlen. Ich selber durfte dem Präsidenten Wilson für mehrere wichtige Aemter geeignete jüdische Kandidaten in Vorschlag bringen. Von dem gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten Wilson spricht Herr Morgenthau in Ausdrücken höchster Bewunderung. Er unternimmt nichts geringeres, sagt er, als die Ideen der sozialen Gerechtigkeit auch im ökonomischen Leben und im Kampf materieller Interessen zum Siege zu führen. „Soziale Gerechtigkeit" war bis nun ein Schlagwoit, ein schönes Thema für Prediger, Moralisten und Echiker; zum erstenmal erscheint auf der Bildfläche der Geschichte das Staatsoberhaupt einer großen Republik und verkündet als sein Regierungsprogramm, den gesamten Komplex der staatlichen Gesetzgebung von der Idee der sozialen Gerechtigkeit durchdringen zu lasten. Bis nun hat die Gesetzgebung Paragraphe auf Paragraphe gehäuft — zum Schutze des Eigentums; nun aber soll ausschließlich menschliche Wohlfahrt die Energie und das Genie des Gesetzgebers anspornen. Wer die erste Botschaft Wilsons bei Uebernahme seines Amtes gelesen, den erinnerte sie unwillkürlich an manche Aussprüche der alten hebräischen Propheten. Es war ein Mahn- und Weckruf an das soziale Gewissen zu einer Neugestaltung des staatlichen Lebens, und wenn sein Werk gelingt, so hat er eine neue Phase in der menschheitlichen Entwicklung vorbereitet. Zu seinen Gehilfen hat er auf die höchsten Staatsposten Männer berufen, die seines Sinnes sind und sein Vertrauen genießen, darunter auch eine große Anzahl von Juden. Die Unterhaltung wendet sich der gegenwärtigen Lage der Juden im nahen Orient zu und der Botschafter sagt: Es entspricht den Intentionen des Präsidenten, wenn ich in Kor.stantinrpel der Lage der Juden im Orient meine ernsteste Aufmerksamkeit zuwende, was mir zur hohen Genugtuung gereicht. Die Möglichkeit von einer wichtigen Stelle aus für Juden und Judentum wirken zu dürfen, erachte ich uls eine Gunst des Geschickes, wofür ich der Vorsehung dankbar bin. Mehr Reichtümer zu erwerben ist mein Ehrgeiz nicht, ich bedarf ihrer auch nicht, allein als Jude offen und frei für das Judentum einzutreten — dieser Aufgabe will ich die Lebensjahre widmen, die mir noch beschicken sind. Die besondere Freundschaft und das ausgezeichnete Vertrauen, die ich bei Präsident Wilson genieße, ist den Staatsmännern bekannt und wird mir meine Aufgabe erleichtern. Vor meiner Abreise habe ich in Ne- I ’ mit einem zionistischen Führer gesprochen; in London, uw cy mit den leitenden Männern des englischen Judentums konferierte, hat auch Herr Israel Zangw i l l mich besucht, wir haben über -drei Stunden miteinander beraten, er wird mich in Konstantinopel besuchen, denn er hat wichtige Dinge vor. Ich brachte die Frage des rustisch-amerikanischcn Handelsvertrages zur Sprache. Der Botschafter sagte, Amerika werde nicht nachgeben und einen Vertrag ohne Schutz seiner jüdischen Bürger nicht schließen. Wir denken aber nicht daran, einen Zwist mit Rußland in Form eines Zollkrieges zu beginnen; es wird eben bei dem vertragslosen Zustand verbleiben. Das Problem des russischen Judentums ist ein äußerst schwieriges und kompliziertes; Amerika ist zweifellos noch aufnahmsfähig, wenn die Emigranten der Landwirtschaft sich zuzuwenden entschließen möchten. Neue Einwanderungserschwernisse zu Ungunsten der Juden sind nicht zu besorgen. Die jüdischen Emigranten fallen dem Lande nicht zur Last, bilden nach keiner Richtung ein unwillkommenes Element. Die Agitation der Arbeiterorganisationen richtet sich gegen jene Schicht von Einwanderern, die infolge ihrer niederen Lebenshaltung, ihrem Mangel an Intelligenz, den Arbeitswert und Arbeitslohn drücken, als Streikbrecher sich mißbrauchen lassen. Solche finden sich nicht in den Reihen der jüdischen Emigranten, was auch der jetzige Handelssekretär, ein Vertrauensmann der Arbeiterorganisationen, offen anerkannt hat. In Bezug auf die rumänischen Juden ist der Berliner Vertrag noch in völkerrechtlicher Geltung, harrt aber noch der Ausführung, was vor Anerkennung des neuen, diesem Staate zugefallenen Gebietszuwachses eine befriedigende Lösung erfahren sollte. Der Botschafter spricht seine Verwunderung aus über die unverhältnismäßig hohe Ziffer jüdischer Soldaten, wie sie von rumänischen Negierungsmännern geflistenilich angegeben wird. Die jüdische Bevölkerung Rumäniens zählt vermutlich 200 000 bis 230.000 Seelen, von welchen unmöglich 30.000 im Heere dienen können. Der Botschafter gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Klugheit der rumänischen Regierung erkennen werde, daß es endlich an der Zeit wäre, auch dieser internationalen Verpflichtung gerecht zu werden. Mit diesen Ausführungen des interessanten Staatsmannes schloff unsere Unterredung. Der amerikanische Botschafter am Wiener Hof nebst Gemahlin erschien im Hotel zum Besuch des Kollegen. Ich verabschiedete mich von Herrn Morgenthau mit dem Eindruck, eine der interessantesten Persönlichkeiten der neueren jüdischen Zeitgeschichte kennen gelernt zu haben, einen Staatsmann von treuer jüdischer Gesinnung und Charakterfestigkeit, der Beruf und Willen hat, dem jüdischen Volke gute Dienste zu leisten. Schon sein Werdegang ist Bürgschaft dafür, daff sein Unternehmen nicht mißglücken kann. Der Segen jedes treuen Juden geleitet ihn auf der neuen Bahn, die er betreten. Bon S. Ginsburg, Ing., Zürich. . . . „Von besonderer Bedeutung ist, datz in den bezeichneten Gebieten alle Arten von Getreide, insbesondere Weizen, was Klima und Bodenbeschasfenheit angeht, angebaut werden können. Mais wächst überall. Europäische Früchte, wie Aepfel, Birnen, Pfirsiche, Wein, Feigen, Orangen, sowie alle Arten Gemüse gedeihen auf der Höhe des Hochplateau, aber auch sonst. Vieh ist im Hochlande säst überall reichlich vorhanden. Das Vieh wächst bei dem prachtvollen Futter stellenweise in einem Jahre groß" . . . . Klimatisch und landschaftlich außerordentlich reizvoll, reine Berglust, reichliches Quellwasser, durchweg gesund und für europäische Besiedlung geeignet ..." So las ich neulich in einer Zeitung/) und unwillkürlich mutzte ich daran denken, wie schön es doch wäre, wenn wir Juden für unsere nach eigener Scholle lechzenden Massen so ein Ländchen bekommen könnten. Für unsere Hunderte und Tausende Landwirte, welche panikartig aus der russischen Hölle fliehen, um in Newyorks „Schäoitz-Industrien" geistig und körperlich zu verkommen; für unsere vom Osten kommende Jugend, die mit ihrem neuerwachten Selbstbewutztsein und ihrem brennenden Tatendurst unstet und unfruchtbar in der weilen, feindlichen Welt umherirrt. Ja, wenn wir so ein hübsches Ländchen bekommen könnten! . . . Und daß dieses Land tatsächlich gut ist, — daran war nicht zu zweifeln. Stammte doch diese Beschreibung nicht etwa aus der Feder eines jüdischen Enthusiasten oder gar aus einem Be- •*) „Berliner Tageblatt", Nr. 512, vom 24. Oktober, Abendblatt.