Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite £69 dazwischen blinkt es von dem Eelde der Barmherzigen und Mitleidigen. Es wird immer mehr, bald wird sein Schein zu dem Auge des armen Mannes dringen und es blenden. Und dann wird ein Impresario kommen, der nicht mehr entschieden abgewiesen wird, und der dritte wird die Hütte vielleicht mit einem Kontrakt in der Tasche verlassen. Der Biewer Prozeh ist dann den Impresarii zuliebe geführt, Beilis den internationalen Neugierigen zuliebe angeklagt, gepeinigt und freigesprochen worden. So grotesk sich der smarte Amerikaner in der kümmerlichen Kiewer Hütte ausnimmt, so peinigend scharf hebt sich die weitest wirkende technische Errungenschaft der Neuzeit, die Impresa, von der mittelalterlichen Atmosphäre dieses Prozesses ab. Es hat hier orthodore Theologen gegeben, die im Talmud blätterten und den Ritualmord suchten, und die Inquisition funktionierte wie zur Zeit Jgnatii von Loyola. Die gesamte radbinische Wissenschaft war aufgeboten, das Märchen vom Ritualmord zu widerlegen. Da kommt der Impresario — was ist der Freispruch neben ihm! — und macht dem Streit ein Ende. Es gibt keinen Ritualmord, es gibt nur die Sensation und das Geschäft. Beilis hat gedankt. Er dankt für Brief und Geld, für Glückwunsch und Beileid. Er ist so müde und möchte ausruhen. Aber der Impresario kommt, reiht ihn vom Stuhl, und Beilis, ob er nun will oder nicht, wird die Reise nach Amerika machen müssen. Die sittliche und geistige Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts hat ihn dem Henker entrissen. Der Geschäftssinn des zwanzigsten Jahrhunderts wird ihn am Nacken fassen und ihn als Schaustück durch die Welt schleppen. Der Impresario ist eine grvhe Macht; wer kann gegen diese Macht aufkommen? (Aus dem „Pester Lloyd".) Bev ttcutffc §d$Uin-Jiomast drr 3; Wir sprechen von dem zweiten Teile des neuesten Schiller- Romans des Schriftstellers Walter von Molo, den er „Iin Tita n e n k a m p f" betitelt und dem ersten, im vorigen Jahre erschienenen, der den Titel „kl m's M e u s ch e n t u m" trägt, folgen läht, während der dritte Teil, „Den Sternen zu", im Jahre 1914 erscheinen soll. Eine Romantrilogie soll demnach diese Dichtung werden, die uns die Gestalt des Dichters, den eine moderne literarische Bewegung gerne verkleinern möchte, denn welche starke Persönlichkeit bleibt vor diesem Geschicke bewahrt, menschlich näher bringen soll. Wir erblicken den realen, nicht wie die Altvordern, den idealen Schiller. Jeder Kenner der modernen Literatur weih, dah eine neuere Richtung der literarischen Forschung auch vor den geistigen Heroen: Goethe, Herder, Lessing, Wieland und unserem Grillparzer nicht Halt macht, und, sie, von ihren Piedestalen hebend, uns im „menschlichen, allzumenschlichen" Gewände zeigt, um wieder einmal mit Nietzsche zu sprechen. „Man ist kein großer Mann vor seinem Kammerdiener," sagte Napoleon, den sie jetzt so gerne als übermütigen Korsen bezeichnen, was aber nicht hindert, dah „Le Grand" ein grundgescheiter Mensch gewesen . . . Doch wir wollten von Molo's Romane „Im Titanenkampf" sprechen. Dieser Kampf wird von Schiller gegen die zwei größten Mächte des Lebens: gegen den Hunger und die Liebe, geführt. Bleiben wir beim „Hunger", dem Titanen, der schon manchem Zeus schwere Kämpfe verursachte. Schiller hat diesen Titanen von der furchtbarsten Seite kennen gelernt, denn die deutsche Nation lieh ihn hungern und im zerrissenen Schuhwerk herumgehen, erkannte aus seinem Löwenwurf „Die Räuber" nicht oder wollte es nicht erkennen, dah ihr ein Shakespeare geboren worden. In sieter Gefahr, wegen der Freiheitsideen, die er in allzu überschwenglicher, chaotischer Weise zum Ausdrucke gebracht hatte, verhaftet zu werden, flüchtet sich der unglückliche Dichter, aller Mittel bar, — denn auch Dichter müssen essen, — nach Bauerbach im Meiningischen, wo er auf dem arg verschuldeten Bauerngut der Frau von Wolzogen kümmerlichsten Unterschlupf findet. Diese Zeit der Not des Dichters, dann die der unerquicklichen Verhältnisse in Mannheim, wo er in den Jahren 1783—1785 ein unwürdiges Leben als Theaterdichter von Dalbergs Gnaden im steten Kampfe mit der Eitelkeit der Schauspieler, z. B. der Ifslands, führen muh, sein Leben in Leipzig, wohin ihn sein Bewunderer, Konsistorialrat Körner, der Vater des jetzt so viel gefeierten Dichters Theodor, geladen, die Jahre von Leipzig und Gohlis, von Dresden und Loschwitz, endlich seine Uebersiedlung nach Weimar, seine erste Zusammenkunft mit Wieland, Herder und Goethe, werden in dem zweiten Teile der Romantrilogie in realistischer, fast möchten wir sagen, allzu realistischer Weise geschildert. Der Nimbus, den die schulmähig betriebene Literaturgeschichte um den „Liebling der Nation" gewoben, wird von Molo, dem sicherlich die besten Quellen zu Gebote standen, gründlich zerstört. Als Doktor Ritter kommt der gehetzte Dichter nach Bauerbach. Hier empfangen ihn der Wolzogensche Verwalter, Herr Wendel-Voigt und eine jüdische Magd, die Magd Judith, die für die Strümpfe des Dichters sorgen soll, der bereits seinen „Räubern" den „Fiesko" hat folgen lassen und der die „Luise Millerin" und den „Don Karlos" im gedankenschweren Haupte trägt. Walter von Molo, der seinem Romane, gewih mit guter Absicht, keinen Ballast beschwerlicher Anmerkungen anhängt, nirgends einen Hinweis auf seine Quellen gibt, läht uns im unklaren, ob diese Judith, die den Dichter so sorgfältig betreut, Botendienste für ihn verrichtet und ihm, dessen Schuhe zerrissen sind, wenigstens auf die Strümpfe hilft, eine historische odererdichtete Figur ist. Und wie steht es mit dem Juden Ifaac, den uns Molo vorführt, dem Geldgeber Schillers, da er sich in der jammervollsten Lage befindet und von seinem Vater, dem Hauptmann Schiller, zwar kein Geld, aber den klugen Rat erhält, zu heiraten, natürlich eine „vermögliche" Braut, die ihn „aus allen Schwierigkeiten des Geldbeutels reihen" könnte, „in denen er nun lieget". Vorläufig aber geht Schiller zum Juden. Der wird folgendermahen geschildert: „Das gelbe, kranke Antlitz floh mit dem gestreiften Belmantel (!), über den Patriarchenbart, in eine trübe Mihfarbe zusammen." Und nun beginnt zwischen dem Dichter und Juden, in dessen Wohnung es nach „Knofel und Zwiebel stank", anders kann sich die moderne Dichtung die Wohnung eines jüdischen Geldgebers nicht vorstellen, das Gefeilsche und den stürmisch verlangten Mammon und die Zinsen, die, fast Hütte ich gesagt, natürlich der Dichter den Juden sehr hoch bemessen läht, denn „teuer ist die Zeit und teuer, durch hohe Zinsen, das Geld". Man sieht, unsere Zeit muh sich auf die Geldteuerung nichts einbilden, es war schon 1783, also vor genau ausgerechnet 130 Jahren, teuer .... So versichert wenigstens der Isaac 'Joalter Molos, der Isaac, der „im schmutzigen Bet mantel" Geldgeschäfte treibt. Doch vielleicht hat Schiller den Juden Isaac im Gebete gestört, denn wie wäre es sonst zu er klären, dah dieser im Betmantel erscheint? Weit gefehlt. Isaac verrichtet allerdings einen Gottesdienst, aber nicht, indem er betet, sondern auch dies ist ein hoher Dienst indem er den „Nathan" Lessings liest. Allen Respekt vor diesem Mammonsverehrer und hohe Zinsennehmer. Dieser Jude, der ein Anhänger Mendelssohns zu sein scheint und über Messing das, gewih von uns allen gebilligte, ästhetische Urteil abgibt, das sei ein Poet, „der nebst dem Herzen auch scharfen Verstand hat," dabei in den „Gebetmantel" gehüllt ist und um die Zinsen feilscht, scheint uns doch etwas widerspruchsvoll in seinem Gehaben und vom Dichter verzeichnet. Man denke: Während Isaac rechnet: „Acht pro Hundert ist für fünfzig Gulden in unseren Zeiten sehr wenig", und Schiller von den „Drei Ringen" liest: „Wohlan! Es cif re jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe jeder von euch um die Wette, Die Kraft des Steins in seinen: Ring an Tag Zu legen!" . . . zitiert der Jude Isaac aus dem Gedächtnisse die Verse weiter: „ . . . komme dieser Kraft mit Sanftmut Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hilf!" - Gebetmantel, Lessing und Geldoerleihen, drei höchst disparate, oder wenn man will, kontradiktorische Begriffe, i Doch weiter. Schiller unterschreibt den Wechsel. In demselben Augenblicke steigt vor dem Dichter die Gestalt des Marquis Posa aus, der in gleicher Weise vor dem Könige Philipp steht, wie Nathan vor Saladin. „Unser Jahrhundert," sagt er zu dem Geld gebenden Isaac, „muh im Kopfe umgeschaffen werden, soll der Mensch nicht verzweifeln! Doch, Jude: ein Volk, das mit der Dichtkunst verwachset, gehet vorwärts! Es wird sich wenden!" Mit „finsterdrohendem Ghettoblick" ruft der Jude aus: „Was haiht Volk? Bin ich daitsch?" Daraus der Dichter: „Deutsch ist, was frei sich sehnt!" Der Jude: „Zu weit umrissen, Verehrter! Das daitsche Volk läht die Poeten hungern." Und weiter: „Das alte Blut des auserwählten Volkes ist nicht tot!" . . . „Die Daitsch-Barbaren Werdens wecken!" Wir haben dieses gewih interessante Gespräch, das sicherlich nicht stattsand, ausführlich zitiert. Es ist uns unmöglich, zu erforschen, ob die ganze Szene geschichtlich oder erdichtet ist. Ist sie nur der Phantasie des Dichters entsprungen? Hat Walter von Molo den Juden Isaac, den Wucherer, in seinen Roman eingeführt, weil es nun einmal Mode geworden, in modernen Litraturwerken den Juden in häßliches Art darzustellen, als den Menschen, der die Not des Mitmenschen zu seinen eigennützigen Zwecken mißbraucht? Dann begreifen wir es, dah unsere modernen Juden und insbesondere unsere Jugend, welche die neuesten Erscheinungen der Literatur mit einem gewissen Heißhunger lesen, so verkehrte Anschauungen über Juden und Judentum erhalten. — Wir erinnern nur an den vielgelesenen „Hungerpastor" des vor zwei Jahren verstorbenen Wilhelm Raabe. Und nun behaupten wir, dah das Charakterbild, das Molo von seinem Juden gibt, ein unrichtiges ist. Ein Jude, der den „Nathan" liest, ihn auswendig zitiert und dann von den „Daitsch-Barbaren" spricht, die das „auserwählte Volk" erwecken, erscheint uns als die Verkörperung einer contradicocnoi de ajt.t Warum wir auf diese